Anarchie im Netz Die Gratis-Kultur

2. Teil: DRM - Notwehr gegen die eigene Kundschaft?


Die Musik-Multis, vom globalen Konsumrausch der Nutzer überrollt, versuchten, ihre Rechte mit Technik zu sichern. DRM - Digital Rights Management - ist ein Knopf im Ohr der flüchtigen Ware. Downloads und CDs, mit dem DRM-Virus geimpft, sollten immun sein gegen unerwünschte Kopie und Weiterverbreitung.

Doch der Versuch gilt als gescheitert. Allzu schnell können Hacker den Kopierschutz knacken. CDs mit Schutz laufen mitunter überhaupt nicht richtig, eine gesetzlich erlaubte Privatkopie für Freunde ist unmöglich. Downloads mit eingeschränkter Verwendungsmöglichkeit verärgern zudem die Kundschaft der legalen Musikplattformen - die dasselbe Produkt auf der illegalen Nachbarplattform gratis und ohne Einschränkungen bekommen kann.

iTunes, der größte Anbieter, zog vor kurzem die Konsequenzen und verzichtete zusammen mit dem Lizenzgeber EMI auf das unpopuläre DRM. Die Gemeinde jubelt: Das ist praktisch ein Verzicht aufs Urheberrecht im Netz.

"Internauten" nennen sich in Frankreich die Aktivisten gegen rechtliche Barrieren der Netzkommunikation. Die Parti Pirate Français will in die Politik mit der Forderung nach "Abschaffung des klassischen Urheberrechts" und der "Freigabe von nicht kommerziellem Filesharing". Piratenparteien entstehen überall in Europa und in USA. Seit September vergangenen Jahres auch in Deutschland: "Wir wollen die Kernfragen der Wissensgesellschaft angehen", sagt deren Vorsitzender Christof Leng.

Der hohe Ton der Weltverbesserung kommt ins Schwingen, weil sich Gut und Böse im Rechtsstreit ums Internet wegen der oft überzogenen Aktionen der Rechte-Inhaber scheinbar ganz einfach auseinanderhalten lassen.

Jesse Jordan gehört zu den Guten. Der Student der Informationstechnik aus New York bastelte Anfang 2003 eine Suchmaschine, mit der er das institutsinterne Info-Netzwerk seiner Uni auf Vordermann brachte. Eine kleine geniale Weiterentwicklung für das elektronische Ablagesystem der Institutsmitarbeiter.

Am 3. April 2003 wurde Jesse vom Dekan informiert, dass der Verband der amerikanischen Tonträgerindustrie ihn verklagen werde. Mit der Super-Suchmaschine seien auch einzelne Musikstücke zu finden, die Leute aus dem Institut im System abgelegt hätten.

Insgesamt mehr als hundert Abrufe, gleich Urheberrechtsverletzungen, wollten die Musikaufseher ausgemacht haben. Die Leute mit den toten Hühnern in den Händen verlangten vom kleinen Jesse 15 Millionen Dollar.

"Wir brauchen die Musikindustrie nicht, aber die Musikindustrie braucht uns", ist der Schlachtruf der Kämpfer gegen das Urheber-Unrecht. Schweden ist ein Zentrum der Protestkultur, die Musik- und Filmpiraterie zur subversiven Waffe gegen die Unterhaltungs-Monopole wendet. "Pirate Bay" ist eine schwedische Basis zum illegalen Download neuester Hollywood-Filme, die weltweit Kundschaft und Werbekunden hat.

Und Pirate-Bay-Mitbegründer Fredrik Neij gilt auch in den Vereinigten Staaten als Vorkämpfer für die Guten. In San Francisco wurde er auf einer Geschäftsreise von einer Schulklasse überrannt, die ihn an seinem Pirate-Bay-T-Shirt erkannt hatte: Die Kleinen fotografierten den Fremden wie den Popstar aus einer fremden Welt.

Dem gefürchteten Boss der Filmvereinigung MPAA, Jack Valenti, muss so ein Alien Angst machen. Valenti kündigt denn auch an, gegen Neij und Co. seinen "eigenen Krieg gegen den Terrorismus" zu führen. Wenn die neuen Hollywood-Streifen weltweit bei Pirate Bay verteilt werden, kann Valenti seinen Laden dichtmachen. Hollywood-Filme wird es dann bald nicht mehr geben.

Die offenkundige Schwäche des Urheberrechts könnte der lange gesuchte Angelpunkt sein, den globalisierten Kapitalismus ins Wanken zu bringen. Attac hat eine Arbeitsgruppe mit dem eher altdeutschen Namen "Wissensallmende und Freier Informationsfluss" gegründet. Eine in Deutschland gegründete Gruppe namens Oekonux wirft die Frage auf, ob "freie Software bereits die Keimform einer künftigen, nicht kapitalistischen Gesellschaft ist". Die Frage ist nicht so irre, wie sie klingt. Die ersten ernsthaften Versuche, bei der Software-Entwicklung vom traditionellen Urheberrechtsschutz abzuweichen, sind tatsächlich von der Idee getrieben, die Welt vom Microsoft-Kapitalismus zu befreien.

