Aggressiver Web-Spaß Guerilla gegen Google

Mal ein Hakenkreuz, mal eine Beleidigung: Netzaktivisten füttern die Suchtrendliste von Google mit provokanten Symbolen. Die Urheber der Web-Streiche entstammen einem anarchischen Internet-Forum, das rassistische Tiraden und sexistische Fotos veröffentlicht - und originelle Ideen.

Plötzlich ist Christopher Poole, 20, berühmt. Am selben Tag stand sein Name im "Time"-Magazin und im "Wall Street Journal". So mancher Web-Unternehmer würde fast schon töten für so hochkarätige Aufmerksamkeit. Aber Poole, oder besser: moot ist eigentlich gar nicht so scharf auf Aufmerksamkeit. Nur ein paar Werbekunden hätte er gerne.

moot ist Pooles Netzname, unter dem er vor fünf Jahren ein Webforum namens 4Chan gründete, um mit seinen Freunden Anime-Bildchen auszutauschen. "2Channel" war der Name des japanischen Vorbildes. Heute zieht 4Chan jeden Monat Millionen von Menschen an oder stößt sie ab - und permanent werden von dort aus Ideen ins Netz gepumpt. Im Moment sind die Nutzer mit Freude und Häme dabei, Google den Stinkefinger zu zeigen.

Entwicklungspsychologen haben für das, was die 4Chan-Gemeinde treibt, den Begriff "Freude am Effekt" geprägt: So wie ein Kleinkind, das seine Rassel immer wieder herunterwirft, um sich daran zu erfreuen, dass es jedes Mal wieder klappert, spielen die 4Chan-Nutzer mit den Mechanismen des Netzes. Meist ohne tieferen Sinn.

Geburtsstätte abseitiger und großartiger Netztrends

Vergangene Woche postete ein Unbekannter in einem 4Chan-Forenthread den HTML-Code für ein Hakenkreuz - und weil offenbar Tausende von Lesern das Zeichen spontan ins Google-Suchfenster kopierten, landete das Symbol an der Spitze von Googles "Hot Trends"-Liste, die aktuell häufig gesuchte Wortgruppen darstellt. Das oft gesuchte Hakenkreuz schlug Wellen, der konservative US-Blogger Matt Drudge verlinkte die seltsame Liste - schließlich wurde das Hakenkreuz von Hand entfernt und Google entschuldigte sich.

Die 4Chan-Nutzer aber hatten, ganz aus Versehen, eine neue Methode gefunden, ein winziges Stückchen Web-Öffentlichkeit zu manipulieren. Am Montag standen in der "Hot Trends"-Liste plötzlich die Sätze "Scientology is a Cult" und "Fuck you google" - letzterer auf dem Kopf. Offenbar hatte ein Foren-Poster eine kopfstehende Version der Beschimpfung erzeugt, möglicherweise mit der simplen Web-Anwendung " Flip ", die jeglichen Text umklappt, und ins Forum gestellt. Die Nutzer brauchten nur noch copy und paste, um den pubertären Anwurf zu einem "Hot Trend" zu machen.

"Es scheint", kommentiert  "L.A. Times"-Blogger David Sarno, "dass die Gruppe mit Google Trends ein neues Spielzeug gefunden hat, dass sie auf den Gehsteig werfen kann, bis es zerbricht". Nur, dass dieses Spielzeug dem größten Internet-Unternehmen in der Gegend gehöre: "Kein Wunder, dass die jungen Burschen so schadenfroh sind."

4Chan ist ein Internet-Forum oder Bulletin Board im klassischen Sinn des Wortes: Nutzer können dort Texte oder Bilder einstellen, andere Nutzer kommentieren oder tragen eigene Bilder bei. Das Webdesign ist archaisch - aber eine ganze Reihe veritabler Internet-Trends oder Meme  ist dort entstanden. Zum Beispiel die Lolcatz-Bewegung (Beispiele für Lolcatz-Sprüche in der Fotostrecke unten).

