Amazon Web Services Eine Großmacht im Internet

Andy Jassy übernimmt den Chefposten bei Amazon. Bisher war er für das Cloud-Computing-Geschäft des Konzerns zuständig – ein Bereich, in dem Amazon längst auch zum Giganten geworden ist.
Andy Jassy, der künftige Amazon-CEO

Andy Jassy, der künftige Amazon-CEO

Foto: Mike Blake / REUTERS

Andy Jassy hat nichts anbrennen lassen. Seinen Einstieg bei Amazon beschrieb er in einem Podcast  so: »Ich habe meine letzte Abschlussprüfung am ersten Freitag im Mai 1997 absolviert, am darauffolgenden Montag fing ich bei Amazon an.« Die Firma legte damals schon ein rasantes Wachstum hin. Von elf Angestellten in 1995 war das Unternehmen Ende 1996 auf 158 Angestellte angewachsen . Ein Jahr später waren es bereits 614 . Innerhalb desselben Zeitraums stieg der Umsatz von 15,7 Millionen Dollar auf 147,8 Millionen .

Jassy, der zunächst im Marketing arbeitete, stieg schnell auf und arbeitet als Co-Geschäftsführer neben Jeff Bezos, eine Position, in der er sich als eine Art Stabschef sah, der sehr eng mit dem echten Chef zusammenarbeitete. Ende 2003 entwickelte sich dann die Idee, eine technologische Plattform für eine Infrastruktur zu entwickeln, die zum einen Amazon helfen sollte, sein Wachstum zu beschleunigen, die zum anderen aber auch an andere Firmen vermietet werden könnte.

Drei Jahre später waren daraus die Amazon Web Services, kurz AWS, geworden. Heute sind die AWS der mit deutlichem Abstand größte Cloud-Computing-Dienst der Welt. Der Synergy Research Group  zufolge liegt Amazons Marktanteil in diesem Bereich über 30 Prozent, der nächstgrößere Konkurrent, Microsoft, liegt mit 20 Prozent deutlich dahinter.

Vor allem aber ist AWS quasi eine Geld-Druckmaschine. Mit einem Umsatz von 12,7 Milliarden Dollar trug die Cloud-Sparte zwar nur rund zehn Prozent zu Amazons Umsatz bei, brachte aber die Hälfte des Nettogewinns von 7,2 Milliarden Dollar ein.

Was AWS so wertvoll macht

Der Grund für das fulminante Geschäftsergebnis liegt in der Vielfalt der Dienstleistungen, die Amazon in seinen Cloud-Rechenzentren anbietet. So wird unter dem Oberbegriff S3 Cloud-Speicherplatz angeboten, unter der Marke EC2 Rechenkapazität, und Amazon Sage Maker stellt Kapazitäten für maschinelles Lernen bereit.

Eine von der Marktforschungsfirma Intricately zusammengestellte Liste der zehn größten AWS-Kunden , die bei Amazon Rechenleistung einkaufen, liest sich wie ein Who-is-Who des Internet: An erster Stelle steht hier Netflix. Der Videostreaming-Pionier zahlt demnach 19 Millionen Dollar pro Monat, um seine Dienste auf Amazons Servern laufen zu lassen. Dem Unternehmen zufolge nutzt Netflix dafür 100.000 virtuelle Server in der Amazon-Cloud .

Noch mehr überwies einem CNBC-Bericht von 2019 allerdings Apple an Amazon. Damals soll der iPhone-Hersteller 30 Millionen Dollar monatlich für nicht näher genannte AWS-Dienste bezahlt haben. Ob diese Zahl auch heute noch gilt, ist unklar. Apple betreibt mittlerweile allerdings etliche eigene große Computeranlagen. Zuletzt hatte das Unternehmen im dänischen Viborg ein Rechenzentrum in Betrieb genommen .

Große Namen – von Facebook bis Fortnite

Doch auch ohne Apple kann sich AWS nicht über einen Mangel an großen Namen in seiner Kundenliste beklagen. Neben Twitch, Airbnb, Facebook, Siemens, Twitter und der BBC nutzt sogar die chinesische Suchmaschine Baidu Amazons Webdienste. Und auch das populäre Onlinespiel »Fortnite« von Epic Games läuft in der Amazon-Cloud.

Dass AWS so populär ist, dürfte auch an der Flexibilität liegen, die sich Amazons Kunden damit einkaufen. Würde ein Unternehmen wie Netflix eigene Server anschaffen, müsste es nicht nur überall auf der Welt Rechenzentren bauen, um nah an seinen Kunden zu sein, sondern diese Anlagen auch pflegen, auf dem aktuellen technischen Stand halten und passend zum Wachstum der Nutzerzahlen ausbauen.

Bei AWS hingegen können die Unternehmen das als Dienstleistung in Anspruch nehmen: Sie buchen die Kapazitäten, die sie brauchen, wenn sie sie brauchen. Darum, dass die Rechner laufen und ausreichende Kapazitäten bereithalten, muss Amazon sorgen – und lässt sich dafür gut bezahlen.

Eine verhängnisvolle Abhängigkeit

Dass die Abhängigkeit vieler Webdienste vom Funktionieren der Amazon-Cloud auch seine Schattenseiten hat, zeigte sich Anfang 2017. Als die Amazon Web Services stundenlang ausfielen, war es, als hätte jemand einen Teil des Internets einfach ausgeknipst: Amazon Prime Video zeigte keine Filme mehr, das Reiseportal Expedia war nicht erreichbar, auf Soundcloud spielte keine Musik mehr. Auch SPIEGEL.TV konnte damals mehr als drei Stunden lang keine Filme zeigen.

Als Grund für den Ausfall gab Amazon damals an, ein Mitarbeiter habe sich schlicht vertippt, versehentlich mehr Rechner als geplant vom Netz genommen. Das Problem habe man erkannt und verhindert, dass so etwas noch einmal passieren könnte. Falls das doch geschehen sollte, wären die Folgen potenziell fatal. Seit dem Vorfall von damals hat die Abhängigkeit vieler Internetangabote von AWS eher zu- als abgenommen,

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