Kriegsprotest mit Google-Bewertungen »Ukrainische Hühnchen scheinen härter zu sein als russische«

Netzprotest mit ein bis fünf Sternen: Befeuert vom Kollektiv Anonymous bewerten Internetnutzer über Google russische Geschäfte und Restaurants – und weisen dabei auf die Lage in der Ukraine hin.
Grand Cafe Dr. Jhivago in Kremlnähe: Über Nacht viele neue Bewertungen

Grand Cafe Dr. Jhivago in Kremlnähe: Über Nacht viele neue Bewertungen

Foto: Google Maps

In Googles System für Rezensionen geht es derzeit ungewohnt politisch zu. Im Zuge eines mehr als 23.000 Mal retweeteten Aufrufs im Namen des Netzkollektivs Anonymous  auf Twitter haben viele Internetnutzerinnen und Internetnutzer begonnen, russische Restaurants und Geschäfte zu bewerten. Ihre Rezensionen nutzen sie, um auf die Situation in der Ukraine zu verweisen und Wladimir Putins Politik zu kritisieren. Über Unternehmen in größeren Städten wie Moskau ergießt sich so nun eine Flut von Protestnoten, teils auf Englisch, teils auf Russisch.

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Das Grand Cafe Dr. Jhivago zum Beispiel liegt fußläufig zum Kreml. Zu seinen neuesten Bewertungen mit der Höchstpunktzahl von fünf Sternen zählen Kommentare wie »Hört auf, in die Ukraine einzumarschieren« und »Rettet die Menschen. Stoppt den Krieg. Er droht mit einem Atomkrieg.« Ein anderer Kommentator hingegen hinterließ nur einen Stern und folgende Botschaft: »Es scheint, dass das Hühnchen Kiew sehr zäh war und sich nur schwer schlucken ließ. Nachdem ein paar Tage lang darauf herumgekaut wurde, scheint es sich einfach zu wehren. Ukrainische Hühnchen scheinen härter zu sein als russische.«

Ähnlich wie dem Grand Cafe Dr. Jhivago ergeht es benachbarten Restaurants. Dem Beluga, laut Google bekannt für Kaviar und Meeresfrüchte, gibt ein erfahrener Google-Bewerter fünf Sterne. »Das Essen ist großartig«, schreibt er, »aber das Essen wurde durch den Einmarsch in die Ukraine verdorben! Glauben Sie nicht der falschen Staatspropaganda, die von den Medien verbreitet wird! Unschuldige Menschen sterben!«

Und auch das auf Fleisch spezialisierte Restaurant Bryanskiy Byk bekommt vier Sterne, die mit Politik statt mit seinen Steaks zu tun haben: »Liebes russisches Volk. Bitte geht auf die Straße und protestiert, um den Krieg zu stoppen. Wir wissen, dass es nicht einfach ist, da ihr in einer Diktatur lebt, aber sie können nicht alle von euch aufhalten.«

Der tatsächliche Effekt ist schwer einzuschätzen

Viele Internetnutzer, die sich an der digitalen Protestwelle beteiligen, wollen mit ihren als Rezensionen getarnten Appellen die russische Zivilbevölkerung erreichen und aufrütteln. Ob das praktisch gelingt, ist fraglich. So hat Google in Russland mit Yandex einerseits einen populären lokalen Konkurrenten. Und anderseits zeigt Google Maps bei Restaurant-Rezensionen standardmäßig als Erstes jene Bewertungen an, die der Dienst für besonders relevant hält – nicht die zuletzt veröffentlichten, also in diesem Fall die aus dem Ausland stammenden Botschaften gegen den Krieg.

Hinzu kommt, dass das Unternehmen Kommentare, die sich nicht wirklich auf ein Restaurant oder Geschäft beziehen, üblicherweise löscht, wenn sie ihm gemeldet werden. »Maps soll kein Forum für Nutzer sein, die sich zu politischen, sozialen oder persönlichen Themen äußern möchten«, heißt es dazu in den Richtlinien des Unternehmens .

