SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

12. März 2013, 09:19 Uhr

Animierte Gifs

Mit Wackelbildern zu Weltruhm

Aus Austin berichtet

Erst hatten sie nur ein Tumblr-Blog zum Spaß, dann Aufträge von MTV, NBC und American Apparel: Zwei New Yorker Designer sind mit Wackelbildern berühmt geworden. Sie glauben, dass der Hype um kurze Animationen auch ohne Gif-Dateien weitergeht.

Das Gif, ein Dateiformat aus der frühen Pixelzeit des World Wide Web, erlebt gerade eine Renaissance: Die Animationen laufen auf so ziemlich allen Geräten, lassen sich einfach herstellen, tauschen und teilen, und sie sind kürzer als die meisten Videos. Wie gemacht also für kurze Aufmerksamkeitsspannen und maximale Wirkung.

So erfolgreich ist das Gif-Format, dass sich mit dem Erstellen solcher Animation gutes Geld verdienen lässt. "Die Gif-Wirtschaft" war auch der Titel einer Diskussionsrunde auf der Netzkonferenz South by Southwest (SXSW) in Austin. Stargäste auf dem Podium: "Mr. GIF", zwei Designer aus New York, die schon mehr als 1500 Animationen erstellt haben - auch für große Kunden aus der Wirtschaft.

"Wir könnten davon leben", sagt der Mann, der sich Jimmy Repeat nennt, die eine Hälfte von Mr. GIF. Sein Kollege Mark Portillo, die schwarze Basecap tief im Gesicht, nickt. 2011 haben sie ein Tumblr-Blog gestartet, als Abwechslung vom Tagesgeschäft. Sie animieren Schriftzüge, lassen Hunde tanzen und Eisbären den Montag verfluchen. Wenn es gut läuft, werden die Wackelbilder von Mr. GIF zehntausendfach im Web weitergereicht.

Tumblr und Gif gehören zusammen

Mit dem "DailyDot"-Redakteur Fernando Alfonso und der Journalistin Lindsey Weber diskutierten sie den rasanten Aufstieg des Gif-Formats, die Wiedergeburt des Klassikers. Portillo führt den vor allem auf schnelle Internetverbindungen zurück. Repeat macht indirekt Apple für die Gif-Schwemme verantwortlich: Das 1987 entwickelte Dateiformat sei zunächst von Flash abgelöst worden. Dann aber habe Apple beschlossen, auf seinen iPhones und iPads Flash zu verbieten.

Also zurück zum Gif: Damit Animationen auf möglichst vielen Geräten laufen, wurde das Wackelbildformat mit der Beschränkung auf eine kleine Farbpalette reaktiviert - mit umfangreicheren Dateien, schöner und größer als vorher. Weber betonte die Rolle von Tumblr, dem Blog-Anbieter, der das Teilen von Bildern extrem vereinfacht hat. Der Aufstieg Tumblrs und die Popularität des Gifs gingen einher, so Weber.

"Wenn man nach Gifs sucht, landet man praktisch immer bei Tumblr", so Weber. Sind da andere Webfirmen vielleicht neidisch? Zu den wenigen Orten, an denen die Wackelbilder nicht funktionieren, gehören ausgerechnet Twitter und Facebook. Auch im neuen Layout kann Facebook nichts mit animierten Gifs anfangen.

Wackelnde Models und Live-Giffing

Tumblr hingegen hat dafür gesorgt, dass sich auch Unternehmen dem Gif-Format zuwenden: "Wenn eine Marke bei Tumblr Werbung machen will, dann braucht sie einen Tumblr-Account und muss Content anbieten", sagt Weber. Das Gif-Marketing war geboren, passgenaue Werbung für soziale Netzwerke. Hier kommt Mr. GIF ins Spiel, die schon für die Fashion Week in New York und für das "Vice"-Magazin Wackelbilder animiert haben.

Für die Modefirma American Apparel knippsten sie von Models jeweils zwei Fotos aus leicht unterschiedlicher Perspektive. Das Ergebnis ist ein Stereoeffekt. Auch für ihren Roadtrip mit Panel-Moderator Alfonso von New York nach Austin nutzten sie Fotos als Grundlage für Gifs. Meistens aber zeichnen sie selbst: "Wir machen es uns gerne nicht zu einfach", sagt Portillo. Und noch ein Problem umgehen sie mit den Eigenkreationen.

Mittlerweile gibt es eine Reihe von Apps, die das Erstellen von Gifs leichter machen. Um aus einem YouTube-Clip oder einer Fernsehsendung ein paar Sekunden als tonloses Wackelbild anzeigen zu lassen, genügen wenige Klicks. Aktueller Trend: Das "Live-Giffing" von Fernsehereignissen, dabei werden kurze Sequenzen mit Text versehen und in einen Beitrag gepackt.

Dschiff oder Giff?

"Das ist natürlich völlig illegal", sagt Weber. Sie glaubt, dass große Firmen diese Rechtsbrüche früher oder später verfolgen werden. Repeat erinnert sich mit Grauen an den Tag der Grammy-Verleihung: "Mein Tumblr-Feed war voller Grammy-Gifs, alle gleich, alle langweilig, das war der schlimmste Tag meines Lebens", sagt er. Einhellige Meinung: Mit dem Giffen darf man es nicht übertreiben.

Weber glaubt außerdem, dass der Gif-Hype seinen Höhepunkt, Peak-Gif, bereits erreicht hat. So richtig widersprechen mag da selbst das Duo hinter Mr. GIF nicht. "Ist Punkrock heute noch ein Trend? Jedenfalls gibt es ihn noch", sagt Portillo. Repeat glaubt, dass kurze Animationen noch eine große Zukunft haben - nur nicht zwingend als Gif-Datei: "Die Kids, die jetzt im Netz großwerden, können besser programmieren. Das wird alles verändern."

Bleibt nur noch eins zu klären: Wie spricht man das Hype-Format denn nun aus, Dschiff oder Giff? Die Profi-Animateure und die große Mehrheit des Publikums plädierte für Gif mit hartem g.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung