Entwickler über digitale Nachhaltigkeit "Den Unternehmen richtig auf den Sack gehen"

Überladene Websites, endlose Videostreams: Das Netz hat seinen Anteil am Klimawandel, auch durch Katzen-GIFs. Auf dem Hackerkongress 36C3 erzählt ein Entwickler, wie ein nachhaltigeres Web aussehen könnte.
Computer und Smartphones überall: Auch durch die Nutzung des Internets wird viel Energie verbraucht

Computer und Smartphones überall: Auch durch die Nutzung des Internets wird viel Energie verbraucht

Foto: Sven Simon/ imago images

Das Internet spielt in Sachen Klimawandel eine entscheidende Rolle: als Informationsquelle, aber auch als Brücke zwischen Menschen, die gemeinsam etwas verändern wollen - oder auch nicht. Zugleich braucht das Netz des 21. Jahrhunderts selbst viel Energie. Manch einer sieht dabei sogar nett gemeinte Dankes-E-Mails im Büro als Klimakiller (mehr dazu hier).

Tatsächlich steigt der Energiebedarf für das Digitalleben, der Trend geht seit Langem zu Cloud-Speichern und Streamingdiensten. Daten lassen sich in immer kürzerer Zeit übertragen, was oft bedeutet: mehr Bilder, mehr Videos, mehr live.

Der Webentwickler Niklas Jordan beobachtet diese Entwicklung mit einem Mix aus Sorge und Ansporn. Er glaubt, dass Firmen, aber auch Einzelpersonen - vom Website-Designer bis zum normalen Internetnutzer - schon mit kleinen Schritten das Netz klimafreundlicher machen könnten.

Der SPIEGEL sprach mit Jordan im Vorfeld des 36C3. Auf dem Hackerkongress des Chaos Computer Clubs (CCC) in Leipzig wird Jordan am Sonntag, 29. Dezember, um 20.50 Uhr einen Vortrag mit dem Titel "The Planet Friendly Web"  halten. Der Auftritt lässt sich auch per Livestream verfolgen .

Zur Person
Foto: privat

Niklas Jordan, 28, arbeitet in einer Schweriner Digitalagentur. Auf seiner eigenen Website  setzt er bewusst keine Fotos oder Grafiken ein, damit die Ladezeiten möglichst kurz sind und nicht unnötig viele Daten übertragen werden. Jordan schreibt, er sei überzeugt, dass Technologie die Welt besser machen könne. Vorträge auf Konferenzen hält er nur, wenn seine Anreise klimaneutral ist.

SPIEGEL: Herr Jordan, Ende 2018 klagten Sie auf einer Konferenz , es werde zu wenig über nachhaltiges Webdesign gesprochen. Wie sieht es jetzt aus, am Ende eines Jahres, in dem das Magazin "Time" Greta Thunberg zur "Person of the Year" kürte?

Jordan: Früher wurde man ein bisschen belächelt, wenn man über nachhaltiges Webdesign sprach. Dieses Jahr aber gab es einen Megasprung: Immer mehr Entwickler, Designer, Agenturen und auch Medienverlage fragen sich, was sie besser machen könnten. Und das, obwohl der Energiebedarf des Internets zum Beispiel bei "Fridays for Future" bestenfalls am Rande thematisiert wird.

SPIEGEL: Welche Rolle spielt das Internet beim Klimawandel?

Jordan: Was den CO2-Ausstoß angeht, liegen das Netz und die digitalen Kommunikationslösungen ungefähr gleichauf mit dem Ausstoß der gesamten Flugindustrie.

SPIEGEL: Und wir reden jetzt nicht nur von irgendwelchen Rechenzentren der Großkonzerne, sondern auch von unseren Website-Besuchen?

Jordan: Ja. Vor allem Videostreaming hat einen großen Einfluss. Netflix etwa hatte zuletzt einen Anteil von gut 13 Prozent  am weltweiten Download-Traffic.

SPIEGEL: Ist Netflix damit schlecht fürs Klima?

