Sascha Lobo

Digitaler Antisemitismus Aus latentem Judenhass wird offener Judenhass

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Nach dem Angriff auf Israel ist eine neue Form von Hass im Netz zu beobachten: In sozialen Medien verschmelzen verschiedene Formen des Judenhasses zu einem gefährlichen Impulsiv-Antisemitismus.
Teilnehmer einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus: Es geht kaum noch um Hintergründe

Teilnehmer einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus: Es geht kaum noch um Hintergründe

Foto: Christian Charisius / dpa

Es sind goldene Zeiten für Judenhasser. Eine weltweite Pandemie, wo Seuchen schon immer Juden in die Schuhe geschoben wurden. Eine aufflammende Diskussion über Kolonialismus, bei der sich alter, antisemitischer Wein in mittelmäßig neue Israel-Schläuche füllen lässt. Und jetzt flammt das auf, was man wunderbar haltungsarm »Nahostkonflikt« nennen kann – stets ein Hochamt des deutschen, des linken, des rechten, des Israel-bezogenen, des postkolonialen, des antikapitalistischen, des islamistischen Antisemitismus und überhaupt aller verfügbaren Antisemitismen und angrenzender ideologischen Verblendungen. Gerade auch der Sonderformen wie intellektuell anmutendem Diskurs-Antizionismus oder in Memes gegossenem, digitalem Judenhass, den »Stürmer«-Karikaturen des 21. Jahrhunderts.

Obwohl Judenhass noch nie Anlässe brauchte, lässt sich anhand des gegenwärtigen Triples aus Pandemie, vulgärkolonialer Debatte und terroristischem Angriff auf Israel etwas – eventuell Neues? – im Netz beobachten: die Verschmelzung und Vermischung unterschiedlicher Formen des Judenhasses zu einem digitalen Impulsiv-Antisemitismus.

Dabei geht es kaum noch um Begründungen oder Hintergründe, sondern fast nur noch darum, in sozialen Medien spontan seinen antisemitischen Gefühlen eruptiv freien Lauf zu lassen. Begünstigt von einer judenfeindlich schillernden Grundstimmung, die sich in der Bereitschaft äußert, stets zulasten Israels und jüdischer Menschen abzubiegen, bricht es massenhaft aus den Menschen heraus .

Eine nicht besonders neue Achse des Judenhasses bildet sich auch immer wieder neu im Netz, Israel hassende, antisemitische Islamisten verstehen sich blendend mit Israel hassenden, antisemitischen Linken: Deutscher Antizionismus ist reinstmöglicher Antisemitismus. Rechts lässt ohnehin kaum eine Gelegenheit für verschwörerischen Judenhass aus, und pandemische Verschwörungsesoteriker taumeln zwischen allen Lagern, ihren Antisemitismus codierend mit Begriffen wie »Eliten«, »Finanzelite« oder »Globalisten«.

Betrachtet man antiisraelische Demonstrationen in islamischen Ländern oder kürzlich in Berlin-Neukölln oder die Angriffe auf Synagogen wie in Münster und Bonn, dann ist offensichtlich: In der Kohlenstoff-Welt existiert schon seit jeher ein mörderischer Impulsiv-Antisemitismus, dessen Anhängerschaft Flaggen anzündet oder als Mob versucht, Juden zu ermorden. Ja, gezielt geschürter Impulsiv-Antisemitismus auf Basis einer antijüdischen Grundstimmung erscheint historisch als Treiber von Pogromen.

Was also könnte an der digitalen Variante des Impulsiv-Antisemitismus neu sein, wenn die These stimmt? Wirklich neu dazugekommen ist die überragende Mobilisierungsfähigkeit der sozialen Medien, die viel stärker auf Außenstehende wirkt.

Dass ein eigentlich unbeteiligter Teil des Publikums plötzlich mitentzündet wird, ist derzeit besonders eindrücklich zu sehen bei den radikalislamistischen, antisemitischen Attacken auf Israel samt der dazugehörigen, interaktiven Social-Media-Propaganda.

Drei wesentliche Kennzeichen eines digitalen Impulsiv-Antisemitismus sind:

  • Kontextlosigkeit. Es reicht in sozialen Medien die situative Anmutung von irgendetwas, das sich auf Juden beziehen lässt, um den Hass kollektiv sprudeln zu lassen. Dabei wird der Kontext nicht etwa aktiv ausgeblendet, sondern wird netztypisch gar nicht erst berücksichtigt. Irgendein Video von irgendeinem kaputten Gebäude oder einer Gruppe feiernder Menschen  mit Davidsternen: Israel, Juden, Hass, fertig. Es gibt kein Warum, kein Vorher und kein Nachher, es gibt nur die antisemitische Grundstimmung und den darauf aufbauenden Impuls.

  • Bekenntnisdruck. Soziale Medien erzeugen in ihrem Dauerfeuer der Meinung den Eindruck, man müsse sich bekennen. Weil ein fehlendes Bekenntnis als eine Art Aggression ausgelegt werde, erst recht, wenn vermeintlich eindeutige, erschütternde Bilder und Filme kursieren. Bekenntnisdruck aber führt oft zur prinzipiellen Schwarz-Weiß-Betrachtung, weil es sich nicht um eine moralische Bewertung, sondern eine rein gruppensoziale Funktion handelt: Lasst uns mit den Fakten in Ruhe, denn es gibt nur für uns oder gegen uns. Der Angriff auf Israel und die darauffolgende Antwort eignen sich leider hervorragend, um israelbezogenen Bekennungs-Antizionismus herbeizupressen. Sogar Greta Thunberg ist darauf hereingefallen  und hat entsprechenden Quark einer prominenten Aktivistin des antisemitischen BDS gepostet, ähnlich internationale Accounts von Fridays for Future .

