Apple, Facebook, Netflix und Co. Was mit Online-Accounts nach dem Tod passiert

E-Mails, Fotos, Filme und das Streaming-Abo: Hinterbliebene müssen sich im Todesfall auch um das digitale Erbe kümmern. Die Diensteanbieter stellen sich aber quer, wenn kein Nachlassverwalter bestimmt wurde.
Social-Media-Apps: »Die warten darauf, bis sie jemand verklagt«

Social-Media-Apps: »Die warten darauf, bis sie jemand verklagt«

Foto: OLI SCARFF / AFP

Wenn Menschen sterben, geht es beim Erbe längst nicht mehr nur um Geld, Aktien und Immobilien, sondern auch um Daten. Im Todesfall müssen sich die Erben fragen, was mit Fotos auf dem Handy passiert, ob E-Mail-Konten gelöscht und der Instagram-Kanal in einen Gedenkzustand versetzt werden soll.

Immerhin rund 40 Prozent der Deutschen haben laut einer Studie des Branchenverbands Bitkom ganz oder teilweise geregelt, was mit ihren Daten nach dem Tod passiert. Das ist eine gute Idee. Denn wer nach einem Todesfall im persönlichen Umfeld bei den Onlinediensten anklopfen muss, stößt in der Regel auf Widerstand.

Apple ermutigt mit dem aktuellen Mobilbetriebssystem iOS 15.2 die Nutzerinnen und Nutzer dazu, ihre Nachlassverwalter zu bestimmen. Wer für die Account-Übernahme nach dem Tod ausgewählt wird, bekommt einen Schlüssel zugeschickt, um als Erbe auf die persönlichen Daten in der iCloud zugreifen zu können. Dazu zählen unter anderem private Nachrichten, Fotos und Notizen. Drei Jahre lang kann der Erbe oder die Erbin die Daten sichern, dann wird der Apple-Account dauerhaft gelöscht.

Doch wie gehen andere Diensteanbieter mit dem Tod von Nutzerinnen und Nutzern um? Wir haben uns angeschaut, was mit Filmen, Videospielen und Spotify-Abos im Todesfall passiert – und wie man sein Onlinetestament vorbereitet.

Was passiert im Todesfall mit Accounts bei Facebook, Google, Instagram und Twitter?

Die großen Anbieter haben vorgesorgt für den Fall, dass eine Nutzerin oder ein Nutzer stirbt. Im sozialen Netzwerk Facebook etwa kann man zu Lebzeiten festlegen, dass der Account nach dem Tod dauerhaft gelöscht wird. Außerdem lässt sich ein Nachlasskontakt aus der Freundesliste bestimmen, der im Todesfall den Account verwalten kann. Diese Person kann das Konto in einen Gedenkzustand versetzen, damit vor dem Namen des Verstorbenen der Zusatz »in Erinnerung an« erscheint. Außerdem darf die Person eine Statusmeldung zur Gedenkfeier platzieren und das Profilbild ändern. Wurde kein Nachlassverwalter erstellt, bleibt nur der Weg über das Kontaktformular.

Bei Instagram wird das Konto auf Wunsch eingefroren oder komplett gelöscht. Bei Twitter gibt es noch weniger Optionen. Hinterbliebene können Twitter lediglich darum bitten, dass der Account entfernt wird. Twitter verlangt dazu »Informationen zur verstorbenen Person, eine Kopie deines Personalausweises und eine Kopie der Sterbeurkunde der verstorbenen Person«.

Auch wer nach dem Tod eines Google-Nutzers auf dessen E-Mails und Dokumente im Cloudspeicher zugreifen will, muss sich auf bürokratische Hürden einstellen. »Unter bestimmten Umständen können wir auch Zugriff auf Inhalte im Konto eines verstorbenen Nutzers gewähren«, heißt es bei Google. Eine Garantie gibt es nicht.

Warum dürfen Nachlassverwalter nicht auf private Facebook-Nachrichten zugreifen?

Das ist ein heikles Thema. Eltern eines toten Mädchens mussten jahrelang vor Gericht dafür kämpfen, um die Facebook-Nachrichten ihrer Tochter zu lesen. Sie hatten keine Login-Daten ihrer Tochter und wandten sich daher mit der Bitte an das Unternehmen, die Chats für sie freizugeben. Doch Facebook verweigerte die Anfrage mit dem Verweis auf die Privatsphäre der Tochter und ihrer Freundinnen und Freunde.

Die Mutter zog vor Gericht. Der Bundesgerichtshof entschied fünfeinhalb Jahre später, dass Facebook die Chats für die Eltern freigeben muss. Das Urteil gilt aber nicht grundsätzlich. Selbst wer im Vorfeld einen Nachlassverwalter bei Facebook bestimmt, muss davon ausgehen, dass die Nachrichten für die Hinterbliebenen tabu bleiben. »Das Urteil interessiert die US-Konzerne nicht«, sagt Anwalt Christoph Roland Foos im Gespräch mit dem SPIEGEL. »Es wird oft nicht umgesetzt.«

Sollte ich den Nachlass für Onlineplattformen frühzeitig regeln?

