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14. Januar 2017, 15:48 Uhr

Mutmaßliche Lügengeschichte auf Facebook

"Diese Frau gibt es für uns nicht"

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Ein Mann behauptet auf Facebook, drei Männer hätten versucht, seine schwangere Freundin zu vergewaltigen. Die Polizei geht von einem "cleveren" Fake aus. Was steckt dahinter?

"Fasst ihr sie noch einmal an, fasst ihr somit mein Leben an!!!", mit diesen Worten beginnt ein Post, der Anfang Januar auf Facebook für einigen Wirbel gesorgt hat.

Ein 18-Jähriger schreibt diesen Satz und mehr unter der Ortsangabe eines Erfurter Krankenhauses. Auf die Nachfrage eines anderen Users gibt er an, drei Männer hätten versucht, seine schwangere Freundin "Pauline Z.", die zum Einkaufen unterwegs war, zu vergewaltigen. Nur das Einschreiten eines Passanten habe das Schlimmste verhindert. Vor ihrer Flucht hätten die Angreifer der Frau aber in den Bauch und den Helfer krankenhausreif getreten.

Fast 800-mal ist der mit einem Zeugenaufruf endende Post geteilt worden. Doch nach Überzeugung der Polizei hat der Überfall nie stattgefunden.

"Wir gehen davon aus, dass das alles falsch ist", fasst Judith Schnuphase-Stahn, Pressesprecherin der Landespolizei Erfurt, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE den Ermittlungsstand zusammen. Bis heute liegt ihren Kollegen keine Anzeige einer versuchten Vergewaltigung oder Körperverletzung vor. Die Polizisten waren durch die Recherchen des Lokalmediums "Thüringen24" auf die Geschichte aufmerksam geworden.

"Diese Frau gibt es für uns nicht"

In die Erfurter Krankenhäuser seien zudem keine Personen eingeliefert worden, die annähernd zu den Schilderungen des 18-Jährigen passen würden. Auch das Einwohnermeldeamt kenne eine Frau mit den genannten Personalien nicht. Ein Zeugenaufruf der Polizei brachte ebenso wenig Klarheit. Das angebliche Opfer und sein Retter bleiben unbekannt. "Diese Frau gibt es für uns nicht", lautet das Fazit der Polizei.

Inzwischen wurde der Verfasser des Facebook-Beitrags von der Polizei vernommen. Gegenüber den Beamten habe er nur "vage Angaben" gemacht, heißt es. Er selbst will ja nicht bei dem Überfall dabei gewesen sein. Was das angebliche Opfer anbelangt, blieb er dabei, dass es die Frau gebe, sie sei aber verreist, ihren Aufenthaltsort wollte er nicht nennen. Der Polizei zufolge sei der Mann "keine große Hilfe" gewesen.

Aus diesem Grund müsse nun in alle Richtungen ermittelt werden, heißt es, "da es ebenso möglich ist, dass es sich um einen Fake handelt". Der Vorwurf des Vortäuschens einer Straftat stehe zwar nicht im Raum, so Polizeisprecherin Schnuphase-Stahn. Aber womöglich liege eine Ordnungswidrigkeit nach Paragraf 118 vor: Belästigung der Allgemeinheit durch grob ungehörige Handlungen.

Auf eine Kontaktanfrage von SPIEGEL ONLINE hat der 18-Jährige bislang nicht geantwortet.

Durchaus clever angestellt

Die Polizeisprecherin kommentiert noch, der Mann habe sich auf den ersten Blick durchaus clever angestellt. Sein Beitrag verlinkte auf das Profil einer "Pauline Z." und war mit der Ortsangabe "Katholisches Krankenhaus St. Johann Nepomuk Erfurt" versehen.

Erst bei näherer Betrachtung fallen Ungereimtheiten auf:

Dafür finden sich in diesem Personenkreis andere aufschlussreiche Informationen: Hinweise auf Rechtsrock-Konzerte, Likes für die Bands "Böhse Onkelz", "Triebtäter", "Krawallbrüder", "Holsteiner Jungs", "Feindbild Deutsch", "Unantastbar", "Eskalation". Gefallen finden außerdem die in der rechten Szene verorteten Bekleidungsmarken "Thor Steinar" und "Yakuza", diverse Pegida-Gruppen sowie der Pegida-Ableger Sügida.

Eine Person ist Mitglied einer Facebook-Gruppe mit dem Namen "Mut zur Wahrheit -Ausländerkriminalität nicht länger verschweigen". Einer der jüngsten Beiträge dort ist mit "#UNTERMENSCHEN" gekennzeichnet.

Diese Informationen sind vor dem Hintergrund interessant, dass der 18-Jährige sich in einem Kommentar zu seinem Post scheinbar von fremdenfeindlicher Hetze distanziert hatte, aber eben genau dadurch den Fingerzeig auf die üblichen Verdächtigen gab: "Ich nenne mal keine Herkunft, denn ich möchte keine Hetze verbreiten."

Das Facebook-Profil des jungen Mannes wurde inzwischen gelöscht. Allerdings finden sich im Netz noch weitere Social-Media-Präsenzen von ihm. In seiner Twitter-Biografie steht als Berufswunsch: "Schauspieler".

Der Fall aus Erfurt ist nur ein Einzelfall, eindeutig geklärt ist er trotz der massiven Zweifel der Polizei nicht. Aber er zeigt, wie leicht sich in sozialen Netzwerken ohne jeden Beleg Behauptungen, Lügen, Hetze verbreiten können.

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