Sascha Lobo

Umgang mit rechts Die AfD verstehen, ohne Verständnis zu entwickeln

Ein Jahr lang hat unser Kolumnist versucht, in sozialen Medien mit Rechten zu kommunizieren. Aus diesem Experiment entwickelt er nun Tipps für einen vernünftigen Umgang mit der AfD.
AfD-Kundgebung am Hamburger Hauptbahnhof, Protestplakat am Deutschen Schauspielhaus (2016)

AfD-Kundgebung am Hamburger Hauptbahnhof, Protestplakat am Deutschen Schauspielhaus (2016)

Foto: imago/ Lars Berg

Am 24. September 2017 um 18 Uhr beginnt eine neue Ära. Denn mit der AfD werden Rechtsoffene, Rechte und Rechtsextreme wieder in den Bundestag einziehen. Sie werden damit zwangsläufig Teil der politischen Debatte. Die große Frage: Wie geht man damit um, wenn einem - unabhängig von der politischen Haltung - die liberale Demokratie am Herzen liegt? Denn deren Zerstörung ist das Ziel der AfD.

Zwar waren Nazis - anders als oft behauptet wird - auch nach dem Krieg Teil des deutschen Parlaments. Aber die damaligen Methoden der Bekämpfung  sind heute vielleicht nicht mehr unbedingt en vogue. Was also tun?

Etwa ein Jahr lang habe ich als Experiment mit Rechtsoffenen, Rechten und Rechtsextremen versucht zu sprechen , vor allem in sozialen Medien. Meine Ausgangsthese war, dass sich durch soziale Medien Mechanismen der Verbreitung, der Überzeugung und der Mobilisierung neu gebildet haben. Dass sich aber gleichzeitig soziale Medien eignen, um in die Köpfe zu schauen, und sich so mögliche Gegenmittel durch die Beobachtung und Analyse rechter Kommunikation finden ließen.

Rechte Kommunikation appelliert an zutiefst menschliche Instinkte

Um rechtsautoritäre Gruppierungen wie die AfD zu bekämpfen, muss man lernen, sie zu verstehen, ohne Verständnis zu entwickeln. Das ist nicht leicht. Denn rechte Kommunikation beinhaltet den ständigen Appell an zutiefst menschliche Instinkte: Gefahrempfindung, Überlebensangst, Sex, Wunsch nach Anerkennung und die Notwendigkeit der Selbstverteidigung. Rechtsextreme Ideen und Welterklärungen werden geschickt vermengt mit überall vorhandenen Bauchgefühlen.

Die AfD funktioniert außerdem nach diesen Mechanismen:

  • Sie ist ein Öffentlichkeitsphänomen. Sie lebt durch und zum Teil auch für die Öffentlichkeit. Deshalb ist die Beziehung der AfD zu den Massenmedien ungefähr wie eine Hassliebe, nur ohne Liebe. Soziale Medien dienen dabei oft als Gegenöffentlichkeit zur Einordnung der Massenmedien, beides muss zusammen betrachtet werden.
  • Wenn ein AfD-Kopf in Massenmedien spricht oder zu diskutieren scheint, richtet er sich fast nie an das gesamte Publikum oder die Diskussionspartner vor Ort. Ziel der Kommunikation sind immer nur eigene Anhänger und mögliche Sympathisanten. Deren Rezeption ist von Argumenten weitgehend abgelöst, sondern funktioniert eher über einzelne Schlagworte und fast ausschließlich emotional. Hat sich die Situation richtig angefühlt?
  • Die klassischen Massenmedien werden als Sphäre der Lüge empfunden, aus der sich Anhänger nur das herauspicken, was ihnen in den Kram passt. Das ermöglicht AfD-Politikern, erst lautstark Rechtsextremismen von sich zu geben und dann zurückzurudern: Der zweite Teil wird von den Anhängern als technisch notwendige, aber inhaltlich irrelevante Notlüge betrachtet. Zugleich dient das als Beweis, dass man nicht mehr alles sagen dürfe.

Auf dieser Basis aber ruht die mächtigste Wirkmethode: das Windrad-Prinzip.

Es ist bestürzend simpel: Wie ein Windrad lebt die AfD-Sphäre vom Gegenwind. Sie zieht ihre Energie aus der Empörung der Gegenseite und verwandelt sie in eine Form sozial ansteckender Identifikation. Das Gemeinschaftsgefühl besteht primär daraus, dass sich die richtigen, als Feinde begriffenen Leute auf die richtige Weise empören.

Die Forschung von Dan Kahan, Jura- und Psychologieprofessor in Yale, stützt diese These . Er hat untersucht, warum Trump-Unterstützer so aberwitzige Fake-News verbreiten. Die Erkenntnis: Informationen dienen nicht dem Nachrichten- oder Wahrheitsbedürfnis, sondern haben die soziale Funktion der Gruppenbildung. Korrektheit ist für sozialmediale, rechte Öffentlichkeiten eher kein Kriterium. Es geht um Selbsterregung und die Empörung der Gegenseite. Deshalb teilen sie alles, von dem sie glauben, dass es Linke aufregt. Das gibt einem das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen.

Ein Feuer löscht man nicht durch Ignorieren

Zwei große Fehler lauern hier: Der erste wäre, linke, liberale oder gesamtdemokratische Empörung als Ursache für Reden und Handeln der Rechtsextremen zu betrachten. Das entspräche etwa der Ansicht, dass der Wind weht, weil jemand ein Windrad aufgestellt hat. Niemand wird durch öffentliche Empörung über Nazis gezwungen, gegen seinen Willen selbst zum Nazi zu werden. Das rechtsextremistische Potenzial war immer da - nur hat es jetzt Anlässe, Instrumente und sich verstärkende Empörungssysteme gefunden.

