Amazon-Streit "Der Buchmarkt bewegt sich in Richtung Flatrate"

Christian Handke ist Fachmann für die Frage, wie sich Kultur finanzieren lässt. Im Interview spricht der Ökonom über den Amazon-Streit und erklärt, warum eine Kulturflatrate Künstlern mehr Geld einbringen könnte.
Leserin mit E-Book: Doch ein Kulturflatrate?

Leserin mit E-Book: Doch ein Kulturflatrate?

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Zur Person
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Christian Handke ist Professor für Kulturökonomie an der Erasmus-Universität in Rotterdam. Er hat diverse Institutionen in Fragen des Urheberrechts und der Kulturfinanzierung beraten, darunter die deutsche Expertenkommission Forschung und Innovation, die Europäische Kommission, Industry Canada, das UK Intellectual Property Office und die US-amerikanische National Academy of Sciences.

SPIEGEL ONLINE: Ein Meinungskrieg spaltet die Kulturwelt: Die einen sagen, Amazon sei ein böser Monopolist, der mit E-Book-Preisen unter 10 Euro die Verlage erpresst. Die anderen sagen, die Verlagsgruppe Hachette wolle den E-Book-Markt blockieren durch E-Book-Preise von über 15 Euro. Wer hat recht?

Handke: Es gibt hier kein Gut oder Böse, sondern nur Unternehmen, die ihre Interessen gegeneinander durchsetzen wollen und dabei ihre Marktmacht ausnutzen. Aber derzeit scheint es so, dass Amazon zumindest in den USA eine marktbeherrschende Stellung hat und diese selektiv gegen ein einzelnes Unternehmen einsetzt, und den Vertrieb von Büchern behindert. Bei einem solchen Verhalten müssen die Wettbewerbshüter eingreifen.

SPIEGEL ONLINE: Aber Hachette selbst ist ein Multimilliardenkonzern, der selbst vor ein paar Jahren versucht hat, mit Preisabsprachen ein Kartell zu bilden, um die Preise für Bücher künstlich hoch zu halten.

Handke: Ja, als Kunde kann man auch von Hachette nicht begeistert sein. Hachette und anderen großen Verlagen schlägt jetzt oft Schadenfreude entgegen. Das haben sie sich zum Teil selbst zuzuschreiben. Die Frage ist, was kommt, falls sich Amazon weitgehend durchsetzt. Ein Kartell kann zwischenzeitlich hilfreich sein, um sich gegen die Verhandlungsmacht eines sich herausbildenden Monopolisten besser durchzusetzen. Im Computerzeitalter gibt es immer wieder temporäre Quasimonopole wie früher iTunes im Musikmarkt oder Microsoft im Betriebssystembereich. Marktführer erringen schnell eine dominante Position.

SPIEGEL ONLINE: Amazon macht es seinen E-Book-Kunden schwer, zur Konkurrenz zu wechseln, denn der Konzern verwendet ein eigenes, proprietäres Datenformat (.azw), das nicht auf den E-Readern von Sony oder Thalia läuft.

Handke: Ja, das ist eine typische Lock-in-Methode, mit der Marktführer versuchen, sich vor Konkurrenz zu schützen. Wettbewerbshüter könnten gegensteuern, indem sie die Branche dazu anregen, Formate einzusetzen, die miteinander kompatibel sind. Amazon könnte gezwungen werden, dass der Kindle auch andere Formate der Konkurrenz anzeigt, das wäre sicherlich gut für Wettbewerb, Vielfalt und die Kunden. Aber derzeit bewegt sich die Technik so schnell, dass das wenig Aussicht auf Erfolg hat. Ein offenes Format wie MP3 wird zum Beispiel von den heutigen Musik-Streamingplattformen wenig genutzt. Vor allem beschränken Kompatibilitätsstandards aber die Spielräume für neue Entwicklungen. Sie haben also auch ihre Kehrseiten.

SPIEGEL ONLINE: Könnte die Digitale Agenda hilfreich sein beim Umgang mit Monopolisten?

Handke: Die Digitale Agenda spricht zumindest die Verantwortung der Bundesregierung an, den digitalen Markt für kulturelle Werke bestreitbar zu halten. Ich halte das für wichtiger als eine stärkere Bekämpfung des unautorisierten Kopierens. Die Marktführer dürfen sich ihrer Position nicht zu sicher sein. Die Urheberrechtspolitik ist dabei ein bisschen paradox. Das Urheberrecht stärkt die Marktmacht von Rechteinhabern und damit deren Position gegenüber den Internetriesen. Man bekämpft aus ökonomischer Sicht also Feuer mit Feuer. Zudem bekleckern sich weder die Platzhirsche der Urheberrechtsbranchen wie Hachette noch die neuen Internetplattformen mit Ruhm, wenn es um die Beteiligung der Urheber an der Wertschöpfung durch kreative Werke geht.

SPIEGEL ONLINE: Ist die technische Entwicklung einfach zu rasant für die Politik?