Jordan: Früher sind Menschen zur Videothek hin- und zurückgefahren. Das fällt weg, und wir müssen auch keine DVDs mehr pressen. Es gibt aber den sogenannten Rebound-Effekt. Je einfacher Dinge zu bekommen sind, desto mehr wollen wir davon haben.

SPIEGEL: Fast jeder schaut heute also mehr Serien und Filme als zu Videothek-Zeiten?

Jordan: Viele Menschen schauen ganze Serien hintereinander durch. Durch solch maßlosen Konsum wird unterm Strich viel mehr Energie verbraucht als früher. Und gestreamt wird zunehmend in 4K, also mit sehr großen Datenmengen.

SPIEGEL: Emissionsfreies Videostreaming, wäre das möglich?

Jordan: Nur in der Theorie. Alles, was man im Internet macht, verbraucht Daten. Und Daten sind nichts anderes als elektrische Impulse, die von A nach B geschickt werden. Und Elektrizität verursacht Emissionen, allein durch den Aufbau der Infrastruktur dafür, etwa durchs Verlegen von Kabeln. Es geht ja nicht nur um die reine Energieproduktion, bei der man aber natürlich komplett auf erneuerbare Energien umstellen könnte.

SPIEGEL: Woher weiß ich, wie problematisch mein Surfverhalten ist?

Jordan: Ein Gefühl dafür liefert Carbonalyser, ein Firefox-Plug-in beziehungsweise eine Android-App . Carbonalyser zeigt unter anderem, welcher gefahrenen Autostrecke die Emissionen entsprechen, die durch die eigene Internetnutzung verursacht werden.

SPIEGEL: Auch meine Stromrechnung lässt mich meinen Anteil erahnen. Was auf Anbieterseite geschieht, ist schwer nachzuvollziehen.

Jordan: Der Großteil des Verbrauchs betrifft die Anbieter, nicht das eigene Zuhause, ja. Das ist die Krux an digitalen Medien: Früher wurde zum Beispiel eine Zeitung gedruckt und ausgeliefert. Die konnte dann über Jahre im Regal liegen, ohne dass Ressourcen verbraucht oder Treibhausgase emittiert wurden. Heute liegen digitale Produkte auf Servern und verbrauchen immer Strom - je mehr, desto mehr Menschen darauf zugreifen. Nicht mehr nur bei der Erstellung, sondern bei jeder Nutzung eines Produkts werden Ressourcen verbraucht.

SPIEGEL: Aber wer denkt darüber nach, wenn er zum Beispiel kurz etwas googelt?

Jordan: Man sollte sich das vor Augen halten. Sobald ich Google ansteuere, schon wenn mir das Logo angezeigt wird, wurde Energie verbraucht. Bei mir auf dem Rechner, aber auch beim Server, auf dem die Seite liegt. Und auch beim Nameserver, quasi dem Telefonbuch des Internets, das mich zur Seite leitet.

SPIEGEL: Verbrauchen Websites durchgehend Energie?

Jordan: Irgendein alter Blog auf einem Server, den niemand ansteuert, frisst nicht viel Strom. Erst beim Aufruf kommt dieser Rattenschwanz von Anfragen und Datenpaketen, die hin- und hergeschickt werden, ins Spiel.

SPIEGEL: Wie finde ich heraus, ob der Server einer Website mit erneuerbaren Energien betrieben wird?

Jordan: Man kann die URL auf TheGreenWebFoundation.org  eingeben und bekommt dann eine Einschätzung, ob die Seite auf grünem Strom läuft, also auf Wind, Solar, Wasser und so weiter. Es würde viel helfen, wenn alle Hoster auf grünen Strom setzten.

SPIEGEL: Wie steht es um die großen Dienste wie Facebook und Twitter?

Jordan: Facebook ist Teil einer Allianz, die früh gesagt hat, wir setzen nur noch auf erneuerbare Energien. Twitter hat noch einen hohen Anteil an Graustrom, an Strom also, der relativ viele Emissionen verursacht.

