Sascha Lobo

Digitale Dekade Die radikale Macht der Plattformen

Die Zehnerjahre wird man dereinst als Dekade des digitalen Durchbruchs betrachten - zu Recht. Im Rückblick lässt sich gut nachvollziehen, wie es dazu kommen konnte und welche Entwicklungen entscheidend waren.
Foto: Dado Ruvic/ REUTERS

Smartphone

Die erste digitale Dekade beginnt mit dem modernen Smartphone, das von den meisten Menschen noch immer als Gerät missverstanden wird. Das ist ungefähr, als würde man Jesus als Weinproduzenten  bezeichnen. "Technically correct" sagen wir dazu im Internet, was so viel bedeutet wie: Stimmt inhaltlich, aber trifft nicht im Ansatz den Punkt. In Wahrheit handelt es sich beim Smartphone um eine mobile Softwareplattform, den Kristallisationspunkt des digitalen Kapitalismus. Das Gerät ist ersetzbar und wird in der nächsten Dekade zum Teil ersetzt werden, das Konzept bleibt. Anfang der Zehnerjahre begann mit Apple und Google das Netz, vom Schreibtischphänomen zur Weltmaschine zu werden.

Soziale Medien

Und diese Überallnis wiederum war die zwingende Voraussetzung für den Siegeszug der sozialen Medien. Noch heute missverstanden, ermöglichen sie überhaupt erst die Entstehung einer digitalen Gesellschaft. Denn soziale Medien verschieben nach und nach die Gravitation der Aufmerksamkeit ins Netz. Sie erzeugen eine dauerhafte und ständige Verbindung zwischen Mensch und vernetzter Maschine.

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Dadurch entstehen Datenströme, die zuvor kaum zu erheben oder vorstellbar waren: Verhaltensdaten, Bewegungsdaten, Daten zu sozialen Beziehungen und Interaktionen, kurz: Nutzungsdaten aller Art. Und zwar in Echtzeit, denn die Zehnerjahre waren anders als oft behauptet keine Dekade der Daten. Daten sind in dem Moment veraltet, in dem sie erhoben werden. Eigentlich geht es um Datenströme, also sich immer wieder selbst erneuernde Daten samt Verlauf.

Plattformen

Daraus speist sich die heutige, ungebrochene und radikale Macht der Plattformen, der ökonomischen Megamacht der letzten Dekade. Plattformen sind digitale Ökosysteme, auf denen wertschöpfende Interaktionen zwischen verschiedenen Gruppen stattfinden, so die etwas vereinfachte Definition des Plattformökonomen Geoffrey Parker.

Die westlichen Gesellschaften haben bisher nicht herausgefunden, wie man Plattformen richtig regulieren kann. Eigentlich haben sie nicht einmal herausgefunden, wie man Plattformen dazu bekommt, Steuern zu bezahlen. In den Zehnerjahren lässt sich "digitale Transformation" beinahe synonym mit "Plattformisierung" verwenden. Am Ende des dritten Quartals 2019 sind von den acht wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt sieben digitale Plattformkonzerne. Der wichtigste Grund für diesen kaum fassbaren Erfolg: Plattformen sind in der Lage, alle möglichen Echtzeitdatenströme zu erheben, auszuwerten und zur Steigerung der Effizienz zu verwenden.

Werbung

Mit am radikalsten hat dieses Plattformprinzip in den Zehnerjahren die Werbung verändert. Google und Facebook werden im Jahr 2019 allein mit Werbung deutlich über 200 Milliarden Euro eingenommen haben. Also etwa so viel wie die Werbeumsätze sämtlicher Printmedien, sämtlicher Radiosender und sämtlicher Kinos der Welt zusammengenommen, plus den Staatshaushalt von Rumänien obendrauf.

Werbung ist inzwischen ein Plattformgeschäft, das Aufmerksamkeit anhand von Verhaltensdaten in Echtzeit versteigert. Zugleich hat Werbung zuvor benachbarte Disziplinen und Branchen wie Vertrieb und Unterhaltung vereinnahmt oder geprägt. Werbung droht in der kommenden Dekade in eine substanzielle Krise zu geraten, weil zu viele Tech-Versprechungen sich als Unfug und Lüge herausstellen werden - und trotzdem handelt es sich nach wie vor um die Umsatzmaschine des Internets. Denn die Werbung folgt der Verschiebung der gesamten Aufmerksamkeitsökonomie in die digitale Vernetzung.

