Alternative Browser Es muss nicht immer Chrome sein

Der Marktanteil von Googles Browser ist konkurrenzlos. Aber einige weniger populäre Alternativen versprechen ungewöhnliche Funktionen - und mehr Privatsphäre. Wir stellen drei von ihnen vor.

SPIEGEL ONLINE

Von Eike Kühl


Wer einen neuen Browser entwickeln will, muss einigermaßen wahnsinnig sein. Etwa zwei Drittel aller Menschen bewegen sich im World Wide Web inzwischen mit Googles Chrome. Selbst Safari, der auf jedem Apple-Computer vorinstalliert ist, kommt nur auf einen Marktanteil von knapp fünf Prozent. Firefox hat in den vergangenen Jahren ebenfalls Nutzer eingebüßt.

Das heißt aber nicht, dass es neben Chrome keine Alternativen gibt. Gerade in den vergangenen Jahren sind neue Browser erschienen, die mehr Privatsphäre versprechen, äußerst schnell sind und zudem clevere Zusatzfunktionen enthalten. Im Folgenden stellen wir die drei Browser Opera, Brave und Cliqz vor.

Opera: Schneller Browser mit smarter Seitenleiste

Eine Liste mit alternativen Browsern ohne Opera? Geht eigentlich nicht. Seit 1995 gibt es die Software bereits, inzwischen gehört die gleichnamige, ehemals norwegische Firma einem chinesischen Konsortium. Der Weiterentwicklung hat es nicht geschadet, im Gegenteil: Erst Anfang April erschien ein großes Update.

Opera basiert auf Chromium, dem Open-Source-Browser, auf dem auch Google Chrome aufbaut. Deshalb ähneln sich einige Funktionen, wie etwa die gemeinsame Adress- und Suchleiste oder die Menüführung. Der auffälligste Unterschied zu Chrome und anderen Browsern ist die anpassbare Seitenleiste. Hier erhalten die Nutzerinnen und Nutzer unter anderem Zugriff auf die Web-Versionen von WhatsApp oder vom Facebook Messenger. Die könnte man natürlich auch in einem eigenen Tab öffnen, aber so sind sie immer sofort verfügbar.

Das Snapshot-Tool in der Seitenleiste erlaubt schnelle Screenshots von Websites. Über "Mein Flow" können Nutzerinnen Dateien und Notizen aus dem Desktop-Browser an den mobilen Opera Touch auf dem Smartphone schicken. Über den Newsreader können Nachrichtenseiten oder auch gute alte RSS-Feeds abonniert werden. Und über die Erweiterung "Chrome Extensions" lassen sich auch in Opera Add-Ons installieren, die eigentlich für Chrome entwickelt wurden. Ansonsten gibt es aber viele beliebte Erweiterungen, etwa für Passwortmanager wie LastPass und Dashlane, auch für Opera.

Andere Features sind eher für Spezialisten, etwa die eingebaute Wallet für Kryptowährungen. Alltagsrelevanter dürfte das integrierte Virtual Private Network (VPN) sein: Ist es aktiviert, werden die Daten in Opera über einen Server im Ausland übertragen. So lassen sich die eigene IP-Adresse verschleiern und Ländersperren etwa bei YouTube-Videos umgehen. Mit dem Funktionsumfang und den Sicherheitsvorkehrungen kostenpflichtiger VPN-Anbieter sollte man Operas Lösung nicht gleichsetzen, aber zum sicheren Surfen in offenen Hotspots taugt sie allemal.

Ansonsten hat Opera einen eingebauten Adblocker sowie zahlreiche Datenschutzeinstellungen und Anpassungsmöglichkeiten, für die es sich lohnt, mal wieder einen Blick auf die inzwischen fast 25 Jahre alte Browser-Alternative zu werfen.

Brave: Browser mit eingebauter Tor-Funktion

Brave mit integriertem Zugang zum Tor-Netzwerk
SPIEGEL ONLINE

Brave mit integriertem Zugang zum Tor-Netzwerk

So alt wie Opera ist Brave längst nicht. Den quelloffenen Browser gibt es erst seit knapp drei Jahren. Aber mit Brendan Eich, dem Mitgründer von Mozilla, hat Brave einen prominenten Chef. Und der sieht Brave vor allem als Alternative für Nutzerinnen und Nutzer, die Datenschutz schätzen.