Ja. Denn ansonsten wird es für die Hinterbliebenen kompliziert. Angehörige müssen zunächst einmal herausfinden, wo der Verstorbene überall Profile angelegt hat und dann auch noch passende Passwörter suchen. Das kann eine sehr mühsame Aufgabe sein. »Es lohnt sich, den digitalen Nachlass zu Lebzeiten zu regeln«, sagt Foos.

Verbraucherschützer empfehlen, eine Tabelle mit allen Onlineprofilen, Zugangsdaten und Anweisungen wie »Account löschen« oder »Fotos sichern« anzulegen. Diese Liste sollte beispielsweise auf einem USB-Stick gespeichert oder in einem Ordner abgeheftet werden und an einem sicheren Ort wie in einem Safe beim Notar hinterlegt werden. Die vorher bestimmte Nachlassverwalterin sollte den Ablageort kennen und mit einer Vollmacht beauftragt werden, sich nach dem Tod um die Accounts zu kümmern. Dabei sollte berücksichtigt werden, dass möglicherweise das Smartphone der Verstorbenen für eine Zwei-Faktor-Authentifizierung nötig ist.

Können digitale Filme und Lieder vererbt werden?

Es kommt darauf an. Wer Videos und Lieder als Dateien ohne Kopierschutz auf der Festplatte gespeichert hat, kann sie einem Erben hinterlassen. Downloads ohne Digital Rights Management (DRM) gehen in den Nachlass über, sowie CDs, Schallplatten oder DVDs. Wenn Filme oder Musik allerdings an einen Account geknüpft sind, dann sieht das anders aus. Gekaufte Filme bei Amazon, Apple und Co. sind fest mit dem Account verknüpft. Die Nutzungserlaubnis verfällt mit dem Tod.

Das sollte eigentlich anders laufen, findet Foos: »Es gibt keinen Grund, warum digitale Spiele, Lieder und Filme nicht vererbt werden sollten. Die Anbieter müssten die digitalen Inhalte eigentlich auf die Accounts der Erben überschreiben.« In der Praxis passiere das aber nicht, weil sich Unternehmen aus den USA nicht mit der Frage auseinandersetzen wollten. Anfragen des Erbrechtsexperten bleiben meist unbeantwortet. »Die warten darauf, bis sie jemand verklagt.«

Das im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) geregelte Erbrecht ist Anwälten keine große Hilfe. »Das BGB ist eine geniale Konstruktion und ein Exportschlager, aber es hält oft nicht Schritt mit modernen technischen gesellschaftlichen Entwicklungen«, sagt Foos. Darin seien noch »Regelungen für den Auszug eines Bienenschwarms und dessen Verfolgung« hinterlegt. Beim digitalen Erbrecht sieht es hingegen düster aus. »Man fühlt sich manchmal sehr machtlos.«

Wie sieht es mit Videospielen aus?

Wenn Spiele auf einer Blu-Ray oder einem anderen Datenträger gespeichert sind, geht der Titel in den Nachlass über. Auch Spiele ohne Kopierschutz wie Downloads vom Onlineportal »GOG« gelten als Erbmasse. Sobald die Videospiele allerdings über einen Online-Account gekauft worden sind, dann wird die Sache kompliziert.

Die Anbieter sind für Todesfälle nicht gerüstet und halten sich bedeckt, wenn es ums Erbe geht. Auf Anfrage des SPIEGEL wollen Sony, Microsoft und Valve sich nicht dazu äußern, ob gekaufte Titel im Playstation-Store, im Xbox-Store oder bei Steam vererbt werden können. Zumindest in China scheint allerdings Bewegung in das Thema zu kommen. Der Internetkonzern Tencent hat im Sommer offenbar ein Patent angemeldet, um digitale Einkäufe an das Konto eines Erben zu übertragen.

Was passiert mit Abos bei Amazon, Netflix, Spotify und Co. nach dem Tod?

Abos bei Streaminganbietern wie Amazon, DAZN, Netflix, Sky und Spotify laufen nach dem Tod einer Nutzerin oder eines Nutzers einfach weiter. Das heißt, dass auch weiterhin Geld vom Konto abgebucht wird. Die Erben sollten also möglichst schnell reagieren, um Verträge zu kündigen. Viele Dienste bieten dafür ein Kontaktformular an, um mit Sterbeurkunde, Erbschein und Personalausweis den Vertrag mit einem Sonderkündigungsrecht vorzeitig zu beenden und das Konto löschen zu lassen.

Doch bis die Unterlagen da sind, verstreicht meist viel Zeit. »Einen Erbschein gibt es erst im Anschluss an das Nachlassverfahren«, sagt Foos. »Das kann gut und gerne ein halbes Jahr dauern.« Die Zahlungen lassen sich nur rasch stoppen, wenn man sich mit den Daten der Verstorbenen anmeldet. Das Problem: In den meisten Nutzungsbedingungen ist genau das verboten. »Ich rate aus der Praxis dennoch dazu«, sagt Foos. Letztendlich habe man keine andere Wahl. »Ich hätte als Anwalt keinen Skrupel, mich beim Netflix-Account des Verstorbenen anzumelden und das Abo zu kündigen.«

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