Gefälschtes Wahlkampfplakat Nein, Merkel wirbt nicht mit einem alten SED-Spruch

Die CDU soll einen alten Wahlslogan der DDR-Staatspartei SED auf ihren Wahlplakaten verwenden: Das legt ein vielfach im Netz geteiltes Bild nahe, das auch die AfD verbreitete. Doch das Bild ist gefälscht.

CDU-Plakat neben Bildmontage (für Vollbild auf das Bild klicken)
twitter.com/ AfD HH Nord

CDU-Plakat neben Bildmontage (für Vollbild auf das Bild klicken)


Was soll passiert sein?

Auf Facebook und anderen sozialen Netzwerken kursierte ein Doppelbild, das angeblich belegen soll, dass die CDU im Bundestagswahlkampf 2017 auf einen belasteten Wahlslogan setzt. Die Staatspartei der DDR, die SED, soll ihn nahezu wortgleich ebenfalls verwendet haben.

Im oberen Bildteil ist ein echtes CDU-Wahlplakat mit Angela Merkel zu sehen, inklusive dem CDU-Wahlspruch: "Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben." Im unteren Bildteil ist ein zweites Schwarz-Weiß-Foto eingefügt, das angeblich ein SED-Plakat zum elften Parteitag der DDR-Staatspartei zeigen soll. Auf diesem alten Plakat steht ebenfalls: "Für ein Land, in dem wir gut und gerne leben."

Woher kommt die Meldung?

Wer das Bild zuallererst in Umlauf gebracht hat, ist schwer festzustellen. Klar ist, dass es unter anderem auf der Facebook-Seite "Politik und Zeitgeschehen" auftauchte, wo es viele Likes erhielt und weiterverbreitet wurde.

Auch der AfD-Bezirksverband Hamburg Nord verbreitete das angebliche Beweisbild der CDU-SED-Analogie über seinen Twitter-Account.

Stimmt das?

Das SED-Bild ist eine Fälschung. Das Foto des Plakats wurde von Unbekannten digital bearbeitet. Auf dem Original - einem Farbbild - ist auf dem SED-Plakat nämlich ein ganz anderer Wahlspruch zu lesen. Dort steht: "Alle Kraft zur Stärkung unseres sozialistischen Vaterlandes der Deutschen Demokratischen Republik". Es wird auch nicht auf einen SED-Parteitag verwiesen.

Mittlerweile haben die Verbreiter der Bildmontage teilweise reagiert. Die Seite "Politik und Zeitgeschehen" löschte nach eigenen Angaben den vielfach geteilten Beitrag und postete eine Richtigstellung. Die hat gleichwohl bisher nicht so viel Aufmerksamkeit bei den Nutzern erzielt wie der Ursprungs-Post. "Politik und Zeitgeschehen steht zu seinem Fehler", heißt es in einem Kommentar unter dem Post von den Verantwortlichen der Seite. Viele andere hätten ihren Fehler aber nicht korrigiert, steht dort weiter.

Dass die Bildmontage jeder faktischen Grundlage entbehrt, stört viele Nutzer aber offenbar nicht. "In diesem Fall wäre es eine gute Versinnbildlichung der eigentlichen Geisteshaltung von Frau Merkel mit Hilfe zweier Wahl-Plakate. Für mich völlig legitim", schreibt ein Facebook-Nutzer unter der Berichtigung der Seite.

Auch die AfD Hamburg-Nord schrieb auf Twitter, man sei "wohl einem Fake aufgesessen". Im gleichen Tweet heißt es aber auch wenig schuldbewusst, die CDU-Plakate klängen nun mal wie SED-Sprech.

Anmerkung: Wir haben die Jahreszahl zum elften Parteitag der SED korrigiert. Er fand 1986 statt, nicht 1981. Das Foto des Plakats wurde 1981 aufgenommen.

Tipps für den Online-Alltag: So enttarnen Sie Fakes
Ist die Quelle seriös?
Stößt man auf eine spektakuläre Nachricht, sollte man zunächst prüfen, auf welcher Quelle sie beruht. Bei einer Falschmeldung des "Denver Guardian" aus dem US-Wahlkampf etwa hätte es schon gereicht, den Namen des Mediums zu googeln. Einen "Denver Guardian" gibt es nämlich nicht, wie die "Denver Post", eine real existierende Zeitung, klarstellte. Seriöse Nachrichtenseiten haben ein Impressum und Kontaktmöglichkeiten und verschleiern nicht, wer sie betreibt.

Interessant ist auch, was eine Seite bislang veröffentlicht hat. Ist eine spektakuläre Nachricht vielleicht der erste Beitrag überhaupt? Gibt es die angeblich traditionsreiche Seite möglicherweise erst seit einer Woche? Oder postet die Seite sonst offenkundig blödsinnige Nachrichten?
Handelt es sich um eine Satire-Meldung?
Hat man den Kontext im Blick, entdeckt man auch Satire-Postings leichter. Seit Jahren zum Beispiel kommt es vor, dass Internetnutzer "Postillon"-Meldungen für bare Münze nehmen. Die Website verspricht zwar "ehrliche Nachrichten - unabhängig, schnell, seit 1845", veröffentlicht aber Quatschmeldungen wie "Katastrophenschutz warnt: Werwölfe heute Nacht bis zu 15 Prozent größer". Ähnliches gilt für "Die Tagespresse", die sich als "Österreichs seriöseste Onlinezeitung" bezeichnet.

