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Virtuelle Stadt: Berlin in drei Welten

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3-D-Welten "Second Life"-Fans bauen sich eine neue Heimat

Neue 3-D-Welt, neues Berlin: Die Bastler, die in "Second Life" eine virtuelle deutsche Hauptstadt aufgebaut haben, fangen noch mal von vorne an. Sie schaffen mit viel Mühe ein weiteres Berlin in der Online-Welt "Cloud Party". Denn sie glauben, dass wir uns alle bald woanders treffen.

Berlin lebt noch. Die Stadt ist in ihrer Geschichte zerbombt, entmachtet und geteilt worden, hat Kriege und Krisen miterlebt - kein Wunder also, dass sie auch "Second Life" locker überstanden hat. Denn auch hier gibt es Menschen, die ihre Stadt immer wieder aufbauen. Einige davon sitzen in einem schmalen Raum im echten Berlin, zwischen Bildschirmen und Discokugeln, neben Mate-Kästen, auf Bürostühlen. Einer heißt Jan Northoff, eigentlich ist das sein Büro. Mittlerweile aber ist daraus eine Art privater Hackerspace entstanden, ein offener Treff für all jene, die nicht müde werden, ein 3-D-Berlin zu gestalten. Denn nachdem die Stadt "Second Life" überlebt hat, soll sie jetzt "Cloud Party" erleben.

In der betagten "Second Life"-Welt stehen nur noch Fragmente, denn Platz kostet hier Geld, das dem Betreiber Linden Lab gezahlt werden muss. Northoff zeigt auf einem Bildschirm, was von Berlin übrig blieb, den Alexanderplatz, ein bisschen Prenzlauer Berg. Der geplante Großflughafen hat übrigens nie existiert; zwar hatte die Gruppe den Bau einmal angedacht, aber das Projekt war selbst in "Second Life" viel zu teuer. Andere Städte sind längst verschwunden, Frankfurt etwa und Koblenz - die virtuelle Deutschlandkarte ist löchrig geworden, seit der Hype um "Second Life" abgeebbt ist.

"Second Life" war ein Versprechen

Und was war das für ein Hype! Zwischenzeitlich war sogar die Deutsche Post in "SL" vertreten und französische Politiker nutzten die Kunstwelt für ihren Wahlkampf. Wer nicht bei "Second Life" war, hatte den Anschluss verpasst, diesen Eindruck konnte man jedenfalls gewinnen, damals, im Frühjahr 2007. Kritiker beschwerten sich über das Aufheben, ging es doch scheinbar bloß um ein Computerspiel, das zudem komisch und unfertig aussah. Aber dieses Spiel sollte kein Spiel sein, sondern ein Plan B, ein anderer Ort, ein "Metaversum", wie es der Science-Fiction-Autor Neil Stephenson in seinem Roman "Snow Crash" beschrieben hatte. "Second Life" war ein Versprechen.

Für Northoff ist es das immer noch. Er glaubt, dass man einen solchen Paralleltreffpunkt braucht. "Ich bin ein 3-D-Internet-Evangelist", sagt der 35-Jährige, ein unkomplizierter Typ in T-Shirt, Jeans und Turnschuhen, denen man ansieht, dass er damit nicht ständig am Schreibtisch sitzt. Er arbeitet als Künstler und Web-Designer, träumt aber davon, eines Tages sein Geld nur mit 3-D-Welten zu verdienen. Bisher habe das nicht geklappt, behauptet er. Und das, obwohl es einen Riesenrummel um "Second Life" gab - und es in dieser Zeit auch gut lief: Berlin wuchs, und die Geschäfte ließen es sich etwas kosten, virtuell mit einer Filiale vertreten zu sein. Aber zum Leben im echten Berlin habe es nie gereicht, sagt Northoff, das meiste sei für die Server-Kosten draufgegangen. Noch heute zahlen ein Einkaufszentrum und eine Bank die Hunderte Euro, die Berlins Reste auf der Plattform kosten - aus Werbezwecken.

Schon früh hatte der "Evangelist" Gleichgesinnte um sich geschart, der erste kam vor Jahren einfach in sein Büro spaziert und blieb, viele weitere folgten. Ständig geht die Tür auf, ein junger Mann im Nerd-Shirt schnappt sich ein Getränk, setzt sich an den Rechner, ein anderer im Karohemd kommt nach der Arbeit kurz rein. Ein anderer hat Kuchen mitgebracht. Das Büro dient längst nicht mehr nur zum Arbeiten, hier wird programmiert und gequatscht, gekocht und geplant - jeder hier hat einen Schlüssel. Northoffs Firma zahlt die Miete, davon abgesehen aber wirkt das Ganze wie ein Vereinsraum - nur eben ohne Verein.

