Posthume Bloggerin Der Club der toten Dichterin

Zu ihren Lebzeiten hat sie nicht einmal ein Telefon gekannt, vom Internet ganz zu schweigen. Und trotzdem stieg Annette von Droste-Hülshoff, eine der berühmtesten deutschen Dichterinnen, dieser Tage zur Star-Bloggerin auf – fast 160 Jahre nach ihrem Tod.

Von


Es war im Juli 1843, knapp fünf Jahre vor ihrem Tod, als sich Annette von Droste-Hülshoff daran machte, ihrer Freundin Elise Rüdiger einen Brief zu schreiben.

Annette von Droste-Hülshoff: Im Herzen eine Bloggerin?
DPA

Annette von Droste-Hülshoff: Im Herzen eine Bloggerin?

Ihre Novelle "Die Judenbuche" verkaufte sich prächtig. Buchhändler und Zeitungen überschlugen sich in Lobeshymnen. Doch die Dichterin plagte die Angst vor der Flüchtigkeit des Ruhms. Sie fürchtete, heute noch hoch gelobt, und morgen schon beschimpft zu werden. "Ich mag und will jetzt nicht berühmt werden, aber nach hundert Jahren möcht ich gelesen werden", vertraute sie an Rüdiger an.

Die in Hessen lebende Journalistin und Droste-Kennerin Monika Porrmann erfüllt der Dichterfürstin nun genau diesen Wusch. Sie hat ein Weblog eingerichtet, in dem sie nach und nach die Briefe der Droste veröffentlicht: "Nach 100 Jahren möchte ich gelesen werden", heißt es. Wie anders hätte der Titel auch lauten können?

"Ich fand es spannend, authentische persönliche Äußerungen aus dem 19. Jahrhundert in die Gegenwart zu übertragen", erklärt Monika Porrmann. Sie habe, so sagt sie, aus dem Trägermedium von damals – also Tinte auf Papier - eines aus unserer Zeit machen wollen.

Und das klappt im Droste-Weblog erstaunlich gut: Derzeit sind rund 180 Briefauszüge online, sortiert nach Adressaten, Aufgabeort und Jahr. Der Clou sind jedochdie Antworten von Drostes Kommunikationspartnern. Denn sie erscheinen – ganz webadäquat - als Kommentare zu den jeweiligen Blog-Einträgen. Dazu gibt es ausführliche Informationen über die wichtigsten Lebensstationen und Korrespondenzpartner aus dem Club der toten Dichterin.

Die Droste, so sagt Monika Porrmann, fasziniere nicht nur durch einen wunderbaren privaten Schreibstil, sondern auch durch ihre menschlichen Stärken und Schwächen, die sich in ihren Briefen offenbarten. Und in der Tat, die Dichterin hat nicht nur Freude daran, den Literaturbetrieb und ihre schriftstellerische Entwicklung zu analysieren, sondern auch am Lästern über Zeitgenossen.

Vor kurzem erhielt Porrmanns oder besser gesagt Drostes Blog den begehrten "Grimme Online Award". "Man kann in aufschlussreichen Korrespondenz-Zitaten stöbern, gezielt suchen, ergänzende Informationen mitnehmen oder seine Lieblingsstellen gleich weitermailen", urteilte die Jury in ihrer Begründung. Und weiter: "'Nach 100 Jahren' zeigt als ein Glücksfall, was das Web an Möglichkeiten bietet."

Die Droste war ein "Early Adopter"

Nach der Grimme-Ehrung habe sich die Zahl der Blog-Besucher binnen kürzester Zeit verzehnfacht, nun flache sie langsam wieder ab, sagt Monika Porrmann. Stören tue sie das nicht: "Ich würde es vermutlich auch weiterführen, wenn ich die einzige Leserin wäre."

Bleibt die Frage, ob die Dichterfürstin, würde sie heute leben, auch selbst eine Bloggerin wäre. Berührungsängste mit der Technik habe sie jedenfalls keine gehabt, sagt Monika Porrmann: "Sie ist als eine der ersten aufs Dampfboot gestiegen, ist furchtlos mit dem noch recht neuen Transportmittel Eisenbahn gefahren, und sie hat sich bereits auf das Telefon gefreut, bevor es erfunden war." Sicher, so sagt Monika Porrmann hätte sich die Droste auch das Internet zunutze gemacht.

Ob sie indes gebloggt hätte, da sei sie sich nicht wirklich sicher: Die Dichterin habe stets versucht, ihr Privatleben zu schützen, und sei immerzu in Sorge gewesen, ihre Briefe könnten in falsche Hände geraten: "Wenn sie gebloggt hätte, dann sehr bewusst und kalkuliert. Für uns Blogger von heute ist das eigentlich eine ganz gute Richtschnur, meine ich", bilanziert Monika Porrmann.

In den kommenden Monaten will die literaturbegeisterte Journalistin ihr Droste-Blog stetig erweitern: "Mir macht es einfach Spaß, Vergangenes wieder zum Leben zu erwecken und dabei die technischen Möglichkeiten meiner Zeit zu nutzen." Dank des umfangreichen Briefwechsels ihrer Lieblingsdichterin bleibt ihr zum Glück noch jede Menge zu tun: Insgesamt hat Annette von Droste-Hülshoff nämlich 700 Briefe geschrieben.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.