Alles wieder offen Kasparow zerpflückt Deep Fritz

So kann sich das Blatt wenden: In der dritten Partie Mensch gegen Maschine siegte Durchblick über Weitsicht. Zu keinem Zeitpunkt kam Kasparow wirklich unter Druck - und Fritz bemerkte viel zu spät, wie der Mensch ihm ans Leder wollte.


Blick aufs Spielbrett in New York
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Spieltage: 11. Nov. | 13. Nov. | 16. Nov. | 18. Nov. - Live-Übertragung jeweils ab 19 Uhr

Triumphierte in der dritten Partie: Garry Kasparow
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Triumphierte in der dritten Partie: Garry Kasparow

Mit Fritzens' Denktiefe hält kein Mensch mit: Das Programm errechnet Millionen von potenziellen Zügen mit all ihren Konsequenzen bis zu 18 Halbzüge in die Zukunft - zeitweilig erreichte Fritz in der dritten Partie gar 19 Halbzüge. Dass auch das nicht reicht, wenn Mensch sich langfristig etwas vornimmt, führte Kasparow in der dritten Partie eindrucksvoll vor. Nachdem er Fritz einen Bauern genommen hatte, begann ganz langsam der Vormarsch eines weißen Bauern, den Fritz weder als Keim eines Angriffes, noch als Gefahr erkannte. Schnell jedoch sah er sich einer bis zum Schluss geschlossenen Phalanx weißer Bauern gegenüber, die seine Bewegungsfähigkeit auf dem Feld empfindlich einschränkte.

Dass Fritz keine Gefahr erkannte, hatte einen ganz einfachen Grund: Aus Perspektive des Rechners stellte die Situation lange keine Gefahr dar - 18 Halbzüge in die Zukunft.

Kasparow mag die Kapazität nicht haben, die vielen Hunderttausend Zugmöglichkeiten nur auf dem von ihm gewählten Weg zu errechnen. Aber er war sich darüber im Klaren, dass er im Vorteil war und womit: Seine Züge wurden von Absichten gelenkt, die jenseits des 18-Halbzug-Denkhorizonts des Rechners lagen. Prompt sah das Programm, das Kasparow ein Remis abgetrotzt und ihn in der zweiten Partie sogar geschlagen hatte, ganz, ganz klein aus.

So sahen die Kommentatoren und Experten schon nach wenigen Zügen die Chancen klar verteilt: Kaum eine Stunde nach Beginn der Partie roch es bereits nach einem kleinen Durchmarsch für Kasparow.

Fritz hingegen leistete sich Verlegenheitszüge der computerisierten Art. Mehr reaktiv als aktiv schien der Rechner stochernd nach einer eigenen Strategie zu suchen. Treu seiner Programmierung errechnete er fraglos fehlerfrei seine nächsten neun potenziellen Züge und klopfte sie darauf ab, wie vorteilhaft sie sein könnten. Allein der Durchblick fehlte ihm: Bei aller Weitsicht durchschaute das Programm Kasparows langfristige Absicht nicht - und analysierte die eigene Position konsequenterweise lange Zeit besser, als sie wirklich war.

Hinter dem Horizont

Was in Erinnerung ruft, wie Kasparow bisher an dem Rechner scheiterte: Durch eigene Fehler. Der Sieg gegen den Rechner ist immer eine Konzentrationsleistung, denn Fehler verzeiht der nicht. In "Sichtweite" seines Wahrnehmungshorizontes identifiziert Fritz jeden Fehlzug und nutzt ihn zu seinem Vorteil aus. Eine Gewinnstrategie muss folglich darauf abzielen, den Rechner von jenseits der Grenzen seines Wahrnehmungshorizontes zu überrollen.

Kasparow scheint also ein Mittelchen gegen Fritz gefunden zu haben, das auch die Fritz-Entwickler selbst kalt erwischte. Frans Morsch, "Hauptvater" des Programms, zeigte sich überrascht von dessen partieller Blindheit: "Da stimmt was nicht im Programm, da müssen wir was ändern". Vor der letzten Partie am Dienstag allerdings sei das nicht mehr hinzubekommen.

Zumindest im Mittelspiel schien Fritz endlich zu "erwachen". Die Züge des Rechners erschienen nun Zielgerichteter und schienen Kasparow zu zwingen, seine eigenen Züge länger durchdenken zu müssen. Doch prompt sorgte Fritz für Entwarnung: Zwei passablen Zügen folgte weiteres Stochern im Trüben, und Kasparow tat ihm den Gefallen nicht, noch einmal etwas zu übersehen wie in den ersten zwei Partien. Mitte der 20er-Züge begannen die Kommentatoren, an eine parzielle Erblindung des Programms zu glauben: Kasparow schien sich anzuschicken, sich eine zweite Dame zu besorgen - und Fritz merkte nichts.

Soweit kam es nicht mehr. In der letzten Phase des Spieles erkannte Fritz, wie bedrängt er wirklich war: Das bloße Zählen von Figuren hatte ihn nicht zu der "Erkenntnis" kommen lassen, in was für ein Dickicht Kasparow ihn führte. Am Ende waren gerade einmal drei Figuren geschlagen worden, und doch hatte sich das Programm völlig verrannt. Mit Kasparows 45. Zug warf das Team Fritz das Handtuch - und Kasparow zog gleich im Turnier.

So schnell kann das gehen: Eben noch schien Kasparow unter Druck und mit schwindenden Chancen im Match. Jetzt darf er sich gestärkt fühlen, und das ist der halbe Sieg - denn gewonnen wird auch das Spiel gegen den Rechner im Kopf. Nach Partie Zwei beschwerte sich Kasparow darüber, dass seine Konzentration durch technische Probleme mit der Darstellung des Spielbrettes schon im Vorfeld gebrochen worden sei. In Partie Drei brach nichts seine Konzentration, und Mensch bezwang Maschine. Am Dienstag nun geht es um die Wurst, und alles ist möglich - ein wahres "Endspiel". Wie immer ab 19 Uhr...

Frank Patalong

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