Anonymous-Ursuppe 4chan Das dunkle Herz des Internets

Hass und geniale Kreativität - im anarchischen Webforum 4chan findet sich beides. An diesem finsteren Ort nahm die Web-Bewegung Anonymous Fahrt auf. Wie das passieren konnte, erzählt das SPIEGEL-ONLINE-Buch "We are Anonymous". Ein Auszug über Katzenbildchen, lulz und Diamanten.
Demonstrant mit Guy-Fawkes-Maske: Protestbewegung aus dem Chaos des Netzes

Demonstrant mit Guy-Fawkes-Maske: Protestbewegung aus dem Chaos des Netzes

Foto: Phil Nijhuis/ dpa

Eigentlich spricht man nicht über /b/, so will es eine inoffizielle Regel. Aber um den Anfängen von Anonymous nachzuspüren, müssen wir eine Ausnahme machen. Es gibt wohl keinen anderen Ort im Internet, an dem Genialität und Grauen so nah beieinanderliegen. Obwohl jeder leicht an diesen Ort gelangen kann, verirren sich vergleichsweise wenige dorthin. Zum Glück, könnte man sagen. Man möchte seinen Eltern beispielsweise nicht dazu raten, die Adresse 4chan.org/b/ mit dem Webbrowser anzusteuern. Es würde sie verstören, ratlos und angewidert zurücklassen, was dort ständig auftaucht und schnell auch wieder verschwindet.

Eine Momentaufnahme aus 4chan: Das Ultraschallbild eines Babys, eine Meerjungfrau mit blauer Haut und Elfenohren, jede Menge Pornobilder - nicht wenige mit halbtoten Oktopoden. Das Foto eines Fleischwolfs, dazu der Text "This is a Fleischwolf. It wolfes Fleisch." Anime-Bildchen von Mädchen in Schuluniform, krakelige Zeichnungen mit kryptischen Texten. Das Angebot, jemanden ausfragen zu können, dessen Genitalwarzen gerade vereist wurden. So sieht ein ganz normaler Tag auf /b/ aus, einem von rund 50 Unterforen des millionenfach abgerufenen Forums 4chan. Nutzer können dort Texte oder Bilder einstellen, ganz ohne Anmeldung, standardmäßig anonym, statt eines Namens wird als Autor eines jeden Beitrags "Anonymous" aufgeführt. Andere Nutzer kommentieren die Beiträge oder tragen eigene Bilder bei.

4chan  ist die Quelle von Anonymous, einer heute internationalen Bewegung, die Regierungen herausfordert, von Ermittlungsbehörden gejagt wird, die sich mit Drogenkartellen anlegt und Großkonzerne das Fürchten lehrt. Das alles begann im täglichen, anarchischen und manchmal auch sehr lustigen Chaos von 4chan. Ja, lustig kann 4chan auch sein. Da wären zum Beispiel die Lolcats - niedliche Katzenfotos mit absurden Sprüchen und möglichst vielen Grammatikfehlern. "I Can Has Cheezburger?"  ist das bekannteste. Das Bild zeigt eine niedliche, etwas pummelige graue Katze, die arglos in die Kamera zu lächeln scheint, kombiniert mit diesem Satz in schiefem Englisch, auf das Bild gesetzt in kräftigen weißen Großbuchstaben.

Für diese Art der Kulturverbreitung über Weitergabe und Remixe hat sich der Begriff Mem etabliert. Den Begriff hat der Biologe Richard Dawkins einst erfunden, um seine These von den "egoistischen Genen", die sich durch die Menschheitsgeschichte hindurch fortpflanzen möchten, auf Ideen auszuweiten. Ein Mem ist Dawkins zufolge ein Gedanke, ein Konzept, eine Theorie, die sich von Kopf zu Kopf fortpflanzt. Je haftender, je widerstandsfähiger und je fortpflanzungsfähiger sie ist, desto größer ist ihre Überlebenschance. Der Katholizismus ist demnach ein Mem - ein besonders mächtiges - aber auch der Gedanke, dass alle Menschen gleich und frei geboren sind, Verschwörungstheorien ebenso wie die leicht surrealen running gags, die 4chan am laufenden Band hervorgebringt.

Gegründet wurde 4chan von einem Teenager in den USA - aus Langeweile. Christopher Poole hatte in seinen Sommerferien im Jahr 2003 japanische Anime-Serien entdeckt - und 2chan , ein in Japan populäres Image-Board, ein Webforum, in dem vor allem Fotos veröffentlicht werden. Dort treffen sich Otakus, die japanischen Pendants zu Nerds, fanatische Anhänger von Comicserien. 2chan wiederum ist der Nerd-Ableger von 2channel , einem noch viel populäreren japanischen Forum. Dort wird anonym über so ziemlich alles diskutiert - offen und ehrlich, was in der Öffentlichkeit in Japan in dieser Form verpönt wäre. Im Schutze der Anonymität können traditionelle Rollen und gesellschaftliche Tabus einfacher gebrochen werden. Poole hatte das Spin-off für Otakus entdeckt. "Ich hatte noch nie etwas Vergleichbares gesehen", sagte er der "New York Times" in einem Interview . Vor allem die schnelle Abfolge von Beiträgen beeindruckte den damals 15-Jährigen. "Man konnte sich hinsetzen und die Seite im Browser aktualisieren und immer neues Zeug sehen."

