AP gegen den Rest der (Netz-) Welt "Es lebe die Revolution!"

In Newsgroups und auf Websites kursiert ein satirisches Video zum Fall Elián González. Die Nachrichtenagentur AP hat damit ein Problem, denn das Video basiert ausschließlich auf AP-Bildern. Copyright-Verletzung befindet AP - und mahnte das Angebot ab. Doch das Video verbreitet sich schneller, als das Unternehmen E-Mails versenden könnte.

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Pulitzerpreis-verdächtig: Das Originalfoto von AP. Sean Bonner hat es zum Film gemacht
AP

Pulitzerpreis-verdächtig: Das Originalfoto von AP. Sean Bonner hat es zum Film gemacht

"Mr. Fulp" bekam Post, ganz zeitgemäß per E-Mail. Genauso zeitgemäß der Inhalt: Fulp, seines Zeichens Serviceprovider, wurde von der Nachrichtenagentur AP informiert, dass einer seiner Kunden durch eine unautorisierte Veröffentlichung von AP-Fotos das Copyright verletzt habe: "Ich sende Ihnen diese Nachricht, weil auch Sie möglicherweise für die Copyright-Verletzung durch Ihren Kunden rechtlich zu belangen wären, wenn Sie das beanstandete Material nicht unverzüglich von Ihrem Server entfernen." Das Ganze ist unterzeichnet von AP-Mitarbeiter David Tomlin.

Der Stein des Anstoßes: Eine kurze Animation. Sean Bonner montierte, einer Anregung seines Freundes Chris Lathrops folgend, zahlreiche Bilder aus der laufenden Elián-Berichterstattung von AP zu einem animierten Film, der sich an einer populären Bierwerbung orientiert: , nach Bonners Aussage eine "Satire".

Da treten Elián, ein inzwischen weltbekannter bewaffneter Beamter der Einwanderungsbehörde, Fidel Castro, Verwandte des sechsjährigen Jungen, Janet Reno und andere "Protagonisten" der Familientragödie, die längst zum Politikum wurde, in einen gutturalen, bellenden Dialog. "Wassup?" ("Wat is los?") ist die Hitline - und führt hin zu einer "Werbung" für die "Stormtroopers". Sean Bonner: "Wir sind nur ein paar kleine Lichter, die dachten, dass das witzig sei".

Auch er bekam Post:

"Sie setzen sich dem Risiko aus, für die Verletzung des Copyright rechtlich haftbar gemacht zu werden. Das könnte für Sie Geldstrafen und möglicherweise eine strafrechtliche Verfolgung zur Folge haben. Ich bitte Sie, umgehend zu bestätigen, dass Sie dies verstanden haben und die Veröffentlichung von AP-Material über umgehend unterlassen."

Weder "Mr. Fulp" noch Sean Bonner konnten sich eine Abmahnung leisten: "Fulp" setzte sich am Donnerstag, nur zwei Tage nach Veröffentlichung der satirischen Animation, mit Sean Bonner in Kontakt - und sorgte dafür, dass das Video verschwand.

Doch das Web wäre nicht das Web, wenn so etwas so einfach wäre. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich das kurze Video über Newsgroups auf zahlreiche "Mirror-Sites", die den Film nach wie vor anbieten. Die ersten Seiten sind bereits wieder vom Netz - doch neue kommen nach. Derzeit erfrecht sich selbst der Playboy, seit jeher ein besonderer Hort freiheitlich orientierter Pressearbeit, . Denn Miturheber des "Wassup"-Videos ist neben Sean Bonner Chris Lathrop, einer der Journalisten bei Playboy.com.

"Befreit das Elián Wassup Video!"

