Anschlag von Halle Liebe Leserin, lieber Leser,

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nach dem Anschlag in Halle haben Rassisten - oder empathielose Idioten - den Dönerimbiss, in dem der Attentäter einen jungen Mann erschossen hat, mit zynischen Onlinekommentaren verhöhnt. So bewertete ein Nutzer den Dönerladen per Google-Rezension mit nur einem Stern. Er kommentierte "schlechter Döner" und spielte dann zynisch auf eine Blutlache hinter dem Kühlschrank an. Dort war der Mann gestorben. In die Bildergalerie bei Google, in der Restaurantbesucher normalerweise Fotos ihres Essens präsentieren, hatte jemand einen Screenshot aus dem Livestream-Video des Attentäters hochgeladen.

Das Beispiel zeigt, wie schnell jede Plattform - ob Spieleportal, Livestream-Dienst, soziales Netzwerk oder eben eine Bewertungsseite - für Hetze und Hass missbraucht werden kann, wenn sie schlecht oder nicht moderiert wird. Google überprüft Rezensionen automatisiert auf unangemessene Inhalte und Spam, doch hier haben die Filter versagt. Nutzer können unangemessene Inhalte zwar melden. Wie so oft dauerte es aber auch in diesem Fall zu lange, bis der Konzern reagiert hat.

Daumen hoch, Daumen runter: Bewertungsplattformen werden als politisches Instrument genutzt
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Daumen hoch, Daumen runter: Bewertungsplattformen werden als politisches Instrument genutzt

Dabei sind Bewertungssektionen - egal ob bei Google, bei Facebook, bei Yelp, in Handy-App-Stores oder auf Spieleplattformen - längst zum Politikum geworden. In der Gamingszene gibt es das Phänomen des "Review Bombing". Nutzer setzen Bewertungen dabei strategisch ein, wenn sie mit Entscheidungen eines Herstellers unzufrieden sind. Auf Portalen wie Steam fluten sie dann zum Beispiel die Seiten zu älteren Spielen einer bestimmten Firma mit miesen Bewertungen, um die jeweilige Firma so unter Druck zu setzen oder sie für ihr aktuelles Verhalten gewissermaßen abzustrafen.

Im Fall des Restaurants in Halle kam es immerhin schnell zu digitaler Gegenwehr: Nach einem Aufruf auf Twitter haben Dutzende die Google-Bewertungsseite zum Imbiss mit positiven Kommentaren befüllt. Nutzer wünschen etwa "viel Kraft und Mut in Zukunft, dass ihr das Trauma überwindet" und machen dem Imbiss-Team mit Sprüchen wie "Alles Gute. Ihr seid nicht allein" Mut. Dazu haben sie dem Imbiss Fünf-Sterne-Bewertungen gegeben, sodass dessen Bewertungsschnitt nun bei 4,9 Sternen liegt. Google hat die geschmacklosen Beiträge inzwischen entfernt.

Die Onlinesolidarität mit dem Dönerimbiss offenbart so, wie wichtig es ist, dass Nutzer online einspringen, wenn Plattformen wie Google bei der Moderation versagen. Das Engagement kann nicht nur die Betroffenen moralisch unterstützen, sondern auch Druck auf Konzerne aufbauen, gegen strittige Beiträge vorzugehen.

Umgekehrt ist es nicht nur ein Plattformproblem, wenn zum Beispiel - wie bei dem Anschlag in Christchurch im März - 200 Menschen dem Livestream eines Terroranschlags zusehen, der sich gerade live entfaltet, und das Geschehen weder bei dem Portal noch bei der Polizei melden.

Wenn Rassisten auf Twitter rassistische Botschaften oder Morddrohungen verbreiten, haben auch Nutzer eine Teilverantwortung, die sie wahrgenommen haben, aber nicht eingeschritten sind. Je mehr Nutzer Beiträge bei den Plattformbetreibern melden und online gegen Hass angehen, desto höher ist die Chance, dass die Beiträge möglichst schnell entfernt werden. Auch digitale Zivilcourage entscheidet mit, wie viel Raum Hass im Netz erhält.

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Seltsame Digitalwelt: Schlafende Facebook-Profile

Vor Kurzem war ich im Silicon Valley zu Besuch, unter anderem bei Facebook. Vor dem Einlass in die Firmenzentrale musste ich meinen Namen, Angaben zu Besuchsgründen sowie meine Mailadresse auf einem Touchscreen eintippen. Dabei tauchte plötzlich automatisch ein Uralt-Foto von mir in meinem Besucherprofil auf - ein Bild, das sich das System offenbar aus einem mit meiner Mailadresse verknüpften Facebook-Account gezogen hatte.

Das ist kein Service, sondern ein Übergriff, finde ich - und eine Erinnerung daran, über welche alten Datenschätze das soziale Netzwerk noch verfügt, die man dringend löschen sollte.


App der Woche: "Gangsters 1920 "
getestet von Tobias Kirchner

Sunlight Games

"Gangsters 1920" ist ein spielbarer Noir-Krimi. Der Spieler schlüpft in die Rolle eines Detektivs und muss einen Banküberfall aufklären. Dafür muss er Hinweise sammeln, Gespräche führen und Gefahren ausweichen. Nach und nach werden Räume erkundet, in dem auch mal schnell das Ende des virtuellen Lebens wartet. Nur wer die Hinweise richtig kombiniert, wird überleben und den Fall erfolgreich lösen können.