Auch Brave basiert auf Chromium, aber beim Aussehen hören die Gemeinsamkeiten auf. Den Kern des Browsers bildet das Brave Shield, ein eingebauter Werbe-, Skript- und Cookie-Blocker, der beim Besuch einer Website in der Adressleiste angezeigt wird. Hier lässt sich für jede Seite individuell einstellen, welche Daten erfasst werden sollen. So viel Kontrolle ist ohne Erweiterungen selten. In unserem Test hat Brave Werbung auf den meisten Seiten zuverlässig ausgeblendet. Als Standard-Suchmaschine ist das privatsphärefreundliche Qwant eingerichtet, aber natürlich lassen sich auch Google oder Duck Duck Go einstellen.

Der Werbeblocker von Brave steht aber auch in der Kritik. Schließlich sind viele kommerzielle Angebote, darunter auch SPIEGEL ONLINE, auf Werbung angewiesen. Doch die Macher von Brave sind gar nicht prinzipiell gegen Werbebanner. In künftigen Versionen soll es Nutzerinnen möglich sein, Werbung einzublenden, die von Brave als datenschutzfreundlich eingestuft wurde. Schon jetzt können sich Website-Betreiber bei Brave Rewards anmelden: Die Nutzer des Browsers können ihnen dann anonym kleine Geldbeträge über die Kryptowährung Basic Attention Token (BAT) überweisen.

Für Brendan Eich und sein Team ist dieser direkte Austausch zwischen Nutzer und Anbieter ein neues Bezahlmodell für Online-Inhalte. Ob es sich trägt, ist fraglich. Dazu müsste Brave überhaupt erst einmal genug User und Partner gewinnen, die sich mit Kryptowährungen auseinandersetzen wollen.

Im Vergleich zu Opera bietet Brave nicht ansatzweise so viele Anpassungsmöglichkeiten. Er befindet sich noch in einer vergleichsweise frühen Entwicklungsphase und für einzelne Websites wie Netflix müssen Nutzer bestimmte Komponenten nachladen. Das geht aber direkt über die Adresszeile und dauert bloß wenige Sekunden.

Trotzdem ist Brave bereits eine ernsthafte Alternative zu anderen Browsern. Nicht zuletzt aufgrund des sicheren Surfmodus über das Tor-Netzwerk. Bedeutet ein "Sicheres Fenster" in den meisten Browsern nur, dass keine Daten über den Besuch lokal gespeichert werden, wird bei Brave tatsächlich der Datenverkehr über das Tor-Netzwerk geleitet und damit anonymisiert. Ohne zusätzliche Software, ohne Add-On. Ein echtes Alleinstellungsmerkmal.

Cliqz: Anti-Tracking-Browser made in Germany

Cliqz mit Rabattprogramm MyOffrz
SPIEGEL ONLINE

Cliqz mit Rabattprogramm MyOffrz

Die Entwickler von Cliqz verfolgen ähnliche Ziele wie die von Brave, sind aber nicht ganz so anarchisch in ihrem Ansatz. Kein Wunder, gehört Cliqz doch zum deutschen Medienkonzern Hubert Burda Media, und auch die Mozilla-Foundation ist involviert. Denn Cliqz basiert nicht auf Chromium, sondern auf Firefox. 2017 erwarb Cliqz zudem die beliebte Browser-Erweiterung Ghostery, um deren Anti-Tracking-Funktion zu integrieren.

Datenvermeidung steht somit auch bei Cliqz im Mittelpunkt. Zum Beispiel bei der im Browser integrierten Suchmaschine. Wer Suchbegriffe in die Adresszeile eingibt, erhält zunächst in einer Vorschau Vorschläge von Cliqz. Erst wenn "Enter" gedrückt wird, öffnet sich eine externe Suchmaschine wie Google. Die Entwickler versprechen somit "relevante Suchergebnisse, ohne persönliche Daten preiszugeben". Cliqz selbst sammelt zwar anonymisierte Suchanfragen aller Nutzer, um die Vorschläge zu verbessern. Ein "Erstellen von Nutzerprofilen" sei aber ausgeschlossen, heißt es.

Überhaupt versucht Cliqz mit allen Mitteln zu verschleiern, welcher Nutzer welche Website besucht. Der Browser verwendet dafür eine komplexe Anti-Tracking-Technik, die unter anderem persönliche Identifikationsmerkmale in URLs ersetzt. Damit soll vermieden werden, dass Nutzer über mehrere Websites hinweg verfolgt werden können. Das ist in Browsern bislang einzigartig. Zur zusätzlichen Kontrolle können die Nutzer für jede Website einstellen, ob Werbung, Cookies oder Tracker blockiert oder erlaubt werden sollen.