SPIEGEL: Können Nutzer dagegen etwas tun?

Jordan: Ja, Druck aufbauen. Die großen Firmen sind marktgetrieben. Wenn die Kunden möchten, dass die Seite grün ist und sie sich sonst einen anderen Anbieter suchen, werden die Firmen reagieren. Mein Tipp: Den Unternehmen richtig auf den Sack gehen, die verantwortlichen Personen recherchieren und anschreiben.

SPIEGEL: Was raten Sie Menschen mit eigenen Seiten?

Jordan: Ich würde mir einen grünen Hoster suchen und darauf achten, wie viel Daten durch meine Seite hin- und hergeschickt werden. Hinterfragen, ob es zum Beispiel wirklich nötig ist, auf jeder Seite ein Video zu platzieren oder riesengroße Fotos. Klimafreundliche Websites zu bauen ist kein Hexenwerk.

SPIEGEL: Bald kommt der neue Mobilfunkstandard 5G, der Trend scheint eher zu vollgepackten Websites zu gehen.

Jordan: Je schneller die Internetverbindungen werden, desto weniger müssen Webentwickler über Datenmengen nachdenken. Ein Bild mehr oder weniger macht die Ladezeit nicht mehr länger, das ist ein Problem. Ganz davon abgesehen, dass 5G-Datenverbindungen mehr Energie verbrauchen werden als etwa WLAN-Verbindungen.

SPIEGEL: Website-Betreiber sollten also ausmisten: Alles weg, was weg kann?

Jordan: Genau. Ein radikales Beispiel dessen, was übrig bleibt, ist die "Lite"-Website von CNN . Das ist Oldschool-HTML, da geht es nur um die Inhalte. Die Seite verbraucht so nur ein Tausendstel der Datenmenge der normalen CNN-Website. Ein weiteres Problem ist Werbung. Auf manchen Seiten gehen 75 Prozent der geladenen Datenmenge für Skripte und Anzeigen drauf - also für Inhalte, um die es Nutzern gar nicht geht. Das ist unnötiger Datenverbrauch. Auch aus diesem Grund surfe ich selbst mit einem Adblocker. Oder ich bezahle Websites Geld dafür, dass sie mir werbefreie Varianten ausspielen.

SPIEGEL: Videos und ähnliche Formate sind besonders datenintensiv. Sollten wir fürs Klima auf Katzen-GIFs verzichten?

Jordan: GIFs sind Datenfresser. Es wäre besser, wenn man an ihrer Stelle HTML5-Videos verschickt. Solche Tricks gibt es viele: Icons etwa sind im PNG-Format relativ groß, im SVG-Format nicht. Und auch Fotos muss man nicht direkt von Kamera auf die Website ziehen. Man kann sie erst noch kleinrechnen lassen.

SPIEGEL: Website-Betreiber können im Kleinen also viel verändern?

Jordan: Ja, auch was den Seitenaufbau angeht. Jeder Klick, den Nutzer zu viel machen, ist Energieverschwendung. Ich ärgere mich daher auch über Artikel, die nur verfasst werden, damit Suchmaschinen sie finden. Da klicken Nutzer rein und finden nicht mal die für sie relevanten Informationen. Das ist Energieverschwendung.

SPIEGEL: Wie weit weg sind wir von einem Internet, das vor allem auf erneuerbaren Energien basiert?

Jordan: Der Weg dahin ist noch lang und steinig. Ich bin skeptisch, dass wir das in den nächsten fünf Jahren erreichen.

SPIEGEL: Sie sagten mal, Unternehmen würden mehr auf ökonomische als auf ökologische Nachhaltigkeit setzen.

Jordan: Nachhaltiges Webdesign kann sich aber auch finanziell lohnen: Etwa bei gemieteten Servern, bei denen nach Traffic abgerechnet wird. Da lässt sich Geld sparen, wenn die Seite schlanker ist.

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