AP fand all das nicht witzig. Bonner zog zwar das Video zurück - wird zurzeit aber zu einer Popikone der Web-Kultur. Über 3000 E-Mails habe er bereits bekommen, Anrufe aus aller Welt. Schon sind die ersten "Widerstandszentren" entstanden, auf denen "Fans" des erst wenige Tage alten Werkes ihre Unterstützung zum Ausdruck bringen: "Befreit das Elián Wassup Video!". So schrieb der "Wassup"-Unterstützer "Bob" in einem Forum an David Tomlin: "Bemühe Dich doch um Sinn für Humor, während Du auf den Pulitzer-Preis wartest".

Doch für die "Gemeinde" der "Wassup Elián"-Unterstützer geht es um noch mehr: Wieder einmal stehen grundsätzliche Fragen des Copyright im Internet zur Debatte. Auch "Bob" argumentiert mit den auch im angelsächsischen Recht verankerten "Presseprivilegien": Zum einen seien die Bilder dazu verwandt worden, in satirischer Form ein politisches Ereignis zu kommentieren. Zum anderen zögen die Urheber des Films keinen Nutzen daraus. Für "Bob" ist damit klar: "Wassup" ist ein publizistisches Werk, dass AP-Material nur zitiert.

AP hatte mit einem solchen Echo nicht gerechnet

Überrascht vom vehementen Echo auf seine E-Mail-Aussendungen zeigt sich David Tomlin von AP: "Die Reaktionen auf meine E-Mail-Aussendungen waren atemberaubend. Wir hatten hunderte von Anrufen und E-Mails von einer Menge Menschen, die meinen, AP sollte das, was sie für eine von der amerikanischen Verfassung geschützte Meinungsäußerung halten, nicht ersticken. In diesem Fall stehen sich unser Interesse an der Wahrung der Rechte an unserem geistigen Eigentum und der Integrität unserer Nachrichtenbilder und das öffentliche Interesse an der Freiheit des Kommentares gegenüber. Ich denke, ein vernünftiger Mensch wird differenzieren können, welchen Interessen man in diesem Fall mehr Gewicht zuerkennen sollte."

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DPA

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Für viele Unterstützer ist die Frage nach Gut und Böse dennoch geklärt: Das große, mächtige News-Unternehmen unterbinde die freie Meinungsäußerung, meinen viele Surfer. "Bart Simpson" in einem Forum zum Elián-Filmchen: "Sendet so viele Drohbriefe wie Ihr wollt, doch das Internet ist frei! Es gehört allen und wenn Ihr dort Eure Bilder verbreitet, dann akzeptiert, dass diese von Künstlern genutzt werden, die der elektronisch verbundenen Community etwas zu geben haben, statt immer nur zu nehmen."

Ein Aufleben der alten, gewachsenen Internet-Kultur des "give-and-take", des "information wants to be free" gegen die fortschreitende Kommerzialisierung des Webs.

"Wassup" verspricht, zu einem Musterfall zu werden. AP setzt die gegebenen rechtlichen Mittel ein, um die weitere Verbreitung des Videos zu verhindern. Das Web zeigt einmal mehr, dass es im Zweifelsfall schneller ist: Eine der Mirrorsites weist über ihren Zähler rund 700.000 Abrufe aus. Ein Effekt, den bald wohl auch die Vertreter der deutschen Musikindustrie zu spüren bekommen könnten, wenn sie versuchen, die Verbreitung von illegalen MP3-Sites zu unterbinden, indem sie deren Adressen über die Provider sperren lassen.

Sean Bonner hat nicht vor, "sein" Video weiter zu verbreiten: "Im Augenblick ist die Gefahr, verklagt, verurteilt, verhaftet, in Brand gesteckt, angeschrien, angespuckt, in die Schienbeine getreten zu werden, oder was auch immer diese Anwälte noch mit uns anstellen könnten, einfach zu groß". Um seine möglicherweise Copyright-verletzende Satire macht er sich allerdings keine Sorgen. Bonner: "Bevor wir den Film von der Seite nehmen mussten, haben sich zahlreiche Personen Kopien davon gezogen und das Ding kreuz und quer über das Web gepflastert. Wir werden unser Bestes tun, Euch zu diesen Seiten zu führen. Es lebe die Revolution!"



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