Amateurvideos Online "Ich musste das einfach festhalten"

Seit den Terroranschlägen gegen die USA haben Amateurvideos im Web Hochkonjunktur. Vor allem über Filesharing-Dienste werden munter Hobbydokumentationen getauscht. Der Online-Videoboom treibt jedoch auch makabre Blüten.

Von Jochen A. Siegle


Amateuraufnahmen beim ZDF

Amateuraufnahmen beim ZDF

Als nach den Terrorattacken am 11. September die Türme des World Trade Center in sich zusammenstürzten und das Pentagon brannte, füllten sich Hunderte von Internet-Seiten im Nu mit Augenzeugenberichten, Amateur-Fotos und Audioclips. Noch näher brachten jedoch Dutzende Video-Amateure den Webusern das Desaster.

Beispiel Mark Heath: Unmittelbar nach den Anschlägen machte sich der Manhattaner Arzt zum WTC auf, um erste Hilfe zu leisten. Mit dabei hatte Heath seine Videokamera, mit der er ein dramatisches Dokument auf DV-Tapes bannte: Aus nächster Nähe filmte er den Einsturz des zweiten Towers und das Chaos der ersten Rettungseinsätze am "Ground Zero".

Während TV-Sender stundenlang die selben Szenen des gecrashten zweiten Jets und des berstenden Welthandelszentrums wiederholten, eröffneten Heaths Bilder und Kommentare einen ganz anderen, menschlicheren Fokus der Katastrophe. Scheinbar ganz nebenbei filmte der Mediziner die völlig surreal anmutende, geradezu apokalyptische Szenerie. Die Kamera hing Heath während seines Rundgangs teilweise einfach um den Hals, die Bilder sind entsprechend verwackelt. Selbst eingehüllt von Staub und Dreck, verarztete der New Yorker schließlich Verwundete in einem Notlager.

Das Video ist nur eine von dutzenden Amateur-Dokumentationen, die seit der Anschlagserie im Cyberspace kursieren: Über private Homepages, Peer-to-Peer-Netzwerke, Weblogs oder auch Mainstream-Nachrichtensites vermitteln - neben Amateurfotografen - vor allen Dingen Hobby-Videoreporter ihre ganz persönlichen Eindrücke von den Geschehnissen in New York, Washington und Pennsylvania.

Amateurvideos für die TV-Primetime

Auch zahlreiche Fernsehkanäle und Nachrichtenagenturen bedienten sich Amateurvideos der Attacken. Wie das medienkritische Poynter Institute aus Florida berichtet, stammt das Gros des Terror-Filmmaterials der TV-Sender ABC, CBS, NBC, CNN sowie der Newsagenturen Associated Press (AP) und Reuters von Hobbyfilmern. Die AP-Fernsehunit Associated Press Television News (APTN) wirbt auf ihrem Online-Angebot sogar damit, als erster Newsdienst Medienunternehmen Amateuraufnahmen vom brennenden WTC offeriert zu haben.

Näher ran geht nicht: Mark Heath' Aufnahmen machten es bei NBC in die Prime Time

Näher ran geht nicht: Mark Heath' Aufnahmen machten es bei NBC in die Prime Time

Auch Heaths Video lief im US-Fernsehen bei verschiedenen Stationen im Hauptprogramm. Im Web zählt seine Doku nach wie vor zu den gefragtesten Clips. Der New Yorker hat mit diesem Filmdokument nicht nur Fernseh-, sondern auch Internetgeschichte geschrieben. In Newsgroups wird der Arzt inzwischen sogar als Held gefeiert.

"'The real story' des 11. September wurde so oder so im Web erzählt", merkte der Internet-Pionier und Science-Fiction-Autor Cory Doctorow in einem Webforum an. "Während sich in den Nachrichtensendungen nichtssagende Plaudertaschen die Klinke in die Hand gaben, berichteten im Netz Webuser aus New York und Washington über die tatsächlichen Ereignisse."

Dazu zählte auch David Vogler. Nachdem der New Yorker Grafikdesigner den Einsturz des ersten Towers beobachtet hatte, eilte er in sein Appartement, um sein Videoequipment zu holen. Eine gute Stunde später waren seine ersten Filmszenen online. Er hatte einfach das zwanghafte Bedürfnis, dieses Ereignis für die Nachwelt festzuhalten, so Vogler in einem Interview. Mittlerweile sieht er in der Online-Veröffentlichung dieser Aufnahmen sogar eine therapeutische Wirkung zur besseren Verarbeitung der Erlebnisse.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.