Anonymous und LulzSec Britische Polizei nimmt mutmaßliche Hacker fest

Zwei am Donnerstag, zwei am Dienstag: Die Polizei in Großbritannien hat erneut mutmaßliche Hacker festgenommen. Die Männer stehen im Verdacht, für Anonymous und LulzSec aktiv gewesen zu sein. Geklärt werden sollen, wer sich hinter dem Pseudonym "Kayla" verbirgt.

Met-Chef Paul Stephenson (Archiv): FBI und Scotland Yard gehen gegen Hacker vor
REUTERS

Met-Chef Paul Stephenson (Archiv): FBI und Scotland Yard gehen gegen Hacker vor


Berlin - Scotland Yard meldet neue Erfolge im Kampf gegen Online-Angreifer: Am Donnerstagabend nahmen britische Polizisten zwei Männer im Alter von 20 und 24 Jahren fest, denen gemeinschaftliche Hack-Angriffe angelastet werden. Die Festnahmen sind Teil einer konzertierten, transatlantischen Polizeiaktion zwischen Scotland Yard und dem FBI gegen Anonymous und deren fundamentalistische Abspaltung Lulz Security. Die jüngsten Festnahmen sollen klären, wer hinter der Online-Identität "Kayla" steckt, ein wichtiger Drahtzieher der beiden Hacker-Gruppen.

Kriminaloberinspektor Mark Raymond vom Central E-Crime Unit der Metropolitan Police (Met): "Die Festnahmen sind Teil unserer Ermittlungen in einer ganzen Reihe von ernstzunehmenden Computer-Einbrüchen und DoS-Überlastungsangriffen, die mehrere multinationale Firmen, öffentliche Institutionen, Regierungen und Strafverfolgungsbehörden in Großbritannien und den Vereinigten Staaten erdulden mussten."

Erst am Dienstag nahm Scotland Yard einen 17- und einen 22-Jährigen fest, denen ebensolche Hack-Angriffe vorgeworfen werden. Alle vier Männer werden am 7. September dem Bezirksgericht von Westminster vorgeführt. Der parallele Fall eines 16-jährigen Jugendlichen, der den Behörden bei den Hacker-Ermittlungen in die Hände geriet, wurde an ein Jugendgericht weitergereicht.

Die Web-Guerilla Anonymous
Die Namenlosen
Anonymous ist eine lose Gruppierung, die ihren Ursprung einst im anarchischen Bilderforum 4Chan hatte. Zunächst konzentrierten sich Aktivisten auf Aktionen gegen Scientology. Inzwischen werden DDoS-Attacken, bei denen Websites durch massenhafte Anfragen überlastet werden, gegen eine Vielzahl von Zielen durchgeführt. Die Gruppe erklärte sich solidarisch mit den Aufständischen in Ägypten, Libyen, Syrien und anderswo, sie verteidigt WikiLeaks und bekämpft die Branchenverbände der Musik- und Filmbranche. Freie Information und das Recht auf Anonymität gehören zu den wenigen geteilten Zielen der zahlreichen Netznutzer weltweit, die sich zu Anonymous zählen.
Masken und Anzüge
AFP
Die Maske kommt aus Alan Moores Kultcomic "V wie Vendetta" und steht dort als Symbol für den Kampf gegen Unterdrückung, Überwachung und Zensur: Man erkennt die Gruppenzugehörigkeit, nicht aber den anynomen Träger. Angelehnt ist die Maske an Guy Fawkers, einen englischen Offizier, der 1605 den König und das Parlament in die Luft sprengen wollte, um die Verfolgung der Katholiken anzuprangern. Der Mann im Anzug ohne Kopf, das Logo der Bewegung, steht für eine Organisation ohne Anführer: Jeder kann Anonymous sein. Eine Vielzahl von Websites und Foren, Social-Network-Profilen und YouTube-Angeboten propagiert die Grundideen und -ziele der Bewegung.
Dauerfeuer aus Ionenkanonen
Anonymous setzt häufig auf Distributed-Denial-of-Service- oder kurz DDoS-Attacken. Darunter versteht man Angriffe über das Internet, bei der eine Vielzahl von Rechnern für so massenhafte Seitenaufrufe sorgt, dass die angegriffenen Server mit der Überlast nicht mehr fertig werden und kollabieren. Meist sind sie Stunden später aber wieder am Netz. Die "Niederorbit-Ionenkanone" ist ein Tool, das DDoS-Attacken für jedermann ermöglicht - und den freiwilligen Anschluss an ein Botnetz. Klingt cool, ist bei Einsatz aber kriminell. Anonymous hat mehrere zehntausend dieser DDoS-Tools für sogenannte Raids in Umlauf gebracht.
Anonymous gegen Scientology
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Anlass zur Gründung der Bewegung waren 2008 Versuche von Scientologen, das Internet zensieren zu lassen: Ein ganz besonders wirres Video, in dem der Schauspieler Tom Cruise über Scientology redet, sollte aus dem Web entfernt werden. In den Foren einiger Imageboards (vor allem 4Chan, wo alle Teilnehmer Anonymous heißen) wurde daraufhin eine DDoS-Attacke verabredet. Seitdem protestiert ein "Arm" von Anonymous regelmäßig, auch ganz in echt auf der Straße, gegen Scientology.
Unterstützung für WikiLeaks
Bekannt wurde Anonymous durch Blockade-Angriffe auf Mastercard und Visa, die "Operation Payback". Die Finanzdienstleister hatte der Enthüllungsplattform WikiLeaks die Unterstütung entzogen. Später startete Anonymous "Operation Leakspin", eine Crowdsourcing-Initiative, um die von WikiLeaks veröffentlichten Dokumente nach interessanten Geschichten zu durchsuchen. Sympathisanten sollen ihre Energie darin investieren, Enthüllungen in "bürgerjounalistischer" Aufmachung auf allen denkbaren Kanälen so weit wie möglich zu verbreiten.
Anonymous und Sony
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Sony möchte nicht, dass die Nutzer der Playstation auf der Spielkonsole eigene Software laufen lassen. Der Hacker GeoHot veröffentlichte eine Anleitung, wie es trotzdem geht - und bekam deshalb juristischen Ärger. Anonymous blies als Reaktion Mitte April zum DDoS-Angriff, zur "Operation Sony". Unbekannte stahlen parallel mehr als hundert Millionen Nutzerdaten des Playstation-Networks, weitere Hacker-Angriffe folgten - und Sony verdächtigt Anonymous, beschuldigt die Gruppe der Mittäterschaft.
Im Visier der Ermittler
Die Website-Blockaden provozieren staatliche Gegenwehr: Das FBI ermittelt, Anfang des Jahres wurden Wohnungen durchsucht und Verdächtige festgenommen. In Deutschland durchsuchten Ermittler im Mai, mitten im Wahlkampf, Server der Piratenpartei: Auf einer offenen Plattform soll, ohne Wissen der Partei, ein DDoS-Angriff geplant worden sein. Im Juni nahm die Polizei in Spanien drei mutmaßliche Anonymous-Mitglieder fest, mehr als zwei Millionen Chat-Protokolle sollen ausgewertet worden sein. Auch das Militärbündnis Nato, das sich für den Cyber-War rüstet, hat Anonymous im Visier.

fko



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