Der Befreier ist Richard Stallman, ein Tüftler, der einst am amerikanischen Elite-Wissenschaftszentrum MIT in Massachusetts tätig war. Stallman hat das freie Betriebssystem GNU entwickelt, dessen Quellcode offen ist und alle Nutzer zur Weiterentwicklung einlädt. Das GNU-Konzept baute der Finne Linus Torvalds zu Linux aus, der benutzeroffenen Software, die mittlerweile millionenfach auch von Großunternehmen wie Ikea oder Sixt als Betriebssystem verwendet wird.



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Seite 1
DJ Doena 04.04.2007
1.
Der Haken ist doch, dass die Verwerter (nicht mal die Urheber an sich) gern viel mehr Rechte/Überwachung über digitale Werke haben wollen, als sie mit LP/CD/Video je hatten. Das wird immer gerne mit der verlustfreien Kopie begründet, die jetzt möglich ist. Ich würde aber Heller und Pfennig verwetten, dass wenn es DRM schon zu LP-Zeiten gegegben hätte, die MI hätte auch dann versucht, ein PPU (pay per use) einzuführen. Copyrights sollten wie Patente einfach irgendwann verfallen. Und irgendwann meint nicht "forever minus one day"
Think-Smart 04.04.2007
2.
Digitale, kinderleicht kopierbare Medien einzuführen und zu verbreiten, und dabei sich über Kopien zu beschweren, ist so, als würde man einem kleinen Kind eine Rasierklinge zum spielen geben und sagen" Wehe du schneidest dich!" Nicht die Nutzer haben die Medien digital gemacht, sondern die Industrie. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen sie dann bitte die Packungsbeilage.
Oinki, 04.04.2007
3.
Zitat von sysopViele der Regelungen, mit denen Gesetzgeber und Industrie digital vertriebene Waren schützen wollen, sind den Kunden kaum noch zu erklären. Reichen die bestehenden Rechte in Zeiten von DRM und Kopierschutz einerseits, Brennern, MP3-Sticks und Tauschbörsen andererseits überhaupt noch? Was müsste passieren, um allen Seiten gerecht zu werden?
Letzten Endes sind das alles Rückzugsgefechte einer Vermarktungsform, die noch nie funktioniert hat. Seit es die Idee geistigen Eigentums gibt, gibt es auch deren Diebstahl. Nur ist seit der industriellen Vervielfältigung, angefangen bei Gutenberg, genug für die Urheber und die Vervielfältiger hängen geblieben. Das digitale Zeitalter hat die Karten neu gemischt und es müssen neue Wege gefunden werden, die Urheber angemessen zu honorieren. Ich erwähne ausdrücklich nur die Urheber. Musik-, Spiele- , und sogar Buchdruckindustrie bedienen ein Modell, das abgewirtschaftet hat. Deshalb sind diese ganzen Spitzfindigkeiten, die sich diese Industrien einfallen lassen, eigentlich nichts anderes, als das Gejammer der Kohleindustrie nach künstlicher Lebensverlängerung durch Subventionen.
Patina, 04.04.2007
4.
Bin gespannt, wie sich der neue Ansatz entwickelt, Musik ohne DRM teurer zu verkaufen. Damit wäre das Thema entspannt. Ansonsten hat sich die Musikindustrie in der letzten Zeit nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Die Umsatzrückgänge liegen sicher nur zum Teil an den Kopiermöglichkeiten, sondern wesentlich auch an der immer langeweiliger werdenden Musik.
Pablo alto, 04.04.2007
5. Noch ein Sozialismus-Versuch?
Zitat von DJ DoenaDer Haken ist doch, dass die Verwerter (nicht mal die Urheber an sich) gern viel mehr Rechte/Überwachung über digitale Werke haben wollen, als sie mit LP/CD/Video je hatten. Das wird immer gerne mit der verlustfreien Kopie begründet, die jetzt möglich ist. Ich würde aber Heller und Pfennig verwetten, dass wenn es DRM schon zu LP-Zeiten gegegben hätte, die MI hätte auch dann versucht, ein PPU (pay per use) einzuführen. Copyrights sollten wie Patente einfach irgendwann verfallen. Und irgendwann meint nicht "forever minus one day"
Klar, und die Häuser sollten eines Tages den Mietern gehören, die Fabriken den Arbeitern und der "Spiegel" seinen Lesern.
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