  • Blitzeskalation. »That escalated quickly«  ist ein bekanntes Meme, das eine netztypische Dynamik erklärt: Von null auf hundert in einer Sekunde, ein sozialmediales Sofort-Crescendo. Beim Impulsiv-Antisemitismus kann das zu bizarren Situationen führen, weil selbst leise, sanfte, eventuell legitime Kritik an der israelischen Regierung abrupt in extremistischen Auslöschungsfantasien münden kann. Was für den leisen Kritiker eine Zwickmühle zwischen Bekennungsdruck und Aufrichtigkeit herbeiführt, denn solchem Extremismus muss man widersprechen, um sich nicht mit ihm gemeinzumachen.

Wahrscheinlich stehen die fast weltweit besorgniserregend steigenden Angriffe auf Juden und antisemitische Vorfälle auch damit im Zusammenhang, dass sich Hass und radikale Stimmungen über die digitale Vernetzung leicht und schnell verbreiten können. Auch in Ecken, in denen sie vorher kaum stattfanden oder zumindest nicht hochkochten. Und das, obwohl einige der großen Plattformen und sozialen Medien erkennbar ihre Bemühungen intensiviert haben, allzu radikalen Judenhass in den Griff zu bekommen.

Das hatte bereits eine konkrete Verschiebung zur Folge: Was früher eher auf Facebook und Twitter geschah, passiert inzwischen eher bei Messengern wie Telegram. Dort, abseits jeder Kontrolle und mit dem Zwang, immer neue Aufmerksamkeit generieren zu müssen, lässt sich in manchen Fällen eine antisemitische Selbstradikalisierung beobachten:

»BOYKOTTIERT DIE PARASITÄREN JUDEN!«, »KORONA IST EIN JUDENVIRUS«, »DER JUDE IST DER EKELHAFTESTE PARASIT DEN ES GIBT!« – das sind Äußerungen auf dem Telegram-Kanal des früheren Vegan-Kochs und heutigen Vollzeit-Judenhassers Attila Hildmann. Von ihm kursieren (nicht eindeutig verifizierbare) Screenshots von Zitaten wie »Alle Gerüchte über Juden sind wahr. Hitler hatte recht!«, die aber nahtlos in seinen von Vernichtungswillen geprägten Judenhasswahn auf Telegram passen. Über 110.000 Abonnenten hat der Kanal.

So ein offener, monatelang rasender Vernichtungsextremismus ist in Sachen Judenhass natürlich nicht einzigartig, nimmt in sozialen Medien aber schon durch seine Ausdauer eine gewisse Sonderstellung ein. Häufiger finden sich eben spontane Impulse, bei denen sich ein Muster vermuten lässt: Lange brodelnde Gefühle brechen plötzlich eruptiv heraus. Soziale Medien sind sehr clever dafür geschaffen, spontan Emotionen zu schüren. Diese technosoziale Mechanik bleibt natürlich nicht in ihrer ursprünglichen Zielsphäre, der Werbewelt, sondern greift über auf alle möglichen politischen, kulturellen, gesellschaftlichen Regungen.

Faktenwissen ist keine Kategorie des Antisemitismus

Aus einem sozialmedial geschaffenen, emotionalen Moment heraus lässt man sich davontragen und segelt für ein paar Momente auf einer situativen, irrationalen, antisemitischen Welle. Nicht, dass Judenhass je besonders rational, faktentreu und logisch dahergekommen wäre. Und ich kann mich irren, aber mir scheint im Überschwang der pandemischen Hyper-Emotionalisierung noch einmal eine vielleicht entscheidende Umdrehung Wahnwitz zum Antisemitismus hinzugekommen zu sein.

Diese Umdrehung braucht man vor allem, um die eigene, antisemitische Opfererzählung aufrechterhalten zu können: die eingebildete, jüdische Weltbedrohung, gegen die man sich ja nur wehre. Denn die meisten Judenhasser wissen nicht, dass es überhaupt nur die vergleichsweise winzige Zahl  von 15 Millionen Juden weltweit gibt (bei 1,8 Milliarden Muslimen und 2,3 Milliarden Christen). Die meisten Judenhasser wollen das auch nicht wissen, weil Faktenwissen keine Kategorie des Antisemitismus ist. Ganz anders als Fühlen – und hier nimmt der Impulsiv-Antisemitismus eine besorgniserregende Funktion ein, die mit den terroristischen Angriffen auf Israel und den militärischen Reaktionen darauf zusammenhängt.

Denn Impulsiv-Antisemitismus erscheint mir wie das auslösende Moment, wo aus latentem Judenhass offener Judenhass wird. Es gibt ja nicht die eine militärische Antwort Israels oder den einen Gegenschlag, ab dem israelbezogener Antisemitismus plötzlich okay wäre. Wenn Menschen das so empfinden – »Jetzt ist Netanyahu zu weit gegangen, jetzt müssen die Juden und Israelis büßen!« –, dann waren sie schon vorher Antisemiten. Sie brauchten nur die richtige Gelegenheit, um ihrem Hass endlich freien Lauf lassen zu können.

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