Wie in Brave gibt es in Cliqz ein Partnerprogramm. Es heißt MyOffrz und blendet den Browsenden zu ihrem Surfverhalten relevante Angebote und Schnäppchen an. Wenn sie etwa einen Streamingdienst besuchen, erhalten sie vielleicht einen Promocode für ein anderes Unterhaltungsangebot. Auch für diese Funktion werden keine Vorlieben gespeichert oder ermittelt; alles findet lokal auf dem Gerät statt.

Ein zusätzliches Datenschutz-Feature ist ein Pornomodus. Richtig gelesen: Cliqz öffnet auf Wunsch automatisch Websites mit Erwachsenen-Inhalten in einem eigenen Fenster und speichert den Besuch nicht in der Chronik. Cliqz unterstützt außerdem die eigene Browser-Erweiterung Re:Consent. Sie zeigt bei Diensten wie Facebook oder Google an, welche Rechte die angemeldeten Nutzer den Plattformen erteilt haben. Also quasi eine Art Sicherheitscheck. Ebenfalls nützlich: Ein Videodownloader, über den sich YouTube-Clips einfach speichern lassen.

Cliqz ist ein Browser, bei dem sich das Ausprobieren lohnt. Quelloffen, in Deutschland entwickelt und mit innovativer Anti-Tracking-Technik ausgestattet, liefert er mehr Kontrolle über die eigenen Daten als Firefox und Chrome. Ein einfacher Import von Lesezeichen und Chronik aus anderen Browsern erleichtert den Umstieg.



insgesamt 30 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ctreber 23.04.2019
1. Wer Chrome benutzt...
...hat keine Probleme mit Privatsphäre. Genauer: deren Abwesenheit. Datensammlung aus einer Hand: Browser UND Suchmaschine. Kann man mehr abgreifen? Nicht, dass ich wüsste (jedenfalls bei SSL-Verbindungen).
ichliebeeuchdochalle 23.04.2019
2.
Nachdem beim Firefox nur noch zwei Addons liefen, und Opera nach dem Verkauf eine Fehlentwicklung wurde, bin ich zu Vivaldi gewechselt. Auch ein Chromium Derivat, aber eben in seriös.
altais 23.04.2019
3. Huch - Cliqz?
Wo kommt die Empfehlung her? Vom befreundeten Medienhaus Burda? Cliqz subsummiert den ganzen Jammer deutscher Software, ein verkrüppelter Firefox, dem fehlt, was Firefox kann. "Wer Suchbegriffe in die Adresszeile eingibt, erhält zunächst in einer Vorschau Vorschläge von Cliqz.". Super. Dazu wird jede Anfrage erst Mal an den Cliqz-Proxy geschickt, und wer den befeuert, kann man sich ja denken. Ich habe drei oder vier Browser im Einsatz. Der witzigste ist Neon, ein Opera-Derivat. Aber Cliqz würde ich nur in der virtuellen Maschine laufen lassen. (Ich glaube, ich traue Burda noch weniger als Google.)
Fuxx81 23.04.2019
4. Ziemlich rudimentär
Chrome ist einfach kein guter Browser. Ich muss mich derzeit auf der Arbeit mit ihm herumplagen und vermisse quasi jegliche Individualisierungsoptionen. Bei Produktivsoftware (und dazu zähle ich auch Browser), sollte man das Interface doch schon ein bisschen an die eigenen Bedürfnisse anpassen können. Privatsphärenfunktionen wie eine differenzierte Cookie-Policy eingebauten Tracking-Schutz usw. scheint es auch nicht zu geben. Sehr rudimentär und unausgereift, in meinen Augen. Da Firefox sich nach einem ziemlichen Usability-Tief inzwischen wieder weitgehend berappelt hat, sehe ich auch nicht die Notwendigkeit auf einen Browser vom großen Datenkraken zu wechseln. Wahrschienlich ist er nur so weit verbreitet, weil er mit mehr Software gebündelt ist, als McAfee...
Bala Clava 23.04.2019
5. Blinder Seher
"Der auffälligste Unterschied zu Chrome und anderen Browsern ist die anpassbare Seitenleiste." Ja, doof, wenn man Chromes "Lesezeichenleiste" nicht erkennen kann. Ist ziemlich weit oben. Kaum zu übersehen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.