Gewinnspiel-System durchschaut Schnäppchenjäger sahnen mit selbst erstellten Codes massenhaft Gutscheine ab

Ein Lebensmittelhersteller hat für seine Kunden Gewinnspielcodes in Joghurtpackungen gedruckt. Doch jetzt lief die Verlosung völlig aus dem Ruder.

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Mit dem Slogan "Jeder Code gewinnt" wirbt der Lebensmittelhersteller Apostels derzeit für ein Onlinegewinnspiel. Dieses Versprechen soll für Kunden gelten, die einen griechischen Joghurt oder einen Aioli-Dip kaufen und darin einen Code finden.

Die Realität sieht anders aus: Die Codes sind so simpel aufgebaut, dass Internetnutzer die benötigten Zeichenfolgen massenhaft selbst erstellen konnten: So konnten sie auch ohne den Kauf von Apostels-Produkten Gewinne abkassieren.

Mittwochmorgen war auf der Schnäppchenplattform MyDealz von einem Nutzer eine entsprechende Anleitung veröffentlicht worden. Darin wurde erklärt, wie sich der siebenstellige Gewinnspielcode zusammensetzt. In nur wenigen Stunden kommentierten Nutzer den Beitrag mehr als 600 Mal, das Coderezept wurde zu einem der beliebtesten Beiträge der Seite.

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Bei dem Gewinnspiel sollen insgesamt eine Million Gutscheine verlost werden. Zu gewinnen gibt es neben einigen wertlosen Lockangeboten wie Probeabos für Fitness-Apps auch Kühltaschen, 100-Euro-Gutscheine ohne Mindestbestellwert für ein Reiseportal sowie Gratis-Grillabende für elf Personen mit einem Profikoch.

Gutscheine zum Verkauf angeboten

Etwa einen Tag lang war der Beitrag bei MyDealz online, dann wurde er gelöscht. Das genügte den Nutzern, um zahlreiche Codes zu basteln und auszuprobieren. In den Kommentaren brüsteten sich Nutzer mit Screenshots ihrer Gewinne. Sie boten Gutscheine zum Verkauf an und handelten mit Codes. Einige Nutzer veröffentlichten Listen mit Hunderten selbst erstellten Zeichenfolgen.

Bei Apostels merkte man erst Donnerstagmorgen, dass etwas nicht stimmte. Mitarbeiter nahmen die Gewinnspielwebsite für einige Stunden offline.

Dem SPIEGEL sagte eine Sprecherin des Unternehmen: "Wir distanzieren uns ganz deutlich von dem Beitrag im Netz und finden es gleichzeitig erschreckend, dass kriminelle Energie aufgewendet wird, um ein ehrliches und mit gutem Willen initiiertes Gewinnspiel zu beeinträchtigen." Den ehrlichen Kunden versichere man, dass sie nicht leer ausgehen. Man habe Maßnahmen getroffen, dass die Codes in den Packungen weiter gültig bleiben.

Die Reisegutscheine, die ohne Produktkauf gewonnen wurden, sollen ihre Gültigkeit verlieren. Auf Anfrage teilt eine Sprecherin des Unternehmens HolidayCheck mit: "Die betroffenen Codes werden herausgefiltert und im Anschluss von uns gesperrt."

Schlecht gewählte Codes werden zum Problem

Der Fall Apostels ist in seiner Dimension ungewöhnlich. Dass Schnäppchenjäger Schwachstellen in Gewinnspiel- oder auch Reisebuchungs- oder Onlineshop-Systemen zu ihrem Vorteil ausnutzen, kommt aber öfter vor.

Ein MyDealz-Sprecher teilte auf Anfrage zur Anleitung zum Code-Erstellen mit, jeden Monat werde eine "Vielzahl an Beiträgen von Dritten wegen vermeintlicher Rechtsverstöße beanstandet". Weltweit werden demnach auf den Plattformen des Betreibers Pepper.com monatlich etwa 62.000 Beiträge veröffentlicht, von denen 15 aus rechtlichen Gründen gelöscht werden.

Folgen haben die Nutzer, die selbst erstellte Codes eingaben, laut Rechtsanwalt Jacob Metzler eher nicht zu befürchten: "Das ist eine Schummelei, die möglicherweise den Tatbestand des Betrugs erfüllen könnte", sagt der Experte für Internetrecht. Es gebe zwar einen Schaden, es sei aber fraglich, ob so eine Tat als strafwürdiges Verhalten oder eher als Bagatelle ausgelegt werde. "Ich bezweifle, dass die Staatsanwaltschaft Einzelfälle wegen einer Kühltasche verfolgt", sagt Metzler.