4Chan ist eine Mem-Schleuder, eine Brutstätte für ansteckende Ideen, aber auch ein abgründiger Ort, an dem Scheußlichkeiten, rassistische und sexistische Tiraden und Bilder weit jenseits der Grenzen des guten Geschmacks veröffentlicht werden. Eine Zensur findet kaum statt - nur Kinderpornografie ist nicht erlaubt. Und wenn doch mal etwas Gesetzwidriges auftaucht, bleibt es nicht lang - Threads bei 4Chan überleben üblicherweise nicht länger als eine Stunde, manche verschwinden nach Minuten wieder.

Dunkel und seltsam wie das Innenleben eines Teenagers

Wenn ein Nutzer dort ein Nacktfoto seiner Freundin einstellt, mit der Bitte um Ratschläge, weil sie ihn angeblich nicht oral befriedigen will, kann das eine zehnseitige Debatte hervorrufen: angereichert mit weiteren, zunehmend drastischen Bildern und immer wüsteren gegenseitigen Beschimpfungen der Teilnehmer. Andernorts wird freundlich über die Vorzüge von Carbon-Chassis für Eigenbau-Autos debattiert, hitzig über Videospielkonsolen oder nostalgisch über Kekse mit Cremefüllung. Die Welt von 4Chan ist dunkel und seltsam, wie das Innenleben eines verwirrten Provinz-Teenagers um 3 Uhr morgens.

Es gibt zwar eine interne Regel, die besagt, dass nichts veröffentlicht werden darf, was "gegen US-Gesetze oder internationales Recht verstößt" - über die Einhaltung dieser Regel zu wachen, ist jedoch schwierig. Zwar gibt es Moderatoren, und dem "Wall Street Journal" zufolge haben moot und seine Helfer im Lauf der Jahre 70.000 Nutzer von 4Chan verbannt - ein heil- und regelloses Durcheinander bleibt die Seite dennoch.

3,3 Millionen Nutzer im Monat?

Das Angebot ist immens populär und in all seiner Sumpfigkeit ein hervorragender Nährboden für alles, was das soziale Internet ausmacht. Die globale Anti-Scientology-Bewegung "Anonymous" zum Beispiel, die Anfang 2008 entstand, ist ein Kind der 4Chan-Foren. Als Reaktion auf das gruselige Frohe-Botschaft-Video, in dem Tom Cruise die Vorzüge der Organisation pries, organisierte die dezentrale, streng anonymisierte Nutzermasse weltweit Organisationen, startete Hack-Attacken gegen Scientology-Server und eine Kampagne, die dafür sorgen soll, dass die Organisation in den USA ihre Steuervorteile verliert.

So ernst wird es aber normalerweise nicht, und Anonymous ist inzwischen über seine Anfänge hinausgewachsen - auch wenn die Aktionen immer noch unter dem Oberbegriff "Project Chanology" firmieren.

Poole zufolge generiert 4Chan heute 8,5 Millionen Seitenaufrufe am Tag und lockt 3,3 Millionen Nutzer pro Monat an. Laut ComScore sind es nur 796.000 unique visitors - Poole glaubt dem "Wall Street Journal" zufolge aber, dass die Comscore-Daten, die auf Panels von Test-Nutzern basieren, seinen Traffic nicht korrekt abbilden könnten: "Unsere Nutzer sind schwer festzunageln."

Nicht nur deshalb ist es ihm bislang nicht gelungen, aus der so erfolgreichen Mem-Maschine 4Chan ein richtig profitables Start-up zu machen. Werbekunden zu finden, die Anzeigen neben den unberechenbaren Inhalten von 4Chan schalten möchten, ist keine leichte Aufgabe. Sein einziger Angestellter ist ein Programmierer, und der, sagt Poole, verdiene mehr als er selbst.

Er würde aber verkaufen, scherzte der 20-Jährige mit dem Schmuddel-Start-up im Gespräch mit "Time": für 580 Millionen Dollar - die Summe, die Rupert Murdoch einst für MySpace bezahlt hat.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.