Dafür ist einiges an Gehirnschmalz nötig, denn die Rätsel sind gut durchdacht. "Gangsters 1920" hat dabei einen individuellen Stil mit einer minimalistischen und farbarmen Optik, die allerdings gut zu der düsteren Stimmung passt.

Für 2,99 (Android) oder für 3,49 (iOS), von Sunlight Games: iOS, Android


Fremdlink: Drei Tipps aus anderen Medien

  • "How Telegram Became White Nationalist's Go-To Messaging Platform" (Englisch, vier Leseminuten)
    Rechtsextreme weichen zunehmend auf Telegram aus. "Vice" hat 150 rechte, öffentliche Telegram-Gruppen untersucht - und zeigt auf, wie der Ton zunehmend gewaltbereiter wird.

  • "Der Hass ist global und vernetzt": (Deutsch, fünf Leseminuten)
    Im "Zeit"-Interview erklärt der Extremismusforscher Jakob Guhl vom Londoner Institut für Strategischen Dialog (ISD) mit Bezug auf den Anschlag in Halle, wie sich Terrorismus in einer globalisierten Welt verändert und welche Rolle das Netz bei der Radikalisierung spielt.

  • "The Great Twitter Swap Experiment" (Englisch, drei Leseminuten)
    Der amerikanische Soldat Michael McKenzie hat sich für drei Tage in eine Frau verwandelt - indem er einen scheinbar einer Frau gehörenden Twitter-Account mit Fake-Foto erstellt hat. Seine Erfahrung: "Als Frau wurde ich infrage gestellt, beschimpft, beleidigt und mir wurde gesagt, dass ich nicht weiß, wovon ich rede", schreibt McKenzie. "Meine Waffenausbildung spielte keine Rolle."

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche

Sonja Peteranderl

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
computerbauboehm 14.10.2019
1. online Rezensionen
dass online Rezension von Nazis o.ä. genutzt werden, um sich in dieser Weise zu äußern ist ein Unding. dass Nutzer sich dagegen gewehrt haben finde ich toll und richtig. das blöde ist nur jetzt, wenn man dieses Vorgehen auf alle Rezensionsmöglichkeiten (Portale) anwendet werden Rezensionen vollends ad absurdum geführt. Spielehersteller oder andere Institutionen zu kritisieren ist richtig; die Rezension jedoch eigentlich der falsche Weg. leider sind Rezensionen teilweise die einzige Möglichkeit sich merkbar/hörbar an den entsprechenden Positionen bemerkbar zu machen. vielleicht sollten die Plattformen zusätzlich zur Bewertung/Kommentierung eines Produkts etc. die Möglichkeit schaffen das Unternehmen dahinter zu bewerten. das wäre auch im Sinne des Kunden. es gibt Produkte die sind gut und es gibt Firmen die sind gut. beides muss aber nicht zusammengehören.
AxelSchudak 14.10.2019
2. Die Frage ist doch...
Die Frage ist doch, in wie weit menschenverachtende oder beleidigende Kommentare strafbar sind, und ob die Kommentare zurückverfolgt werden können. Technisch sicherlich, aber juristisch? Eigentlich erfüllt das die Anforderung der Vorratsdatenspeicherung für "mittels Telekommunikation begangener Straftaten", insofern muss man es nur verfolgen.
chb_74 14.10.2019
3. Fotos bei FB
"Dabei tauchte plötzlich automatisch ein Uralt-Foto von mir in meinem Besucherprofil auf - ein Bild, das sich das System offenbar aus einem mit meiner Mailadresse verknüpften Facebook-Account gezogen hatte." - einer der Gründe, warum ich keine Bilder von mir selbst bei Facebook speichere. Es wird einfach zu viel Unkontrollierbares damit getan.
e1393891 14.10.2019
4. Bitte nicht Gaming Szene mit Online trollen verwechseln
Sehr geehrte Frau Peteranderl, das sind keine Gamer sondern Online Trolle, Menschen die sich primär in ihrer eigenen kleinen Welt online aufhalten auf 4Chan, als es noch nicht geschlossen war 8Chan und Reddit. Da sind mit Sicherheit auch ein paar Gamer drunter aber primär sind es einfach Trolle die Spass daran haben andere zu nerven und sich dann über deren Reaktion kaputtlachen. Sehen Sie sich hierzu einfach folgende Zusammenfassungen auf YT an um dieses Phänomen zu verstehen: Auf YouTube Internet Historian - Brad's Wife Internet Historian - The Harry Potter Skirmishes Internet Historian - Tumblr Vs. 4chan Internet Historiuan - The Great iPhone Massacre
GoaSkin 14.10.2019
5. Künstliche Intelligenz ist eben dumm und kennt keine Zivilcouage
Es kann nicht sein, dass Algorithmen statt Menschen zum Moderieren von Online-Inhalten herhalten müssen und dann hinterher das Versagen der Algorithmen als Ausrede gelten gelassen wird. Wo es eine Moderationspflicht gibt, müssen Menschen in die Pflicht genommen werden, egal ob eine Plattform dazu aufgrund ihrer vielen User zu groß geworden ist. Wer dank vieler User besonders hohe Umsätze hat, der sollte sich dann auch mehr Personal leisten können/müssen. Und wer es nicht kann, der soll es lassen statt Software einzusetzen.
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