Um Schadensbegrenzung bemüht

Das Gewinnspiel läuft noch bis zum 15. Juni. Apostels ist nun um Schadensbegrenzung bemüht und hat nach eigenen Angaben unterbunden, dass die selbst erstellten Codes akzeptiert werden. Die selbst erstellten Schlüssel jedoch lassen sich noch immer eingeben.

Den größten Fehler hatte das Unternehmen bei der Auswahl der Codes gemacht. Sie waren sich schlicht zu ähnlich. Wenn Promotion-Codes erstellt werden, dann gilt als Richtwert, dass sie aus mindestens acht Zeichen mit Ziffern, Groß- und Kleinbuchstaben bestehen sollten. Damit ergeben sich mehr als 200 Billionen Kombinationen. Selbst eine Million mögliche Codes lassen sich dann kaum noch erraten.

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Seite 1
Newspeak 17.05.2019
1. ...
Solche Aktionen sind doch im Grunde auch nichts anderes als Betrug. Der Kunde wird mit dem Versprechen eines hohen Gewinns dazu verleitet, ein Produkt zu kaufen. Wieviele tatsaechlich etwas gewinnen, bleibt meistens unklar. Selbst wenn jedes Los gewinnt, sind die meisten "Gewinne" praktisch Nieten, Dinge, die keiner braucht, die billig sind, die meistens vermutlich nicht einmal eingeloest werden, oft noch an zusaetzliche Bedingungen geknuepft, z.B. Rabatte oder Gutscheine, die zu ihrer Einloesung einen Mindestkaufwert benoetigen, oder aehnliches. Am Ende gewinnt immer nur der Hersteller dieser Lose, denn anderenfalls wuerde er solche Aktionen gar nicht anbieten.
markus_wienken 17.05.2019
2.
Zitat von NewspeakSolche Aktionen sind doch im Grunde auch nichts anderes als Betrug. Der Kunde wird mit dem Versprechen eines hohen Gewinns dazu verleitet, ein Produkt zu kaufen. Wieviele tatsaechlich etwas gewinnen, bleibt meistens unklar. Selbst wenn jedes Los gewinnt, sind die meisten "Gewinne" praktisch Nieten, Dinge, die keiner braucht, die billig sind, die meistens vermutlich nicht einmal eingeloest werden, oft noch an zusaetzliche Bedingungen geknuepft, z.B. Rabatte oder Gutscheine, die zu ihrer Einloesung einen Mindestkaufwert benoetigen, oder aehnliches. Am Ende gewinnt immer nur der Hersteller dieser Lose, denn anderenfalls wuerde er solche Aktionen gar nicht anbieten.
Quatsch. Dieses Gewinnspiel ist kein Betrug. Es gibt auch kein Versprechen eines hohen Gewinns. Es gibt nur die Möglichkeit eines hohen Gewinns. Auch interessant zu lesen, dass Sie genau wissen was niemand braucht...woher nehmen Sie Ihre Weisheit? Und ja, es gibt auch Aktionen die an zusätzliche Bedingungen geknüpft sind, wird das vorab sauber kommuniziert ist es auch kein Betrug. Und sicherlich wird sich der Hersteller von diesen Aktionen/Gewinnspielen einen Mehrwert versprechen, auch daran ist nichts verwerfliches zu erkennen.
freejack75 17.05.2019
3. Fehldesign
Da hat man wieder an der falschen Stelle gespart. Eine ordentliche IT Lösung mit kryptografisch starken pseudozufälligen Codes und dazu zugeordneten Gewinnen vermeidet sowas. Braucht natürlich Expertise und Ressourcen.
Henson 17.05.2019
4. Wieso wird das nicht verfolgt
Es werden doch auch Ladendiebstähle von einem Euro verfolgt. Warum denn das nicht.
tuvalu2004 17.05.2019
5. Nicht zu glauben
Zitat: "Das ist eine Schummelei, die möglicherweise den Tatbestand des Betrugs erfüllen könnte", sagt der Experte für Internetrecht. Es gebe zwar einen Schaden, es sei aber fraglich, ob so eine Tat als strafwürdiges Verhalten oder eher als Bagatelle ausgelegt werde. "Ich bezweifle, dass die Staatsanwaltschaft Einzelfälle wegen einer Kühltasche verfolgt", sagt Metzler." Und Arbeitnehmer wegen ein paar Cent in liegengelassenen Flaschenbons entlassen und vor Gericht Recht bekommen. Oder Studenten wegen Containern verurteilen. Hey, eine Kühltasche zu klauen oder Betrug zu begehen ist aber okay.
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