Nur leider sprach Poole kein Japanisch. Die Software aber war frei verfügbar, er übersetze sie ins Englische, setzte einen Server auf und schickte 20 Freunden die Adresse. Die ersten fünf Jahre über hielt Poole seinen Namen geheim - im Internet war nur als moot bekannt. Auch seinen Eltern verschwieg er lange Zeit lieber, dass er Betreiber einer Website mit berüchtigten Schock- und Pornofotos war. Nachdem seine Identität bekannt war, hob ihn das "Time"-Magazin 2009 unter die 100 Finalisten für die einflussreichste Person des Jahres. Bei der Online-Abstimmung platzierte ihn die Anonymous-Armee vor Barack Obama, Wladimir Putin und Oprah Winfrey.

4chan ist das Anti-Facebook. Soziale Netzwerke wie Google+ oder Facebook bauen auf der Angabe von echten Namen auf, schaffen ein Archiv der Aktivitäten ihrer Nutzer auf Lebenszeit. Wer sich dort selbst darstellt, feilt an einem Idealbild. Bei 4chan sind alle niemand, und so wird es bleiben, solange die Plattform existiert. Poole hält die Idee, es könne ein allgemeingültiges Online-Abbild einer Person geben, für abwegig. Auf einer Web-Konferenz in Dublin erklärte er 2011, Identität könne man nicht mit einem Spiegelbild vergleichen. "Tatsächlich sind Menschen mehr wie Diamanten, je nach Blickwinkel sieht man ein anderes Bild."

Auf 4chan ist viel Schatten, da hilft der funkelndste Diamant nicht. Es zählen nur die lulz, und wenn wieder jemand vergisst, epische Bilderwitze abzuspeichern, bevor sie von der Flut immer neuer Beiträge ins Datennirwana gespült werden, sind sie für immer verloren. Lulz, das ist der Spaß am Unfug, an böswilligen Späßen, an der Aktion, der Überraschung und vor allem: am Effekt. Lulz kommt von "Laughing out loud" (lautes Lachen), beziehungsweise von der gängigen Internet-Abkürzung dafür: lol. Auf Facebook stehen die Nutzer mit ihrem Profil für alle ihre Aktivitäten gerade, auf 4chan verliert sich die Verantwortung hinter Pseudonymen, verschwimmt in der Masse. Einer von Pooles frühen Mitstreitern hat einen weniger verklärten Blick auf das Webforum. Schon vor Jahren schrieb er, dass 4chan ihm Angst mache: "Ich schaue nicht mehr so oft vorbei. Es ist ein furchteinflößender Ort."

Entwicklungspsychologen haben für das, was die 4chan-Gemeinde treibt, den Begriff "Freude am Effekt" geprägt: So wie ein Kleinkind, das seine Rassel immer wieder herunterwirft, um sich daran zu erfreuen, dass es jedes Mal wieder klappert, spielen die 4chan-Nutzer mit den Mechanismen des Netzes. Meist ohne tieferen Sinn, Hauptsache lulz. Gelingt einer der Späße, ist es ein epic win. Sich selber sehen die /b/tards, wie sich sich nennen, denn auch nicht als "Krebsgeschwür des Internets, sondern als nächste Stufe der Evolution", wie einer von ihnen zusammenfasst. Das Ergebnis ist paradox: Selten lagen menschenverachtender Hass und gewaltige Kreativität so dicht beieinander. Regulierungswütigen Politikern und besorgten Offline-Eltern genügt ein Blick auf 4chans /b/, um alle Vorurteile über das Internet als Hort der Verderbtheit bestätigt zu sehen.

An diesem dunklen Ort erlangte Anonymous zu Bewusstsein. Über die Jahre haben Zehntausende Nutzer in Hunderttausenden Beiträgen eine Subkultur geschaffen. 4chan ist nicht Anonymous - aber Anonymous hat sich auf 4chan und den Dutzenden, wenn nicht Hunderten Ablegern gefunden. In der Chan-Kultur lernte das Kollektiv, wozu es fähig ist. Zunächst in digitalen Scharmützeln zwischen den verschiedenen Boards und Channeln. Doch 2006 rückte die Armee erstmals gegen ein Ziel aus, das nicht zu dieser Subkultur zählt. Ihr Opfer: eine quietschbunte virtuelle Welt für Kinder und Jugendliche namens "Habbo Hotel".

Ihre Mission: lulz.

Gekürzter Auszug aus dem Buch "We are Anonymous".

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Ole Reißmann, Christian Stöcker, Konrad Lischka:
We are Anonymous.
Die Maske des Protests - Wer sie sind, was sie antreibt, was sie wollen.

Goldmann; 256 Seiten, 8,99 Euro.

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