Medien

Die leidtragenden des Werbegeldsogs der Plattformen sind traditionelle Medien, und zwar unabhängig davon, ob sie papier- oder pixelbasiert publizieren. Das Publikum vieler Massenmedien ist zahlenmäßig größer als je zuvor. Aber die effizienzradikale Plattformwerbung und schleppende, technisch meist lausig umgesetzte Einführung von Bezahlmodellen haben eine substanzielle Schwächung der redaktionellen Medienlandschaft mit sich gebracht.

Für nicht wenige klassische Medien war es ein verlorenes Jahrzehnt, vergeudet mit Selbstreferenzialität, falschen Hoffnungen und noch falscheren Abwehrschlachten. Das war fatal, weil redaktionelle Massenmedien in den westlichen, liberalen Demokratien eine essenzielle Wächterfunktion haben - aber nicht nur: Sie haben im 20. Jahrhundert auch eine allgemeingültige Öffentlichkeit hergestellt. In den Zehnerjahren verändert sich die Rolle der klassischen Medien deshalb doppelt, zur wirtschaftlichen Schwächung kommt auch die Entstehung einer Vielzahl von plattformbasierten Alternativöffentlichkeiten.

Politik

Eine funktionierende Demokratie braucht eine breit akzeptierte politische Öffentlichkeit. Die Schwäche der klassischen Medien und die Zerfaserung in unüberschaubar viele Suböffentlichkeiten begünstigen deshalb die Bedrohung der liberalen Demokratien weltweit durch rechtsautoritäre Kräfte. Die Lüge ist seit jeher das wichtigste Instrument autoritärer Herrschaft. Die erregungsaffinen sozialen Medien im Verbund mit geschwächten, irregeleiteten oder skrupellosen redaktionellen Medien haben einen beinahe perfekten Resonanzraum für Propaganda geschaffen.

Trumps Präsidentschaft, Putins Weltmanipulation und Chinas Digitaldiktatur - sie alle wären ohne die digitale, soziale Vernetzung kaum denkbar. Am Ende der ersten echten digitalen Dekade scheint die Welt zu straucheln, als hätte ihr jemand das Internet im vollen Lauf zwischen die Beine geworfen.

Zukunft

Man kann diese düstere Einschätzung auch exakt gegenteilig betrachten, ohne die Fürchterlichkeiten auszublenden. Man muss nicht den von Fake News auf Facebook mitverursachten Völkermord in Myanmar leugnen, man muss nicht die gewalttätigen rechten Gegenöffentlichkeiten im Netz ignorieren, man muss nicht die Überwachungsmaschinerie ausblenden, die dem Internet am Ende der Zehnerjahre innewohnt.

Aber man kann sich eine zivilisatorische Gesetzmäßigkeit vergegenwärtigen, um aus den Problemen der digitalen Gegenwart Hoffnung für die Zukunft zu schöpfen. Große Technologiekomplexe wie das Internet haben die Welt schon immer verändert, vom Buchdruck bis zur Dampfmaschine. Und dabei ist das Schlimme meist recht schnell und fast wie von selbst geschehen - für die guten Folgen mussten viele Menschen lange und hart arbeiten.

Deshalb dauert es länger, bis die positiven Konsequenzen von Großtechnologien flächendeckend spürbar werden. Zu sehen sind sie aber heute schon, wenn man vom großen Ganzen ins Detail schaut: Die meisten Freiheitsbewegungen von Hongkong über Chile bis in den Sudan sind ausgesprochen digital geprägt und gerade dadurch wesentlich wirkmächtiger.

Zur Rettung einer bewohnbaren Welt hat sich die Klimajugend digital vernetzt, debattiert, fortgebildet und ihren Kampf aus den Netzwerken in die Köpfe und auf die Straßen getragen. Und während man in Deutschland ernsthaft darüber diskutiert , ob diese neumodischen, brandgefährlichen Smartphones nicht erst ab 18 Jahren zugelassen werden sollten (unter anderem, weil sie "Gelegenheitssex fördern") - wird in fortschrittlicheren Ländern wie Finnland längst umfassend erforscht, wie in Schulen Mobile Learning  eingeführt wird. Die digitale Zukunft als ständige Flucht nach vorn!


Anmerkung: Statt des üblichen Debatten-Podcasts wird diesmal ein Podcast mit den zwölf interessantesten Kommentaren des Jahres auf SPIEGEL ONLINE veröffentlicht.

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