Hetzseite Anonymous.Kollektiv Staatsanwaltschaft fahndet nach mutmaßlichem Betreiber

Anonymous.Kollektiv zählte zu den größten Hetzseiten auf Facebook, seit Kurzem jedoch ist die Seite offline. Ihre Postings beschäftigen nun die Staatsanwaltschaft Erfurt.

Facebook-Seite von Anonymous.Kollektiv: Verschwörungstheorien statt Anonymous-Informationen

Facebook-Seite von Anonymous.Kollektiv: Verschwörungstheorien statt Anonymous-Informationen

Von


Im Zusammenhang mit der umstrittenen, mittlerweile vom Netz genommenen Facebook-Seite Anonymous.Kollektiv wird derzeit nach einem Erfurter gefahndet. Dabei könnte es sich um einen Unterstützer, laut Medienberichten vielleicht sogar um den Betreiber der Seite handeln.

Hannes Grünseisen von der Staatsanwaltschaft Erfurt bestätigte SPIEGEL ONLINE am Mittwoch, dass nach einen Mann namens Mario Rönsch gefahndet werde - wegen des Verdachts auf Betrug, auf Volksverhetzung und auf öffentliche Aufforderung zu Straftaten, im Zusammenhang mit Internetseiten. Details zur Fahndung nannte Grünseisen nicht.

Hetze gegen Flüchtlinge - und "Compact"-Werbung

Anonymous.Kollektiv hatte auf Facebook unter der Flagge von Anonymous Stimmung gegen Flüchtlinge gemacht, Russland glorifiziert, mit Pegida sympathisiert und gegen die angebliche "Lügenpresse" gewettert. Dabei wurde häufig auf Quellen wie das rechtspopulistische Magazin "Compact" verwiesen.

Mitunter wurden Fakten aus Medienberichten auch verdreht, wie sich etwa im anonym betriebenen Watchblog "We Watch Fake Anonymous" nachvollziehen lässt, das immer wieder einzelnen Postings der Seite hinterherrecherchiert hat. Viele der ursprünglichen Anonymous-Aktivisten hatten sich seit Langem von der Seite distanziert, auf der fast jeder kritische Nutzerkommentar zeitnah gelöscht worden war (was nicht dazu passt, dass Anonymous eigentlich für Meinungsfreiheit eintritt).

Die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) hatte am Dienstag berichtet, dass der Grünen-Politiker Volker Beck Anfang des Jahres eine Anzeige gegen den Betreiber von Anonymous.Kollektiv gerichtet hatte, wegen Beleidigung, Bedrohung und dem Aufruf zu Straftaten. Dabei soll Beck auch Hinweise dazu geliefert haben, wer hinter der Seite stecken könnte.

Der "SZ" zufolge nannte die Staatsanwaltschaft in ihrem Antwortschreiben an Beck Mario Rönsch als Beschuldigten. Die Ermittlungen gegen Rönsch seien am 19. Mai aber vorläufig eingestellt worden, wegen eines "unbekannten Aufenthaltes", heißt es im Artikel. Ein Haftbefehl soll im konkreten Fall nicht erlassen worden sein.

Es geht um Einträge

Gefragt, ob die Staatsanwaltschaft Mario Rönsch für den Betreiber von Anonymous.Kollektiv hält, sagte Grünseisen gegenüber SPIEGEL ONLINE, man halte es für möglich, "dass Einträge auf der Seite von Mario Rönsch stammen".

Mario Rönsch war erst kürzlich vom Magazin "Focus" mit der Facebook-Seite in Verbindung gebracht wurden. "Viele Indizien sprechen dafür, dass Rönsch hinter der größten Hetzseite im deutschsprachigen Netz stand", hieß es Montag in einem längerem Artikel auf der "Focus"-Website. Zuvor war bereits ein Print-Artikel erschienen.

Lange vor dem "Focus" hatten unter anderem Anonymous-Aktivisten berichtet, Rönsch sei Administrator der Facebook-Seite. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE bestritt Rönsch Anfang April 2014 jedoch, die Seite zu kennen. Vor Gericht scheiterte Rönsch später mit dem Versuch, SPIEGEL ONLINE den Verdacht verbieten zu lassen, er sei Administrator der Seite.

Laut Staatsanwaltschaft laufen drei Verfahren

Mario Rönsch war im November 2015 in einem "Compact"-Video mit dem Titel "Merkel? Verhaften!" aufgetreten. Vorgestellt wurde er dort als "unser langjähriger Leser und einer der Initiatoren der bundesweiten Demonstrationen der sogenannten Montagsmahnwachen für den Frieden". "Frau Merkel muss ins Gefängnis", hatte Rönsch in dem Video unter anderem gefordert.

Nach Auskunft der Staatsanwalt Erfurt laufen gegenwärtig drei Verfahren gegen Rönsch, die derzeit jedoch alle ruhen, weil man nicht weiß, wo sich Rönsch aufhält.

Auf Facebook ist Anonymous.Kollektiv seit dem 21. Mai nicht mehr erreichbar. Facebook hat sich bislang nicht zu Medienanfragen geäußert, ob die Seite aufgrund von Nutzerbeschwerden gelöscht wurde und falls ja, was genau Anlass für die Löschung war. Ableger von Anonymous.Kollektiv mit deutlich weniger Öffentlichkeitswirkung sind derweil weiter online, einer davon etwa im russischen Netzwerk VK.



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.