3D-Chat-Community Lively Google gründet Gegen-Second-Life

Bunte Figuren plaudern in 3D: Google hat seit dieser Nacht eine Comic-artige Chat-Community. Sie sieht aus wie eine Idee aus den neunziger Jahren, enttäuscht auf den ersten Blick, ein Geschäftsmodell gibt es angeblich nicht - trotzdem wird Lively zum Erfolg werden.

Es gibt zahlreiche virtuelle Welten, die diese Bezeichnung verdienen. Sie besitzen eine Größe, dass man sich wochenlang darin herumtreiben könnte, ohne sie ganz gesehen zu haben. Mit Tausenden, ja Millionen von Nutzern, denen man dort in Form ihrer Avatare begegnet. Die miteinander reden, spielen, Geschäfte machen. Die den Nutzern vor dem Bildschirm das ultimative Zweitleben anbieten wollen, ein Doppelleben in Cyberia, die Flucht aus dem Alltag.

Genau so etwas hat Google mit Lively  in der Nacht zum Mittwoch nicht veröffentlicht.

Seit mehr als einem Jahr hatte es rumort und gerüchtelt, dass Google an einer eigenen Avatar-Welt arbeite, einer Konkurrenz zu Second Life und all den anderen. Seit heute wissen wir, dass das nicht stimmt: Googles Lively ist nicht mehr als eine Chat-Plattform, auf der nur jeweils bis zu 20 Comic-hafte Avatare miteinander reden können. Wie dies in solchen visuellen Chat-Communitys schon seit Vor-WWW-Zeiten üblich ist und Ende der Neunziger schwer in Mode war, schweben die Chat-Nachrichten dabei als Sprechblasen über den Köpfen der Teilnehmer.

Von einer virtuellen Welt würde im Falle Lively auch allenfalls ein in Gefangenschaft aufgewachsener Goldfisch reden: Die Chaträume sind nicht miteinander verbunden, sie existieren jeweils nur für den kleinen Kreis der "lokalen" Teilnehmer und sind damit räumlich eng begrenzt. Wie gesagt: Bei 20 ist Schicht, mehr geht nicht.

So weit, so "retro", so enttäuschend auf den ersten Blick.

Weniger ist mehr

Optisch ist das alles natürlich hoch professionell und niedlich, könnte sich mit Avatar-Chat-Communitys wie Papermint , Habbo Hotel  oder IMVU  messen, wenn es nicht so eng wäre.

Genau da aber liegt der Witz: Googles Lively  ist eben keine virtuelle Welt, sondern das Avatar-Chat-Äquivalent zum Casual Game. Lively lässt sich mit WoW, Second Life und anderen Multiplayerspielen oder virtuellen Welten - die Grenzen sind fließend - deshalb nicht vergleichen, weil es sich zu denen verhält wie ein kostenloses Online-Flash-Spielchen für zwischendurch zu einem 89-Euro-DVD-Spieletitel.

Der Clou aber ist, dass diese virtuelle Mini-Welt wahrhaft überall sein kann: Lively basiert auf einem Browser-Plugin, das bisher nur für die Windows-Versionen von Firefox und MSIE angeboten wird, und des weiteren auf dem Prinzip, dass man es überall einbauen kann, darf und soll. So wie sich YouTube-Videos mit Hilfe eines kleinen Code-Schnipsels auf jeder Webseite zeigen lassen, so soll man nun seinen eigenen kleinen Avatar-Chatraum auf seiner eigenen Web- oder Profilseite einbauen.

Spätestens an diesem Punkt muss alles Mäkeln verstummen: Diese Idee ist goldrichtig.

Google, Google überall

Eines der Probleme, mit denen sich das seit der Medienhysterie des vergangenen Jahres im Abschwung befindliche Second Life  herumplagt, ist, dass es vom Spieler verlangt, dass er sich ganz und gar hineinbegibt in diese virtuelle Welt - und die Tätigkeiten unterbricht, die er offensichtlich viel lieber hat. Second Life erlebt man nur, wenn man sich dort aufhält. Dementsprechend wenige Nutzer tummeln sich dort.

Lively hingegen ist potentiell überall. Man betritt den Chatraum, weil man gerade auf einer bestimmten Webseite ist - oder man besucht die Webseite, weil man über das Betreten des Chatraums dahingelangt. Beides ist möglich.

Lively bedient damit die normalen Web-Nutzungsgewohnheiten der jungen Zielgruppe: Die will ihr Facebook-Profil pflegen, während gleichzeitig per Messenger gechattet wird, das auf laut gestellte Flatrate-Telefon neben der Tastatur die Sprechverbindung zu wem auch immer hält, Musik zugleich gesaugt und gehört wird und ein auf stumm geschaltetes DVB-T-Fensterchen im rechten oberen Bildschirmrand zeigt, was man aktuell im Fernsehen sehen könnte, wenn man sich auf eine so langweilige Reizunterflutung noch einlassen würde.

Jetzt also gibt es dazu noch den Avatar-Chat, einen echten Fortschritt im Vergleich zum Messenger (in Deutschland vor allem ICQ, AIM, MSN, aber eben nicht Google).

Einbauen lassen sich die Chat-Fenster bisher in normale Webseiten, in Blogs sowie bei Facebook, in Kürze soll das auch bei MySpace funktionieren. Ein Business-Modell gibt es laut Google nicht: Keinerlei Werbung solle an den Lively-Dienst gekoppelt werden. (Wenn man davon absieht, dass Lively in sich Werbung für Google ist und für YouTube, denn die Videohäppchen der Google-Tochter lassen sich in die virtuellen Räume einbinden - beziehungsweise umgekehrt, siehe die folgende Lively-Eigenwerbung bei YouTube.)

Nun ist Google nicht gerade ein karitativer Verein. Mittelbar erhofft sich das Unternehmen eine verstärkte Wahrnehmung der Google-Anzeigen im Umfeld der Chat-Fenster: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich im Kontext der Webseiten, in die die Chaträume eingeklinkt werden, Google-Anzeigen finden, ist natürlich hoch.

Und Lively, meint Google, habe das Potential, die Verweildauer auf Webseiten zu erhöhen. Die aber, glauben Marketingexperten, werde sich neben Seitenaufrufen und der Zahl der Seitenbesuche als zunehmend wichtige "Währung" bei der Vermarktung von Webseiten etablieren.

Eine zeitlich ausgedehnte Beschäftigung mit einer Seite gilt als Merkmal höherer Kontaktqualität. Klar, denn ob ein Seitenaufruf sich auf wenige Sekunden beschränkt oder auf eine minutenlange Beschäftigung mit Inhalten ausdehnt, hat natürlich Folgen für die Qualität des Werbekontaktes.

Letztlich aber geht es darum, die Marke Google allgegenwärtig zu machen. Obwohl Google bisher fast ausschließlich mit seinen Suchanzeigen Geld verdient, fährt der Dienst gut damit, auch Dienstleistungen wie Google Maps oder Earth zu verschenken, mit denen direkt kein Geld verdient wird. Auch hier gewinnt Google durch das Prinzip der Öffnung gegenüber anderen Webseiten.

Nicht der Dienst selbst - wie zum Beispiel maps.google.com  - ist wertvoll für Google, sondern all die Mash-ups, in denen Google Maps auf unzähligen Webseiten eingebunden werden und die Wahrnehmungsdauer von Google-Anzeigen im Seitenkontext erhöhen.

So muss man auch Lively verstehen, und natürlich als Instrument zum Sammeln von Imagepunkten. Kleine Geschenke vertiefen die Freundschaft.

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