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Interview mit YouTubern Merkel muss Farbe bekennen - beim Thema Emoji

Es ging um Autos, ums Abi und natürlich auch um Donald Trump: Angela Merkel stand vier YouTube-Stars Rede und Antwort. So lief das Interview.

Was war der beste Moment?

Die schönste YouTube-Szene gab es, als Beauty-Videomacherin Ischtar Isik zum Schluss ihres Gesprächs verriet, dies sei ihr "allererstes Interview" gewesen. Daraufhin sagte Angela Merkel, etwas verdutzt: "Ihr allererstes Interview im Leben? Sonst machen Sie immer nur Selbstdarstellung?". Damit traf die Bundeskanzlerin ins Schwarze - zumindest bei denen, die YouTube-Influencern wie der 21-jährigen Isik vorwerfen, sich in ihren Videos nur selbst zu inszenieren, teils kombiniert mit lukrativen Produktplatzierungen.

"Sozusagen mehr Produkte oder wie?", schob Merkel noch hinterher, um etwas gönnerhaft zu schließen: "Gut, aber ich würde sagen, Sie haben Talent."

Wie war die Ausgangslage?

Vier YouTuber (über die Sie hier mehr erfahren) konnten hintereinander jeweils zehn Minuten mit der Kanzlerin sprechen, das Ganze wurde live ins Internet übertragen. Zwischen den Interviews wurden Kommentare aus dem Netz vorgelesen, außerdem wurden einige Themen durch Einspieler der YouTuberin Nilam Farooq eingeführt.

Wer wollte, konnte neben dem YouTube-Livestream gleich noch einen Chat mitlaufen lassen und so mitbekommen, dass zumindest ein großer Wunsch der Stream-Zuschauer nicht vorkam: die Legalisierung von Drogen.

Wie schlugen sich die YouTuber?

Alles vier hatten sich zumindest gut vorbereitet. Lisa Sophie alias ItsColeslaw fragte mehrere Punkte zum Thema Bildungsstandards und Lehrpläne ab, und konnte das gut mit eigenen Erfahrungen (offenbar traumatische mit der Mathepflicht im bayerischen Abi) belegen.

ItsColeslaw mit Merkel

ItsColeslaw mit Merkel

Foto: YouTube/ Deine Wahl

AlexiBexi widmete seine Viertelstunde dem aktuellen Großthema Auto- und Dieselkrise und wollte immer wieder konkrete Maßnahmen erfahren.

Schnell war klar: Diese Videostars wollten nicht enden wie der erste YouTuber, der zum Merkel-Interviewer wurde: Der damals 27-jährige LeFloid hatte Merkel 2015 getroffen und war im Angesicht der Kanzlerin plötzlich ungewohnt handzahm, womit er sich keinen Gefallen tat. Als Merkel ihre Ablehnung der Homo-Ehe bekräftigte, wozu LeFloid eigentlich eine andere Meinung hat, sagte er zum Beispiel nur: "Absolut."

Diese vier YouTuber traten anders auf. Nur Beauty-Bloggerin Isik rutschte nach einer Antwort mal ein verlegenes "Okay, ja, das ist ja super" heraus.

Fotostrecke

Die Merkel-Interviewer und weitere Webstars: Das machen YouTuber im Wahlkampf

Foto: YouTube/ AlexiBexi

Was kam dabei rum?

Wenig Neues. Die Fragestunde war professionell gemacht und zog ohne Peinlichkeiten, aber auch ohne thematische Highlights oder gar Überraschungen vorüber. Beim Thema Feminismus brachte Merkel Interviewerin Ischtar Isik zu ihrem "Das ist ja super", als sie erklärte, warum sie sich neulich auf einem Podium zunächst nicht als Feministin bezeichnet hatte. Aus dem letzten Block zu den internationalen Themen Türkei, Flüchtlinge, Trump dürfte wenig im Gedächtnis bleiben.

Eine typische Merkel-Antwort in diesem Format fiel auf die Frage, welche drei Dinge Schüler heutzutage auf jeden Fall lernen müssen. Merkel sagte zunächst "Rechnen, Schreiben, Lesen" - dann merkte sie wohl selbst, dass das etwas altbacken klang und schob ein "und inzwischen vielleicht auch Programmieren" hinterher. Aha.

Lief das Interview gut oder schlecht für Merkel?

Merkel überstand alles ohne Patzer: also gut. Es half, dass die vier Interviewer nicht allzu heftig nachhakten. Mit kleineren Unwahrheiten kam die Kanzlerin problemlos durch. So konnte sie bei der Frage nach ihrer Ablehnung der Ehe für alle sagen, dass sie zwar mit "Nein" gestimmt, sich aber dafür eingesetzt habe, dass die Abstimmung stattfindet, die zu einem "Stück Befriedung in der Gesellschaft" geführt habe.

Dass Merkels Halbsatz bei einem "Brigitte"-Interview eine übers Knie gebrochene Abstimmung zur Folge hatte und eine mittlere Koalitionskrise auslöste, fand hier natürlich keine Erwähnung.

Merkel konnte den kleinen Nachweis erbringen, sich mit der Lebenswelt junger Wähler zu beschäftigen - kommenden Dienstag eröffnet sie zudem noch die Videospielmesse Gamescom. Möglicherweise zuschauende Jungwähler wurden jedenfalls nicht vergrault. Und so geht es für Merkel dann wieder in den richtigen Wahlkampf, etwa um die Zielgruppe der Rentner, die verlässlicher zur Wahl geht als die Generation YouTube.

Wen interessierte das?

Zum einen die Nachrichtenagentur Reuters, die aus den Sätzen Merkels zu Nordkorea gleich eine Eilmeldung machte. Dass die Kanzlerin dort keine militärische Lösung sieht, war allerdings bereits hinlänglich bekannt.

Der Spitzenwert des Livestream lag bei rund 57.000 Zuschauern gleichzeitig. In den nächsten Stunden und Tagen wird die Aufzeichnung des Gesprächs vermutlich aber noch Tausende Klicks anderer Zuschauer sammeln. Dafür jedoch, dass YouTube-Mutter Google direkt unter ihrer Suchfunktion auf das Interview verwies - also an der wohl prominentesten Stelle im Internet -, war das Interesse am Livestream überschaubar. Bei den Zuschauerabstimmungen, die nach jedem Block vorgelesen wurden, machten auf Twitter nur jeweils 300 bis 600 Leute mit.

Interviews von YouTubern? Gab es da also auch Produktwerbung?

Ja, aber nur seitens der Kanzlerin. Als Interviewer AlexiBexi klagte, dass es viele E-Bikes oder E-Roller nur aus China gebe, hielt Merkel entgegen: "Ich will jetzt keine Produktwerbung machen, aber es gibt auch gute deutsche E-Bikes. Gucken Sie mal bei einer Firma, die mit B anfängt."

Und was ist nun Merkels Lieblingsemoji?

Ein Smiley! "Wenn es gut kommt, noch ein kleines Herzchen dran", sagte Merkel auf diese Frage von AlexiBexi. Offenbar meint sie damit zwei verschiedene Emojis. Dann stellte die Bundeskanzlerin noch klar: "Und wenn mal nicht sowas Gutes war, kann man auch die Schnute nehmen."