Amoklauf Das Selbstbild des Killers von Montreal

Der Mann, der in Montreal gestern mindestens einen Menschen tötete und viele verletzte, pflegte eine ausgefeilte Webseite. Sie zeichnet ein erwartbares und erschreckend banales Bild des Täters. Viele Menschen machen jetzt auf der Seite ihrem Entsetzen und ihrem Hass Luft.

Es ist ein tragisches, immer wiederkehrendes Muster. Die Mörder von der Columbine Highshool in Littleton, Colorado, haben im April 1999 eine Art Blaupause geschaffen, eine Ikonografie von Verzweiflung und rücksichtsloser Gewaltbereitschaft, auf die sich andere nun beziehen - weltweit. Der Amokläufer von Montreal, der in einer Schule gestern mindestens einen Menschen tötete und 19 verletzte, viele von ihnen schwer, gehört zu diesen Columbine-Epigonen.

Er hinterließ zudem Spuren im Netz - auch das inzwischen bei solchen Tätern durchaus kein Einzelfall. Im Zeitalter der Community-Seiten schaffen Täter öffentliche Zeugnisse ihrer Gedankenwelt vor der Tat, Dokumente der Banalität und des Grauens gleichermaßen.

Der 25-Jährige Kimveer Gill, der gestern schwer bewaffnet in einem schwarzen Mantel in eine Schule in Montreal marschierte und wahllos auf Menschen zu schießen begann, war auch ein Community-Mitglied: In der Goth-Gemeinschaft "vampirefreaks.com", einer Art MySpace für Menschen, die gerne Schwarz tragen, firmierte er unter dem Namen "fatality666". Auf der Eingangsseite seines Profils innerhalb der Community ist er auf einem Bild zu sehen, auf dem er mit großen Augen durch angezogene Knie in die Kamera blickt - an anderer Stelle ist das gleiche Bild mit der Unterschrift "Du willst mir doch nicht wehtun, oder?" versehen.

Die üblichen Verdächtigen der Kulturpessimisten sind alle da

Das Profil ist in vieler Hinsicht ein typisches Beispiel für Identitätsfindungs-Bemühungen in einem bestimmten Alter: Es versammelt die Namen von Bands, die Titel von Filmen und Videospielen, dazwischen möglichst gruselige Bilder von Menschen, die Blut weinen, von Totenköpfen und einem Wrestler im Monsterkostüm.

Wer einmal Profilseiten auf MySpace oder anderswo angesehen hat, dem werden die konfuse Ästhetik, das typographische Chaos und die wahllose Kombination von Symbolen bekannt vorkommen. Sogar Videos sind in die Seite eingebaut - in der Mitte läuft ein Song der Band Cradle of Filth, weiter unten gibt es ein Videofenster mit dem "Love Song" von The Cure.

Für diejenigen, die die Schuld für solche Taten in den Medien suchen und nicht im Umfeld der Täter, ist das Profil zweifellos ein gefundendes Fressen: Alle üblichen Verdächtigen tauchen wieder auf. Auch all die, die schon nach dem Columbine-Massaker verantwortlich gemacht werden sollten: Marilyn Manson steht in der Liste der Lieblingsbands (aber auch die missionarischen Polit-Rocker von Rage against the Machine), "Doom" findet sich - neben vielen anderen Shootern - auf der Liste der Lieblingsspiele, die der Lieblingsfilme enthält Brutales wie "Saw" und "Halloween" - aber auch das einfühlsame Drama "Hotel Ruanda" und Baz Luhrmans "Romeo und Julia".

Auch das Hobby-Spielprojekt "Super Columbine Massacre RPG" wird erwähnt - dabei ist das eine bittere, wenn auch missglückte Satire auf das Selbst- und Weltbild der Massenmörder von Littleton.Irgendwo dazwischen steht ein Foto von einem beschrifteten Grabstein, vermutlich mit einem entsprechenden Online-Werkzeug erstellt. Darauf steht: "Kimveer - lebte schnell, starb jung, hinterließ einen zerfetzten Körper."

Begrüßt werden Leser der Seite mit den Worten: "Sein Name ist Kimveer. Ihr werdet ihn als Trench kennenlernen. Er ist männlich. Er ist 25 Jahre alt. Er lebt in Quebec. Er findet, dass das als Ort zum Leben okay ist. Er kommt mit Leuten nicht gut aus. Er hat nur eine Handvoll Menschen kennen gelernt, die in Ordnung sind. Aber er findet, dass die die überwiegende Mehrheit wertlose, schlechte, dolchstoßende, betrügerische, lügnerische, täuschende motherfucker sind."

Das Netz als posthumer Pranger für den Täter

Auf einer eigenen Galerie-Seite waren ursprünglich über 50 Fotos gesammelt, für die Gill posierte, oft auch mit einer Waffe im Anschlag. Inzwischen sind die einzelnen Bilder mit aktuellen Kommentaren anderer Nutzer versehen, die ihrem Hass und ihrem Entsetzen über die Tat Ausdruck verleihen. "Ich hoffe, du verrottest in der Hölle", steht da, und "Ich bin froh, dass die Polizei ihn erschossen hat, mein Mitgefühl für die Opfer und ihre Familien." Auch das ist eine Entwicklung, die das neue Netz mit sich bringt: Die Online-Selbstdarstellungen der Täter werden nach der Tat zum virtuellen Pranger, zum Sammelpunkt für die Abscheu der vernetzten Gesellschaft.

Inzwischen ist die Seite auf dem üblichen Weg nicht mehr zu erreichen. Einige der eingestellten Bilder sind ebenfalls entfernt worden - insbesondere all jene, die den Amokläufer mit seiner Waffe zeigen. Im Google-Cache noch zu finden ist der Teil der Seite, auf dem die Ergebnisse irgendeines Online-Fragebogens tabellarisch aufgelistet werden - auch das ein typisches Element solcher Profilseiten.

Auf die Frage "Wie willst du sterben?" antwortete Gill mit den Worten "Wie Romeo und Julia - oder im Kugelhagel."

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