Neben Satire-Seiten gibt es Websites, die mit erfundenen Nachrichten Besucher locken wollen, um über Anzeigen Geld zu verdienen. Die US-Aufklärungswebsite "Snopes" listet diverse solcher vermeintlicher Nachrichtenangebote auf, darunter etwa "World News Daily Report" und "National Report". Bei Twitter-Accounts sollte man überprüfen, ob ein Tweet wirklich von dem Account kommt, dem er zugeschrieben wird. Mitunter begegnet man auf Twitter auch Fake-Accounts, die nur so ähnlich heißen wie ein bekannter Account. Davon, dass ein Twitter-Konto wirklich demjenigen gehört, dem er angeblich gehört, kann man erkennen, wenn er von Twitter "verifiziert" wurde, also einen weißen Haken auf blauem Hintergrund neben dem Profilnamen hat.
Was steht wirklich im Artikel - und was nur in der Vorschau?
Gerade bei aggressiv etwa per Facebook angepriesenen Artikeln lohnt es sich, im Original-Artikel nachzuschauen, ob der kleine Vorschauschnipsel auf den Artikel und der eigentliche Inhalt zusammenpassen: Steht die Sensation überhaupt im Text?

Jeder Facebook-Nutzer, der eine Seite betreibt oder eine Community managt, kann beim Posten eines fremden Artikels auch die Überschrift und den Einleitungstext ändern.
Hier zum Beispiel haben wir einen SPIEGEL-ONLINE-Artikel mit der Überschrift "Kristina Schröder zieht sich aus Bundespolitik zurück" mal anders verpackt. Wir hätten auch Quatsch schreiben können wie "Kristina Schröder begeistert von Trumps Frauenbild". Merken würde man das als Facebook-Nutzer erst beim Klick auf den Artikel.
Wo kommt die Information her?
Seriös arbeitende Journalisten machen deutlich, wo ihre Informationen herkommen. Wenn etwa über eine Studie berichtet wird, sollte diese genau genannt oder verlinkt sein. Und wenn man ein anderes Medium zitiert, kann man auch einfach einen Link setzen.

Bei Medien wie SPIEGEL ONLINE steht am Ende von Meldungen übrigens oft ein Hinweis wie "dpa", "Reuters" oder "AFP". Dieses Kürzel zeigt an, dass die Meldung oder ein Teil ihrer Informationen von einer Nachrichtenagentur stammt. Meldungen aus Agenturen lassen sich nicht immer verlinken.
Wurde die Quelle richtig wiedergegeben?
Wenn es schon Quellen-Erwähnungen oder -Links gibt, lohnt es sich bei kontroversen Meldungen oft, sich durchzuklicken, bis man irgendwann bei der Ursprungsquelle ankommt. Manchmal ist sie uralt oder wird falsch wiedergegeben, was nicht immer böswillig geschehen muss: So kann es zum Beispiel Übersetzungsfehler geben. Wie der Quellencheck konkret aussehen kann, zeigt zum Beispiel dieses Video vom Kanal "Die besorgte Bürgerin":
Seiten wie "We Watch Fake Anonymous" konnten mit teils simplem Quellenaufrufen immer wieder Behauptungen der mittlerweile gelöschten Facebook-Hetzseite "Anonymous.Kollektiv" widerlegen.
Falle ich gerade auf einen Fake-Klassiker rein?
Viele Falschmeldungen kursieren monate- oder jahrelang durchs Netz - und trotzdem gibt es immer wieder Nutzer, die darauf reinfallen. Das gilt zum Beispiel für Aufrufe, bei denen behauptet wird, per Bild-Posting könne man den Facebook-AGB widersprechen.

Oft reicht es schon, Stichworte einer Meldung mit dem Zusatz "Fake" ins Google-Suchfeld zu packen. Aufklärungsseiten wie "Mimikama" und "Emergent" und Medienkritik-Portale wie "Übermedien" und das "BILDblog" haben schon über viele wiederkehrende Falschmeldungen berichtet.

Viele aufregende Geschichten entlarven sich per simplem Googlen auch als Urban Legends, als Großstadtmythen. Das gilt für manche angebliche Horrornachricht rund um Flüchtlinge - wie die "Hoaxmap" zeigt -, aber auch für viele Anekdoten, die jemand von einem ungenannten Dritten gehört haben will, etwa die Geschichte vom Hund, der im Kaufhaus stirbt.
Ist die Information tatsächlich brisant?
Vorsicht ist auch dann geboten, wenn als Quelle nebulös ein Leak angegeben wird. Nur, weil etwa eine E-Mail nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, heißt dass nicht, dass sich darin automatisch eine spektakuläre Enthüllung verbirgt.

