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Patrick Beuth

Behörden verlangen Amazon-Nutzerdaten Alexa, verschaff mir ein Alibi

Patrick Beuth
Ein Netzwelt-Newsletter von Patrick Beuth

Liebe Leserin, lieber Leser,

als ich mir vor einigen Wochen nach (wirklich!) jahrelangem Zögern einen smarten Fernseher kaufte, habe ich ihn als Allererstes weniger smart gemacht und die Spracheingabe deaktiviert. Wenn ich wollte, dass meine Gespräche über irgendwelche Server am anderen Ende der Welt laufen, könnte ich mich einfach bei Clubhouse anmelden. Das wäre zumindest billiger als ein Fernseher.

Denn wer auf derartige Daten zugreifen könnte und zu welchem Zweck, beschäftigt mich schon länger. Seit in den USA erstmals ein Mordfall mithilfe von Amazons Alexa aufgeklärt werden sollte, frage ich mich, ob und wann es normal wird, dass die Polizei sich von Haushaltsgeräten helfen lässt und ob das den Betroffenen eher nützen oder schaden wird. Ob Alexa und andere Spracherkennungsprogramme öfter für ein Alibi oder für die Anklage  gut sein werden.

Vier Jahre ist der Fall schon her, und bis heute scheint der Ermittlungsansatz eher die Ausnahme zu sein, erst recht hierzulande: Das Landgericht Regensburg hat Ende 2020 erstmals in Deutschland einen Mann auf Basis von Sprachaufzeichnungen, die ein smarter Lautsprecher mit Alexa erstellt hatte, verurteilt .

28.000 Behördenanfragen in sechs Monaten

Aber vergangene Woche hat Amazon einen neuen Transparenzbericht veröffentlicht , wie es das Unternehmen alle sechs Monate tut. US-Journalisten hatten den so interpretiert, dass die Zahl der Behördenanfragen nach Amazons Kundendaten vom ersten zum zweiten Halbjahr 2020 um 800 Prozent gestiegen ist. Das stimme so aber nicht, denn Amazon habe neue Metriken eingeführt, die zu dem vermeintlichen Anstieg geführt hätten, teilte mir das Unternehmen mit. So seien einige Unternehmensteile außerhalb der USA bisher gar nicht ausgewiesen worden. Das habe man nun geändert.

Was aber stimmt, ist die Angabe, dass die meisten dieser Behördenanfragen aus Deutschland kommen, nämlich in 11.735 von insgesamt 27.664 Fällen.

Der Geschäftszweig AWS (Amazons Cloud) ist nicht eingerechnet, für ihn gibt Amazon eigene Zahlen an: 523 Anfragen waren es hier, davon 44 aus Deutschland. Die meisten kamen von US-Behörden. Allerdings könnten Rechtshilfegesuche aus anderen Ländern auch in den US-Zahlen enthalten sein.

Amazon Echo dot

Amazon Echo dot

Foto: Elaine Thompson/ dpa

Leider sind Amazons halbjährliche Veröffentlichungen traditionell dünn. Für Transparenz jedenfalls sorgen die Transparenzberichte nicht. Gerade einmal drei Seiten umfasst das aktuelle Dokument. Zahlen gibt es darin nur wenige. In erster Linie erklärt das Unternehmen, dass Strafverfolger einen Gerichtsbeschluss vorlegen müssen, wenn sie an irgendwelche Daten wollen.

Immerhin eine interessante Zahl gibt es dann aber doch: In nur 15 der erwähnten 523 AWS-Fälle wollten die Behörden Inhaltsdaten haben, worunter theoretisch Sprachaufzeichnungen von Alexa fallen könnten. Alles andere betraf Metadaten zur AWS-Nutzung.

Einen Zusammenhang zwischen den ohnehin nur vermeintlich vermehrten Datenabfragen und der zunehmenden Verbreitung von Alexa-Geräten gebe es nicht, teilte Amazon mir mit. Das bestätigt zumindest meinen Eindruck, dass es sich bei Anfragen nach Gesprächsmitschnitten um Einzelfälle handelt.

Das Mikro an meinem Fernseher lasse ich trotzdem aus. Darüber hinaus bemühe ich mich aber auch sehr darum, keine Alibis zu benötigen.

Fremdlinks: Drei Tipps aus anderen Medien

  • »They Stormed the Capitol. Their Apps Tracked Them.«  (Englisch, acht Leseminuten)
    Der Über-Linktipp der Woche: Die »New York Times« hat Menschen identifiziert, die beim Sturm auf das Kapitol am 6. Januar dabei waren – nicht zuletzt anhand der Werbe-ID ihrer Smartphones. Ein wichtiger Artikel, zudem toll illustriert.

  • »Building A Quantum Computer with Light«  (Podcast, Englisch, 51 Minuten)
    Dafür, dass es um Quantenphysik geht, ist dieser Podcast gut verständlich. Der Physiker Jeremy O'Brien behauptet darin, dass ein wirklich nützlicher Quantencomputer schon in fünf Jahren fertig sein könnte. Selbst wenn man ihm das nicht glaubt, lernt man viel über die Technik, an der er arbeitet.

  • »Das war der absolute Irrsinn« (Vier Leseminuten)
    Ein SPIEGEL-Interview mit Amazons CEO Jeff Bezos aus dem Jahr 2000. Nur 20 Jahre ist es her, und doch bräuchte man ihm heute keine einzige dieser Fragen mehr zu stellen.

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Ihr Patrick Beuth

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