Cloud Party soll leichter zu bedienen sein

Gerade starten die Weltenbauer ihren zweiten Versuch: Jetzt schwören sie auf "Cloud Party" , eine 3-D-Anwendung, die ihrer Meinung nach vieles besser macht als "Second Life". Die neue Plattform ist Browser-basiert, man braucht nur einen "durchschnittlichen modernen Computer", so Northoff. Die auf HTML5, Javascript und WebGL basierende Anwendung steckt noch in den Kinderschuhen, gilt aber zumindest in diesem Raum als das neue heiße Ding im Netz, "das wird das neue 'Second Life'".

"Cloud Party" läuft in Googles Chrome-Browser problemlos, im Firefox erscheint auch in der aktuellen Version derzeit nur eine Fehlermeldung beim Aufruf der Website . Man kann sich bei "Cloud Party" mit einem selbst gewählten Nutzernamen und gültiger E-Mail-Adresse, aber auch mit einen bestehenden Konto bei Facebook oder Google+ anmelden. Die Verknüpfung zwischen Avatar und echtem Lebensprofil dürften einige Nutzer kritisch sehen.

"Das ist kein Spiel, sondern ein neues Medium", sagt Northoff, "für mich ist das 3-D-Internet der logische nächste Schritt. Auf so einer Plattform wird viel direkter kommuniziert, die Virtualität schafft auch eine neue Intimität". Egal, ob alt, hässlich, reich, erfolglos oder einsam - hier ist jeder gleich. Northoff hat neben seiner echten Freundin auch eine Frau in "Second Life", die er geheiratet hat, ohne die Person hinter dem Avatar zu kennen, sie wohnt auch weit weg. "Persönliche Treffen sind doch Luxus", meint er, "es ist doch viel einfacher, sich virtuell zu treffen." Dadurch könne man gleichzeitig auf einer Party im künstlichen Berlin zugegen sein und im echten Berlin im Büro sitzen. Man könne neue Leute und Orte kennenlernen, sich ausprobieren.

Manche Straßen erinnern eher an Pjöngjang

Stattdessen aber standen in "Second Life" viele ratlos herum und wussten nichts mit sich und der virtuellen Welt anzufangen. "Es ist kompliziert, sich dort als Laie zurechtzufinden und etwas zu bauen", sagt Northoff. Dabei ist die Plattform nach zehn Jahren keineswegs tot: Auch wenn manche Straßenzüge jetzt eher an Pjöngjang erinnern als an Berlin, tummeln sich doch auf dem Alexanderplatz noch Hipster und Werwölfe, Elfen und Passanten. Sie bauen und tanzen, unterhalten sich und folgen eigenen Trends, von ausgefallenen Klamotten bis hin zu bestimmten Haustierzüchtungen. Diejenigen, die dieser Welt treu geblieben sind, wirken wie eine Gemeinschaft von Eingeweihten. Für einen Neuling scheint es heute noch schwieriger, dort klarzukommen.

Mit "Cloud Party", glaubt Northoff, soll alles besser werden. Dort gibt es gigantische Blasen für jede abgeschlossene Welt, zwischen denen man sich auch als Anfänger mühelos bewegen kann und in denen man sich gut zurechtfindet. Es läuft flüssig, die Landschaften wirken klar, das Ganze lässt sich beim ersten Besuch verstehen.

Deshalb wird Berlin mal wieder aufgebaut - diesmal in "Cloud Party". Das Brandenburger Tor ist schon da, der Rest entsteht . Noch ist die Stadt ist recht leer, und eventuell bleibt sie das auch. Vielleicht wollen die Leute gar keine 3-D-Welt, und vielleicht hat die geplatzte "Second Life"-Blase auch die Firmen abgeschreckt. Doch die Menschen hier, mitten im echten Berlin, sind sicher, dass sich das 3-D-Internet jetzt endgültig durchsetzt und sie es endlich zu ihrem Beruf machen können. Vielleicht behalten sie ja recht, vielleicht lebt Berlin bald wieder. In ihren Köpfen tut es das schon.

Dieser Text ist der dritte Teil einer Serie, in der wir verschiedene Hackerspaces und Fablabs im deutschsprachigen Raum vorstellen. Dafür besuchen wir mehrere Werkstätten oder Clubräume und treffen Menschen, die uns von ihren außergewöhnlichen Projekten erzählen.


WAS SIND FABLABS UND HACKERSPACES?

Wir besuchen verschiedene Räume, in denen kreativ mit Technik umgegangen wird. Lesen Sie hier, was man eigentlich unter einem FabLab oder einem Hackerspace versteht.


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