Auf Plattformen wie Twitter und Reddit geben sich Nutzer vor diesem Hintergrund Tipps, die helfen sollen, dass ihre Bewertungen online bleiben. So rät man sich gegenseitig, lieber fünf Sterne als nur einen zu geben, damit die betroffenen Restaurants sich nicht über die neuen Bewertungen ärgern und sie Google melden. Ebenso empfehlen sich Nutzer Tools wie DeepL , mit denen sich eigene Texte ins Russische übersetzen lassen.

Der Anonymous-Account @YourAnonNews, der die Aktion prominent beworben hatte, hatte zwar auch eine Textvorlage gepostet. Wohl berechtigterweise befürchten manche Nutzer jedoch, dass der Standardtext von Google leicht ausgefiltert werden könnte.

»Der Ort ist so lala«

Wie auch andere Internetunternehmen sieht sich Google nicht zum ersten Mal mit einer Protestwelle konfrontiert, die sich sein Bewertungssystem zunutze macht. Ein wiederkehrendes Phänomen ist das sogenannte »Review Bombing« zum Beispiel in der Welt der Filme und Videospiele . Mittlerweile hat Google technische Gegenmaßnahmen implementiert .

Präzedenzfälle gibt es auch bei politischen Themen. Im November 2016 etwa nahmen Trump-Gegner dessen Wahlsieg in den USA zum Anlass, um Hotels mit dem Namen des Unternehmens negativ zu bewerten . Und selbst im Zuge der Proteste in Belarus 2020 wurden Google-Bewertungen als Protestmittel eingesetzt. Ein Untersuchungsgefängnis in Minsk, in dem Regierungskritiker gefoltert wurden, erhielt laut »Human Rights Watch«  Bewertungen wie: »Der Ort ist so lala. Die Beine wurden geschlagen (...), aber aus irgendeinem Grund sind sie nicht gebrochen. (...) Außerdem sind die blauen Flecken im Gesicht in nur zehn Tagen statt in zwei Wochen verschwunden.« Der Kommentar steht bis heute online .

Warum Kritiker von Putins Invasion derzeit ihre Zeit in Kommentare stecken, die das gewünschte Zielpublikum vielleicht nie zu sehen bekommt, ist leicht nachvollziehbar: Der Krieg in der Ukraine macht vielen Menschen Angst und sie wollen nicht nur hilflos zuschauen. In dieser Situation scheint im Zweifel sogar das Abgeben einer womöglich bald gelöschten Google-Bewertung sinnvoller als Nichtstun. Die eigene Aktivität im Netz übertüncht das Gefühl der Ohnmacht, erst recht, wenn Menschen gemeinsam agieren, wie hier unter dem Banner von Anonymous.

Auch deutsche Restaurants sind ein Ziel

Die Idee für die Bewertungsaktion stammte diesmal offenbar von einem Twitter-Nutzer, der seinen Account in Polen verortet . »Gib ihnen 5 Sterne!«, schrieb »Konrad03249040« am Montag. »Ich bin kein Hacker, aber ich tue, was ich tun kann.«

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Betroffen sind von den politisch aufgeladenen Rezensionen nicht nur Gastronomen und Unternehmer in Russland. Auch bei den Bewertungen deutscher Restaurants mit Russland-Bezügen im Namen hat sich seit dem Anonymous-Aufruf einiges getan. »Jeder Tropfen Blut, jedes tote Kind ist eure Schande!!! Buchstäblich die ganze Welt verurteilt euch«, schreibt etwa ein Nutzer zum Restaurant Paris Moskau in Berlin und vergibt einen Stern.

Und sowohl an das Bistro Moskau in Gießen als auch an das Café Moskau in Chemnitz hat jemand die gleiche Botschaft: »Das Essen war super! Tolle Gastgeber! Aber Putins Krieg in der Ukraine hat mir den Appetit verdorben.« Dazu verteilt er jeweils fünf Sterne.