Angst-Strategie Wie China das Internet zensiert

Die Kontrolle von Internet-Seiten im Pekinger Olympia-Pressezentrum ist plump - verglichen mit dem Alltag der Netzüberwachung in China. Die Methoden der Zensoren sind viel perfider, greifen auf vielen Ebenen ins Leben der Menschen ein. Vor allem verbreiten sie eines: Angst.

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Update: Einige der Restriktionen im Hinblick auf den Netzzugang im Pekinger Pressezentrum wurden nach internationalen Protesten inzwischen gelockert - allerdings nicht alle.

Das Internet wird zensiert, Seiten sind nicht erreichbar, Suchergebnisse frisiert - was Olympia-Korrespondenten in China jetzt beklagen, ist für die Chinesen seit Jahren Alltag.

Netz-Projekt "Great Firewall of China": Reihenweise Webseiten blockiert

Netz-Projekt "Great Firewall of China": Reihenweise Webseiten blockiert

Seit das Internationale Olympische Komitee (IOC) eingestanden hat, dass Reporter im Pekinger Pressezentrum auf die gewohnte Informationsfreiheit verzichten müssen, beklagen sich sogar IOC-Funktionäre selbst über den peinlichen Kotau vor dem Regime. Dabei ist es für die Journalisten nicht viel mehr als eine Unannehmlichkeit, die sich mit Tricks womöglich sogar umgehen lässt, wie Ratgeber im Internet zeigen (PDF...). Abermillionen Bürger Chinas dagegen leben seit Jahren mit der quälenden Selbstverständlichkeit, dass man ihnen vorschreiben will, was sie sehen, lesen, wissen und schreiben dürfen.

Die " Open Net Initiative", ein Zusammenschluss mehrerer Spitzenuniversitäten, der sich für ein freies Netz einsetzt, hat den Zugang im Pekinger Pressezentrum getestet. Das Ergebnis: Verbindungen werden bei Eingabe bestimmter Schlüsselwörter zurückgesetzt, bestimmte IP-Adressen komplett blockiert. Betroffen sind unter anderem

  • die chinesische Wikipedia,
  • Radio Free Asia,
  • Voice of America,
  • die chinesische Ausgabe von BBC News,
  • eine Reihe von Seiten zum Thema Tibet und
  • einige chinesische Studentenforen.

Das Überwachungs- und Kontrollsystem der chinesischen Regierung funktioniert üblicherweise aber nicht wie ein einfacher Webfilter, der bestimmte Domains blockiert. Vielmehr ist es ein mehrschichtiges Modell, das an vielen Stellen angreift und auf eine Reihe unterschiedlicher Maßnahmen aufbaut - nämlich Filterung, Überwachung, Warnungen, Druck und Repression. Die Journalisten in Peking machen Bekanntschaft mit einem winzigen Ausschnitt dieses Unterdrückungsapparates.

Noch vor kurzem folgte die chinesische Zensur dem Rasenmäherprinzip: Seiten wurden einfach blockiert. Das inzwischen abgebrochene Internet-Projekt greatfirewallofchina.org versuchte herauszufinden, wie oft und rigide diese Blockade griff - die Bilanz: SPIEGEL ONLINE zum Beispiel wurde 2007 von China aus 149-mal aufgerufen, und 132-mal war die Seite blockiert.

Doch die "Great Firewall of China" verändert sich. Heute ist die Netzzensur deutlich subtiler. SPIEGEL ONLINE ist von China aus üblicherweise zu erreichen. An diesem Donnerstag war sogar das Online-Angebot der BBC und die englischsprachige Wikipedia vom SPIEGEL-Büro in Peking aus verfügbar - obwohl beide traditionelle Objekte der Zensur sind.

  • Sucht man in der englischsprachigen Internet-Enzyklopädie Wikipedia nach "Tiananmen", bekommt man die Seite über den Platz des Himmlischen Friedens ausgeworfen. Doch der Link zur Seite über die Proteste und deren Niederschlagung im Jahr 1989 ist tot. Er führt in China auf eine weiße Seite.
  • Die Webseite von Amnesty International wiederum ist komplett gesperrt - der Browser verhält sich, als würde das Angebot gar nicht existieren.
  • YouTube lässt sich aufrufen und spielt normal Videos ab. Auch den berühmten Film mit dem Studenten von 1989, der einsam vor einer Reihe Panzer steht und schließlich auf einen hinaufklettert, kann man finden - aber nicht starten.

Schätzungen zufolge sind in China 30.000 Zensoren damit befasst, Webseiten, Chatrooms und Internet-Foren Tag für Tag nach subversivem Material zu durchkämmen und bei Bedarf auf den Zensurknopf zu drücken. Aktuelle Software fischt zudem verbotene Schlüsselwörter aus dem Datenverkehr.

Auch westliche Internet-Konzerne beugen sich dem Regime

Die feine, oft etwas willkürlich anmutende Zensur funktioniert, weil viele Strukturen kooperieren. Alle chinesischen Internetprovider müssen selbstverständlich die Wünsche der Regierung umsetzen. Gleichzeitig beugen sich Anbieter wie Google, Yahoo oder MSN diesen Wünschen, indem sie ihre eigenen Angebote in China selbst zensieren.

Google.cn, die chinesische Google-Seite, wirft zum Beispiel zu Begriffen wie "Tiananmen" oder dem Namen der in China verbotenen religiösen Bewegung Falun Gong völlig andere Ergebnisse aus als Google.com (siehe Bilderstrecke oben).

Laut "Reporter ohne Grenzen" hilft außerdem unter anderem die US-Firma Cisco Systems, die Netz-Infrastruktur verkauft, den Zensoren mit Filtern und Sortiermechanismen für ein bereinigtes Internet. Ähnliches tun andere US-Unternehmen.

Vor allem aber funktioniert die Zensur inzwischen über Angst. Wer auf Wikipedia nach "Tiananmen Protests" gesucht hat und auf einer weißen Seite landet, dem kann es passieren, dass der Browser ein paar Minuten lang gar nichts mehr tut. Wir haben dich erwischt, suggeriert das dem unvorsichtigen Surfer, reiß dich zusammen und tu nichts, was uns missfallen könnte.

In Lhasa in Tibet erhielten nach den jüngsten Protesten Tausende Handynutzer überraschend eine SMS von den Behörden - mit der allgemein gehaltenen Aufforderung "die Gesetze einzuhalten".

Ein ganzes Volk in Angst halten

Der große Bruder muss gar nicht immer zusehen. Solange er nur überzeugend den Eindruck vermitteln kann, dass er es tut.

In öffentlichen Internet-Cafés muss sich jeder Kunde namentlich registrieren. Seine Surf-Protokolle werden zwei Monate lang aufbewahrt. Im Juni 2002 nutzten die Behörden einen Brand in einem privat betriebenen Internetcafé mit vielen Toten für ihre Zwecke aus - die öffentlichen Surf-Stuben seien offenkundig nicht sicher, wurde verkündet und die Schließung Tausender Web-Lokale im Land angeordnet. Heute operieren alle unter staatlicher Lizenz und werden von den Sicherheitsbehörden streng kontrolliert.

Das Magazin "Newsweek" hat für dieses Vorgehen einen eigenen Begriff geprägt: "Repression 2.0". Diese beute die Tatsache aus, dass es "einfacher ist, Nutzern Angst einzujagen, als den Traffic eines kompletten Netzwerks zu filtern". Das gilt gerade in einer Netz-Wirtschaft mit so vielen Teilnehmern. Schätzungen zufolge sind heute mehr als 200 Millionen Chinesen online.

Polizeizugriff als Furchtverstärker

Verstärkt wird der Furcht-Effekt dann durch reale Repression. In China sitzen zahlreiche sogenannte Cyber-Dissidenten in Haft - manche landeten dort auch mit Unterstützung von US-Konzernen. Die meisten wurden eingesperrt, weil sie kritische Artikel oder Blogeinträge veröffentlicht hatten.

Laut "Newsweek" taucht die Polizei aber auch schon mal vor der Tür einfacher Surfer auf - Minuten nachdem sie eine verbotene Webseite angesteuert haben. Solche Nadelstiche, ausreichend prominent publiziert, reichen, um ein ganzes Volk in Angst zu halten.

"Webseiten sollten korrekte Informationen vermitteln, statt die Menschen in die Irre zu führen und negativ auf die soziale Ordnung einzuwirken", hat der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao einmal gesagt. Es sei notwendig, Chinas "nationale, soziale und kollektive Interessen zu schützen".

2006 erheiterte ein Vertreter Chinas die Teilnehmer einer Uno-Konferenz in Athen, als er sich zu der Behauptung verstieg, das Netz in China sei frei. "In China haben wir keine Software, die Internetseiten blockiert", sagte der Mann. Man habe nur "gelegentlich Probleme, einzelne Seiten zu erreichen".

Dass zum Beispiel die Seiten der BBC in China nicht zu erreichen seien, stimme gar nicht: "Wir haben keinerlei Einschränkungen."

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