Der zweite Fehler wäre, die Einstellung der Empörung als Lösung zu betrachten. Das erscheint wie der Versuch, ein Feuer durch Ignorieren zu löschen. Den klügsten Artikel dazu hat Nils Markwardt auf "Zeit Online" geschrieben , der die Notwendigkeit zur Dauerhysterie der AfD erklärt. Zur rassistischen Bemerkung von Gauland gegenüber der Integrationsministerin Özoguz sagt er, es handele sich "um eine Form des offenen Rassismus, der in einer pluralistischen Gesellschaft nicht nicht skandalisiert werden kann."

Das Dilemma: Eine liberale Gesellschaft verdient diesen Namen nur, wenn sie sich gegen extremistische Grenzüberschreitungen wehrt - aber ihre Feinde ziehen nach dem Prinzip Windrad Energie aus dieser Gegenwehr. Nils Markwardt schlägt vor, den provozierten AfD-Skandalen mit der richtigen Empörung zu begegnen und sie nicht folgenlos zu lassen: Wenn auf eine Grenzüberschreitung in einer Talkshow sanktionslos die nächste Einladung zu einer Talkshow folge, schließe sich der Wirkkreis der AfD. Das ist zwar richtig, eine Mitverantwortung der großen Talkshows besteht definitiv. Aber durch die sozialen Medien ist eine Vielzahl von Öffentlichkeiten entstanden, die im Zweifel auch ohne Talkshow-Impulse funktionieren würden.

Ein wichtiger Schlüssel: Zweifel wecken und verstärken

Einen guten und einfachen Ausweg aus diesem Dilemma kann ich auch nach intensiver Beschäftigung mit der Materie nicht präsentieren. Aber ich kann die Rahmenbedingungen für eventuelle künftige Lösungen skizzieren:

  • Es scheint nicht ratsam zu sein, nach einer einzigen, für alle Teile einer offenen Gesellschaft funktionierenden Gegenstrategie gegen die AfD-Sphäre zu suchen. Denn jede einzelne Strategie - auch meine - kann sich als dysfunktional erweisen. Vielmehr sollten viele unterschiedliche, teils gegensätzlich scheinende Strategien angewendet werden: Heftige, aggressive Gegendemonstrationen sind ebenso notwendig wie Gesprächsangebote an die AfD-Unterstützer, die für eine liberale Demokratie erreichbar sein könnten.
  • Abgrenzung und auch Ächtung sind nach wie vor wichtige Elemente der Diskussion. Es ist absolut zwingend, eine rote Linie zu definieren, nach deren Überschreitung kein Dialog mehr möglich sein kann. In meiner persönlichen Diskussionserfahrung war das die Holocaust-Leugnung oder -Relativierung.
  • Die Diskussion mit Rechten und Rechtsextremen folgt nicht der klassischen Definition von "Diskussion" - es handelt sich aus deren Sicht vielmehr um emotionale Selbstvergewisserung mit den Zielen "Wir sind die einzig Vernünftigen", "Wir sind eigentlich in der Mehrheit" und "Ihr seid unsere Feinde". Deshalb funktionieren gute Argumente auf rationaler Ebene selten. Man muss seinen Gesprächspartnern auf emotionaler Ebene begegnen - und Zweifel wecken.

Das erscheint mir als wichtiger Schlüssel: leise Zweifel am vom Extremismus getriebenen Weltbild bei noch erreichbaren AfD-Unterstützern wecken und verstärken. Zweifellos erfordert das eine Geduld, die nicht jeder aufbringen kann oder möchte.

Man muss sogar erklären, warum Menschenfeindlichkeit schlecht ist

Zu den zwei größten Gefahren zählt dabei erstens die Normalisierung. Die AfD ist keine normale Partei, ihre Anhänger sind keine gewöhnlichen Politikinteressierten, denn ihr Schaffen ist auf die Abschaffung der liberalen Demokratie und letztlich aller anderen Parteien gerichtet. Daher muss alles vermieden werden, was auf das Publikum wirkt, als sei die AfD bloß eine weitere, gewöhnliche Partei.

Die zweite große Gefahr aber liegt in der Hoffnung auf Selbstentlarvung. Das oft kolportierte Argument der "Selbstentzauberung" ist eine Ausrede, nicht zu aktiv zu werden oder gar zu kooperieren. Es gibt verstörend viele Leute, die eine Partei nicht trotz offener Menschenfeindlichkeit wählen - sondern wegen.

Es gibt aber eben auch andere: Leute mit zu geringen Abwehrkräften gegen rechts. Leute, die nur dort Anerkennung finden und deshalb das Gesamtpaket in Kauf nehmen. Leute, die manchmal schwer nachvollziehbaren gedanklichen Strukturen folgen. Es mag für aufgeklärte Demokraten kaum vorstellbar sein, aber in sozialen Medien lässt sich eine Sphäre beobachten, in denen folgende Äußerung normal erscheint: "Ich bin doch kein Antisemit, nur weil ich glaube, dass die Juden an allem schuld sind."

Und wenn hier überhaupt noch etwas helfen kann, dann nur, immer und immer wieder ausführlich und empörungsmindernd zu erklären, weshalb genau ein Satz, ein Verhalten, ein politischer Vorschlag inakzeptabel oder menschenfeindlich ist. Und sogar, warum Menschenfeindlichkeit etwas Schlechtes ist. Ich weiß, das liest sich absurd. Aber das ist 2017.