Bei Reddit und in anderen Internetforen wurde rund um die US-Wahl in allerlei Beiträgen, vor allem aus dem Umfeld von Trump-Fans, auf eine von WikiLeaks veröffentlichte E-Mail verwiesen. Dabei wurde mitunter suggeriert, Hillary Clintons Wahlkampfleiter würde sich in der Nachricht kritisch über Deutschlands Umgang mit der Flüchtlingskrise äußern. Ein Klick auf die Quelle beweist aber: Die E-Mail wurde an den Mitarbeiter Clintons geschickt, nicht von ihm.

Auch wenn viele Blogs und Foren eine Nachricht diskutieren - und kein etabliertes Medium -, hat man nicht unbedingt einen Beleg für "Lügenpresse"-Vorwürfe gefunden. Eins von vielen Gegenbeispielen für diese These findet sich etwa bei "Mimikama".
Zeigt ein Foto wirklich, was es zu zeigen vorgibt?
Gerade kurz nach Naturkatastrophen oder Gewalttaten machen häufig auch Foto-Fakes die Runde. Viele Menschen suchen dann nach Bildern und bekommen zum Beispiel alte Fotos von anderen Ereignissen vorgesetzt.
Vier Schritte - die wir hier detaillierter erklären - können helfen, solche Fakes zu entlarven: von der Bilder-Rückwärtssuche bis hin zum Check der Bildinhalte auf Plausibilität.
Wie neu ist ein angeblich neu aufgetauchtes Video?
Nach Ereignissen wie der Kölner Silvesternacht werden in sozialen Netzwerken oft nicht nur alte Fotos, sondern auch alte Videos als vermeintliche hochaktuelle Augenzeugen- oder Skandalclips inszeniert.

Will man eine Ahnung davon bekommen, ob ein YouTube-Video vielleicht schon älter ist, kann man zum Beispiel den YouTube DataViewer von Amnesty International anwerfen. Der Dienst liefert unter anderem sogenannte Thumbnails, Bildausschnitte aus Videos, mit denen sich dann wieder eine Bilderrückwärtssuche durchführen lässt. Außerdem wird das Upload-Datum angezeigt.
Kann ich anderen Nutzern helfen?
Haben Sie einen Fake entlarvt, kann es nie schaden, andere Internetnutzer an der Erkenntnis teilhaben zu lassen und beispielsweise einen Erklärlink als Kommentar unter ein dubioses Facebook-Posting zu setzen. Bei Facebook sollten Sie auch versuchen, Fake-News zu melden. In einem Untermenü der Meldeoption kann man explizit angeben, dass es sich möglicherweise um eine gefälschte Nachricht handelt.

Sind auch Ihnen in den sozialen Netzwerken beliebte Artikel begegnet, bei denen es sich um Falschmeldungen, bewusste Panikmache, Übertreibungen oder verdrehte Fakten handeln könnte? Geben Sie uns per E-Mail gern einen Hinweis: factcheck@spiegel.de

gru



insgesamt 109 Beiträge
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Seite 1
dibexxx 30.08.2017
1. Der Witz ist ja
...dass diese inhaltsleeren und unverbindlichen Sprüche irgendwie überall hinpassen.
Criticz 30.08.2017
2. Die einzig wirklich interessante Info fehlt in dem Artikel....
" "Für ein Land, in dem wir gut und gerne leben." ...ist das nun ein SED-Spruch bzw. wurde er von der SED verwendet, ja oder nein? Vielleicht können ja Foristen weiterhelfen, wenn der Artikel das schon auslässt.
hagr 30.08.2017
3. Das Erschreckende ist...
Das Erschreckende ist, dass der Slogan von der SED wenigstens einen Inhalt hat, im Gegensatz zu dem, was wir da von der CDU unter Merkel vorgesetzt bekommen. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. In einem System, in dem vor der Wahl fest stand, wer mit Fantasiezahlen gewinnen würde, gab es mehr Inhalte im Wahlkampf als in der BRD 2017, was zumindest die noch führende Regierungspartei angeht. Bitte Leute, helft das zu ändern.
marty_gi 30.08.2017
4. Und?
Besser wird der CDU Spruch dadurch auch nicht - bleibt inhaltsfreier Unsinn. Denn wer wuerde denn ein Land wollen, in dem man schlecht und ungern lebt. Also - so gesehen ist der Fake zwar ein Fake, aber das Plakat bleibt doch nur heisse Luft und ist das Papier nicht wert, auf dem es gedruckt ist.
chramb80 30.08.2017
5. Satire
Schon toll wie grade die Medien dieses Bild verbreiten das zuvor wohl eher wenige gesehen haben dürften. Auch das Konzept von Satire scheint inzwischen unbekannt zu sein, auf beide Seiten des Politischen Spektrums. Ich musste schmunzeln.
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