Amoklauf-Aufarbeitung Asiate, Waffennarr - so einer muss schuldig sein

Im Internet begann Stunden nach dem Massaker von Blacksburg die Suche nach Vermissten, die Trauer - und die Hatz auf den Täter. Mit bizarren Auswüchsen: Ein Waffennarr, der an der Virgina Tech studiert und asiatischer Herkunft ist, wird seit dem Amoklauf mit Morddrohungen überhäuft.

Von


"In Panik stürzen sich Menschen auf jede
Information - auch auf Missinformationen."
Wayne Chiang in seinem Blog

Wayne Chiang ist 23 Jahre alt und Student an der Virginia Tech. Vor kurzem hat sich seine Freundin von ihm getrennt, er ist Amerikaner asiatischer Herkunft und ein bekennender Waffennarr: Auf seiner Homepage posiert er stolz mit einem Teil seiner Sammlung, die zurzeit unter anderem mindestens fünfzehn Gewehre umfasst. Seit gestern sammelt er darüber hinaus Hassbriefe und Morddrohungen, denn "das Internet hat entschieden, dass ich der Killer bin".

Fälschlich beschuldigter Waffennarr Wayne Chiang: "Friede durch überlegene Feuerkraft"
wanusmaximus.livejournal.com

Fälschlich beschuldigter Waffennarr Wayne Chiang: "Friede durch überlegene Feuerkraft"

Für einige wenige Stunden nach dem Amoklauf hätte es tatsächlich so sein können. Chiangs Profil passte perfekt auf das des Amokläufers, wie es in den ersten wirren Stunden nach dieser bisher größten Amokläufer-Katastrophe in den USA kommuniziert wurde.

Inzwischen weiß man es besser: Die Polizei hat den Mann identifiziert, weiß vermutlich, woher er kam, aber vor allem, dass er tot ist. Der Schütze hatte sich selbst am Ende seines Amoklaufes mit einem Schuss ins Gesicht getötet.

Wayne Chiang dagegen lebt.

Die Polizei weiß von den Morddrohungen gegen seine Person. Chiang überlegt, gegen einige zu klagen. Seit mehrere große Medien über ihn berichteten, schlägt ihm nun eine neue Hasswelle entgegen: Jetzt gilt er als publikumsgeiler Profiteur des Massakers.

So ist das in der ebenso schnelllebigen wie totalen Kommunikationskultur des Webs. Mal ist das erschreckend, mal anrührend. Am Tag nach den Schüssen von Blacksburg findet man auch ganz andere Echos der Schüsse im Netz. Allein auf der Social-Network-Seite Facebook, dem bei Schülern und Studenten in den USA gerade populärsten Angebot dieser Art, gibt es mehrere hundert Kondolenzforen mit zum Teil Tausenden Mitgliedern.

Da wird gebetet und der Toten gedacht, über Ursachen diskutiert, Schuld zugewiesen und - immer wieder - nach möglichen Opfern gesucht.

"Ich habe gerade eine E-Mail bekommen, dass sie tot ist"

Das kennt man aus der Forenkultur des Webs seit langem. Als am 11. September 2001 mehr als 2600 Menschen in der Hölle des kollabierenden WTC ihr Leben ließen und weit mehr noch über Tage nicht auffindbar waren, weil die Telefonnetze streikten, da suchten Zehntausende besorgte Freunde und Angehörige im Web nach Spuren und Kontakten.

Heute ist das nicht anders, sondern dank Netzwerk-Seiten wie Facebook sogar leichter - was erhebliche Nachteile hat.

"Hat jemand von Euch Informationen über Reema Samaha?", fragte da wenige Stunden nach dem Massaker eine Studentin der Virginia Tech. "Sie war im Norris-Gebäude und wird vermisst." Die Antwort kam drei Stunden später. "Ich habe gerade eine E-Mail bekommen, dass sie tot ist. Reema Samaha wurde verletzt und in ein Krankenhaus gebracht, hat es aber nicht geschafft."

Im zitierten Fall stimmte das alles. Die Kommilitonin wusste damit allerdings möglicherweise mehr, als selbst Freunde und Familie des Opfers: Zu diesem Zeitpunkt war ihr Tod offiziell nämlich noch nicht bestätigt. Über ihren Verlust hätten sich die Angehörigen im Web informieren können.

In den Foren von Facebook finden sich daneben jedoch auch zahlreiche Namen, deren angeblicher Tod nie bestätigt werden wird - weil sie noch leben. Das ist die Schattenseite der Kommunikationswelle. Nur selten ruft da einer die anderen dazu auf, die wilden Spekulationen zu unterlassen: "Stellt Euch mal vor, was das für die Eltern bedeutet."

"Friede durch überlegene Feuerkraft"

Für Europäer höchst irritierend ist die Grundtendenz vieler Diskussionen. Mitunter kippen da Diskussionen, die durchaus aus Erschütterung begonnen wurden, in waffentechnische Fachdebatten darüber, warum der Amokläufer von Blacksburg mehr Menschen ermorden konnte als die Killer von Columbine, obwohl die besser bewaffnet waren (siehe Linkverzeichnis). Das in der Wut nach der Tat heute wohl meistgeäußerte Argument ist, dass der Amoklauf wohl weniger schlimm verlaufen wäre, wenn man den Studenten erlaubte, an der Uni Waffen zu tragen. "Wie viele von ihnen würden noch leben, wenn sie sich hätten verteidigen können?", fragt da einer.

Das sieht auch Wayne Chiang nicht anders.

Artikel auf einer seiner Seiten überschreibt er schon mal mit Schlagzeilen wie "Friede durch überlegene Feuerkraft". Gegenüber dem US-Sender ABC erklärte er, wie man die Katastrophe hätte mindern können: "Ich glaube fest daran, dass wenn die Studenten der Virginia Tech versteckt Waffen tragen dürften, diese Situation früher hätte beendet werden können."

In einer Gesellschaft voller Waffen ist das ein echtes Argument, wie in einem Usenet-Forum ein Diskutant ausführt und die irritierende Tatsache erklärt, dass es immer wieder Bildungsanstalten sind, die in den USA von Amokläufen betroffen sind. "Durch die waffenlosen Zonen an Schulen und Unis sind die doch die einzigen Bereiche, in denen sich Amokläufer sicher sein können, dass sie nicht auf Widerstand stoßen."

Das ist vielleicht das erschütternste Echo der Todesschüsse von Blacksburg. Das Massaker lässt einmal mehr die Diskussion um die Waffengesetze in den USA aufbranden. Einen "Weckruf" sehen viele in dieser Katastrophe, aber anders als man denken mag. Wie der bisher namentlich nicht bekannte Mörder an seine Waffen kam, fragt niemand. In einer Nachbarstadt soll es in den Tagen vor den Schüssen eine Waffenmesse gegeben haben, erzählen die Virginia-Tech-Studenten, wo man sich "ohne viel Kontrollen" Waffen hätte besorgen können. Oder sonstwo, Business as usual eben.

Wie einst im Wilden Westen.



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