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01. August 2014, 06:37 Uhr

30 Jahre E-Mail in Deutschland

Unerträglich, unverzichtbar

Ein Kommentar von

Eine ist meist harmlos, im Schwarm werden sie zur Plage: Seit 30 Jahren gibt es E-Mails in Deutschland. Obwohl das System längst an seine Grenzen stößt, machen wir immer weiter.

Es ist wie bei einem Teenager, der versehentlich den falschen Leuten erzählt, dass er am Wochenende sturmfrei hat und eine Party feiert: Ist die Tür einmal auf, kommen immer mehr Gäste. Klar, über einige wird man sich freuen, einige bringen vielleicht sogar Geschenke mit. Aber je länger der Abend dauert, desto mehr gerät die Situation außer Kontrolle.

Einige der neuen Gäste sind ganz lustig, weil sie so wirres Zeug reden. Nach und nach verstopfen sie aber das ganze Haus. Andere drohen damit, das Wohnzimmer zu zerlegen. Sie wieder loswerden? Nahezu unmöglich. Gleichzeitig wird es immer schwerer, die eigentlich eingeladenen Partygäste wiederzufinden.

Mit einer E-Mail-Adresse ist es so ähnlich: Wir öffnen eine Tür und können uns nicht aussuchen, wer alles hereinkommt. Wir können Filter einrichten, die Spam aussortieren und die E-Mails vom Chef in einen Extra-Ordner legen. Aber in Wahrheit haben wir keine Kontrolle über unseren Posteingang. Jeder kann eine E-Mail an jeden schicken, blitzschnell, kostenlos. Das ist Fortschritt und Fluch zugleich. In Deutschland jetzt seit 30 Jahren. Am 3. August 1984 bekam Michael Rotert an der Universität Karlsruhe die erste E-Mail der Bundesrepublik.

Jede E-Mail könnte wichtige Informationen enthalten. Die meisten enthalten dann doch nur Werbung oder Bestätigungen für etwas, was wir im Web gerade schon bestätigt haben. Oder es handelt sich um freundliche Bankberater, denen wir eine Millionenerbschaft abnehmen sollen. Manchmal stehen auch gottesfürchtige Babys zur Adoption.

Ansehen müssen wir uns den Wust trotzdem. Kaum ist die Inbox sortiert, sind die nächsten E-Mails da. Entfernt sich der moderne Büromensch für ein paar Tage von seinem Computer, kann er danach ebenso viele Tage für das Sichten seines Posteingangs einplanen.

Die E-Mail ist superpraktisch, supereinfach - und supernervig. Das System mag technisch funktionieren. Nur wir Nutzer können mit der großen Verantwortung, den weit offen stehenden Posteingängen, leider nicht umgehen. Jeder Einzelne von uns mag dazu in der Lage sein. Aber gemeinsam scheitern wir alle. Es ist also an der Zeit, E-Mails technisch auf eine neue Stufe zu heben - oder Zeit für Alternativen.

Leider ist es wie mit den Autos. Da wissen wir eigentlich auch, dass die Idee mit dem motorisierten Individualverkehr ganz nett war, aber nun durch schlauere Fortbewegungsmethoden ersetzt gehört. Aber wie das nun mal so ist mit Systemen, die über Jahrzehnte wachsen und wuchern: Sie lassen sich nur schwer ausrotten.

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