Abtrünniges Websternchen "lonelygirl15" geht zu MySpace

Das Nesthäkchen wird flügge: Das Finale der ersten "lonelygirl15"-Staffel wird exklusiv auf MySpaceTV übertragen. Dabei wurde die Sendung auf der Konkurrenzplattform YouTube groß. Auch andere Blogger sind aufgewacht, suchen sich neue Vertriebsplattformen.

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Ein mit viel Tamtam angekündigtes "lonelygirl15"-Special, das das offizielle Ende der ersten Staffel markiert, läuft nicht auf YouTube, sondern nur auf der Format-Webseite - und exklusiv auf der Konkurrenzplattform MySpaceTV. Zwölf kurze neue Folgen werden am heutigen Tag durchs Web streamen, jede Stunde eine, auf Werbisch nennen die Macher das vollmundig "12 in 12".

Für Fans, die live mit dabei sein wollen, bedeutet das: Ab 8 Uhr Pacific Time (17 Uhr Mitteleuropäischer Zeit) jede Stunde ein bis vier Minuten exklusives "lonelygirl15"-Material - und dann 55 Minuten warten, zwölfmal hintereinander. MySpaceTV dürfte darauf hoffen, dass sich die Zuschauer ihre Wartezeit mit anderen MySpace-Videos vertreiben. Die zweite Staffel der Serie startet am 6. August.

Die Blogger sind aufgewacht

"lonelygirl15" wird bockig, startet einen weiteren Affront gegen das Portal, das mitgeholfen hat, sie groß zu machen. Der Lonelygirl15-Channel auf YouTube wurde inzwischen fast 12 Millionen-mal angeklickt; die einzelnen Folgen der Lonelygirl-Videoblogs liegen bei durchschnittlich 100.000 Klicks. Schon früh wandten sich die Lonelygirl-Macher allerdings den kommerzielleren Seiten des Netzes zu: Als der Erfolg kam, waren die Videos auch bald bei revver.com zu sehen - einer Seite, die mit Werbung vor und nach Webvideoclips Geld verdient, und mit den Schöpfern der Clips teilt.

Strukturell sind derartige Wechsel oder Parallelvermarktungen möglich, bedingt durch die generelle Offenheit des Internets: Anders als bei TV-Sendern werden auf Online-Video-Plattformen keine Stars unter Vertrag genommen und damit exklusiv gebunden.

Doch das beginnt sich zu ändern: Die Blogger sind aufgewacht und haben angefangen sich und ihre Shows selbst zu vermarkten. Die Betreiber bekannter Videoblog-Formate wie "Ask A Ninja", "LisaNova", "HappySlip", "renetto" oder "Smosh" verlagern ihre Shows immer häufiger auf Plattformen wie eben Revver oder Metacafe, da diese ihren Künstlern Gewinnbeteiligungen für die Videos zahlen.

YouTube stellt seinen Zugpferden in Sachen Klicks sogar die gleichen Konditionen in Aussicht, die professionelle Medienpartner bekommen. "Bekannte YouTube-Künstler sind inzwischen ernst zu nehmende Medienformate", kommentierte Marketing-Vize Jamie Byrne diesen Schritt im Mai gegenüber dem News-Portal "CNet". Allerdings habe man es "zumindest zur Zeit noch nicht nötig, Content-Lieferanten dafür zu bezahlen, ihre Inhalte bei YouTube einzustellen", sagte Google-Pressesprecher Stefan Keuchel SPIEGEL ONLINE.

Videoplattformen werden TV-Sendern immer ähnlicher

Generell werden die Online-Videoplattformen der TV-Sender in einigen Punkten immer ähnlicher. Neben Protagonisten produzieren sie immer mehr auch ihre eigenen TV-Events - von den kürzlich ausgestrahlten YouTube-Awards bis zum Staffelfinale von "lonelygirl15".

Unterhaltung ist nicht nur, was das Fernsehen, sondern auch was das Web antreibt. Jeder Blogger ist im Prinzip eine Kunstfigur, ein Produkt seiner eigenen Selbstinszenierung und dessen Wahrnehmung durch die Netzgemeinde. Die Kunstfigur "lonelygirl15", gespielt von Schauspielerin Jessica Rose, ist das vielleicht bekannteste dieser Kunstprodukte.

Sie ist ein Websternchen, deren Geschichten es zu weltweitem medialen Ruhm gebracht haben. Das Format, eine Mischung aus vermeintlich authentischer Mystery-Geschichte und mit brüchiger Stimme vorgetragenen Teenager-Problemen traf aus unerfindlichen Gründen den Nerv der Zeit - und die hysterische Demaskierung des "einsamen Mädchens" als Schauspielerin machte das Format zum Mainstream-Thema.

Jessica Rose, die Schauspielerin hinter "lonelygirl15", schaffte inzwischen den Sprung über den Medienbruch - vom Web-Star zum Film-Sternchen. Im Serienkiller-Thriller "I know who killed me", der kürzlich in den USA startete, spielte sie ihre erste größere Rolle, im Independent-Film "Perfect Spot", sogar die Hauptrolle.

Kleiner Schönheitsfehler: "Perfect Spot" schaffte es laut der Internet Movie Database nur in einem einzigen US-Kino auf die Leinwand, und in "I know who killed me" wird Rose, das Mädchen aus der YouTurbine, konsequent vom Glamour der Lindsay Lohan überstrahlt. Dabei ist "I Know who killed me" ein veritabler Flop: Der Thriller setzte bislang lediglich 3,4 Millionen Dollar um.



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