Handke: Möglich, derzeit bewegt sich der Buchmarkt in eine interessante Richtung, die wir von der Musik kennen: Streaming und Flatrates. Gegen einen Monatsbetrag kann man vielleicht bald so viele Bücher lesen, wie man will.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Idee der Kulturflatrate nicht mit der Piratenpartei untergegangen?

Handke: Nein, wir haben zum Thema Flatrate gerade erste Ergebnisse einer umfangreichen Studie vorgestellt. Wir haben Tausende von Niederländern befragt und es stellt sich heraus: Zumindest die Musikindustrie könnte ihre Einnahmen dort wahrscheinlich verdoppeln, wenn sie statt auf Einzelverkauf auf eine Kulturflatrate setzen würden. Und die Endverbraucher wären im Schnitt auch besser gestellt, besonders wenn sie die Wahl hätten, aus einer solchen Flatrate auch auszusteigen.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach Planwirtschaft.

Handke: Ja, bei einer Flatrate werden die Preise nicht ohne weiteres in einem Markt gebildet. Das ist aus ökonomischer Sicht ein großer Nachteil, der sich allerdings stark verringert, wenn die Teilnahme freiwillig ist. Darüber hinaus ist es kaum möglich, derzeit von funktionierenden Märkten für urheberrechtlich geschützte Werke zu sprechen. Nehmen Sie nur die vielfältige, unautorisierte Nutzung oder eben den Druck, den Internetplattformen auf Rechteinhaber ausüben können. Es ist also müßig, eine Kulturflatrate, wie Sie sie nennen, mit dem Ideal eines perfekten Marktes zu vergleichen. Die Frage ist aus meiner Sicht, ob es möglich ist, Rechteinhaber und Verbraucher gemeinsam besser zu stellen. Bei einem Aufpreis von rund zwei Euro pro Haushalt mit Internetanschluss, der anschließend an die Rechteinhaber ausgeschüttet wird, wären nach unseren Ergebnissen nach beide Seiten besser dran. Die Kunden könnten damit frei auf Musik zugreifen für wenig Geld. Und die Kreativen und sonstigen Rechteinhaber könnten viel mehr verdienen als heute. Auch für die Film- oder Buchbranchen könnten solche Modelle günstig sein. Hier haben wir aber die Datenanalyse noch nicht abgeschlossen.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Flatrate-Literatur würde natürlich über die Grenzen hinaus in illegale Tauschbörsen in aller Welt schwappen.

Handke: Kann es aus Sicht der Rechteinhaber noch viel schlimmer werden als derzeit? Das illegale Kopieren lässt sich seit 15 Jahren nicht in den Griff bekommen. Die technischen und juristischen Mittel sind bisher weder besonders wirksam noch besonders kosteneffizient gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Sven Regner warnte in seiner berühmten Wutrede vor einer Verarmung der Musikszene durchs Internet. Droht mit Plänen wie einer Kulturflatrate nicht ähnliches auch für E-Books?

Handke: Diese Behauptung widerspricht den Fakten. Das Musikangebot ist mit dem Aufkommen der Computertechnik vielfältiger denn je, das haben alle Studien zum Thema belegt. Dabei gibt es auch keine Hinweise, dass der Wert dieser Werke für Nutzer sich vermindert hätte. Das ist das Gegenteil von kultureller Verarmung. Musik ist heute leichter und oft billiger verfügbar als früher und so mindert sich vielleicht auch oft der Kult, den man früher zum Beispiel um Plattensammlungen gemacht hat. Das heißt aber nicht, dass Musik oder Bücher nichts mehr wert seien. Sie werden eben einfacher verfügbar, ein wenig wie Trinkwasser. Das sogar lebenswichtige Dinge billig sein können, wenn sie nur leicht verfügbar sind, nennt man übrigens das Paradox des Wertes. Von künstlicher Verknappung um ihrer selbst willen halte ich nichts.

SPIEGEL ONLINE: Würde eine Kulturflatrate für E-Books nicht den Wettbewerb abwürgen, weil Verlage und Autoren einfach passiv ihre kollektive Subvention verjubeln?

Handke: Nein, denn die Einnahmen aus einer Kulturflatrate müssen proportional zur tatsächlichen Nutzung von Werken verteilt werden. Das ist auch bei bestehenden Verwertungsgesellschaften bereits das Bestreben und wird online noch präziser möglich sein. Der Wettbewerb würde sich dann sogar verschärfen. Es gäbe weniger Möglichkeiten, monopolistische Handelsplattformen zu bilden, Kunden und Kreative zu gängeln und Formate inkompatibel zu halten. Stattdessen gäbe es mehr Anreize, sich darauf zu konzentrieren die besten Bücher zu den kundenfreundlichsten Konditionen anzubieten. Das wäre vielleicht eine produktivere Form des Wettbewerbs als das derzeitige Ringen zwischen Amazon und Hachette, wer den Preis von E-Books bestimmt.