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Markus Böhm

Epic Games gegen Apple Es geht um die »Fortnite«-Millionen und die Apple-Milliarden

Markus Böhm
Ein Netzwelt-Newsletter von Markus Böhm

Liebe Leserin, lieber Leser,

»Fortnite: Battle Royale«: Dieser Titel dürfte vielen beim Namen Epic Games als Erstes einfallen. Er steht für knallbunte Onlinegefechte, für Tänze, die zu Torjubeln wurden, und für überteuerte Spielfigurenkostüme, ebenso für hitzige Diskussionen zwischen Eltern und Kindern, ob es jetzt nicht langsam genug ist mit alledem.

Epic Games ist aber mehr als nur »Fortnite«. Das Unternehmen produzierte legendäre Shooter wie »Unreal Tournament« und stellt Entwicklern seit Jahren die Unreal Engine zur Verfügung, das technologische Rückgrat vieler Videospiele. Außerdem betreibt es den Epic Games Store. Berühmt-berüchtigt ist dieser Onlinemarktplatz für PC-Spiele einerseits für Exklusiv-Veröffentlichungen zulasten anderer Marktplätze, anderseits dafür, dass er seine Nutzer mit geschenkten Spielen geradezu überschüttet. Epic nimmt und Epic gibt.

In der Welt der Videospiele hat die US-Firma aus Cary in North Carolina also schon lange einen tiefen Fußabdruck hinterlassen. Am heutigen Montag startet im kalifornischen Oakland nun ein Gerichtsverfahren, mit dem Epic Games die Grundfesten der Techwelt erschüttern könnte.

Mit mehreren Milliarden »Fortnite«-Einnahmen von Konsolen, PCs und Handys im Rücken hat sich das Unternehmen vergangenen Sommer nämlich mit Apple und dessen Regeln angelegt. Die besagen, dass Entwickler dem Unternehmen bei In-App-Käufen übers iPhone 15 bis 30 Prozent der Einnahmen überlassen müssen. »Apple tax«, Apple-Steuer, nennen Kritiker das.

Epic Games und Apple: In dem Prozess werden auch die Chefs beider Firmen zu Wort kommen

Epic Games und Apple: In dem Prozess werden auch die Chefs beider Firmen zu Wort kommen

Foto: DADO RUVIC / REUTERS

Epic Games stellt jene »Apple tax«, die in seinem Fall 30 Prozent beträgt, mit einer Klage auf die Probe, in der Hoffnung, sie künftig umgehen zu können. Denkbar wäre das etwa in Form eines eigenen Stores für iOS-Geräte oder – was schon eher realistisch ist – einer neuen Option, so etwas wie die »Fortnite«-Digitalwährung direkt an iOS-Nutzer verkaufen zu können, ohne dass Apple jedes Mal daran mitverdient.

Das Verfahren ist somit ein Kampf darum, ob es okay ist, dass Apple bei Verkäufen über iPhone-Apps die Hand aufhält – und zugleich einer, der Signalwirkung weit über iOS hinaus haben könnte. Denn auch andere Plattformbetreiber wie Google, Microsoft, Nintendo und Sony setzen auf Provisionen von je nach Inhalt bis zu 30 Prozent.

Ein Erfolg von Epic Games, in welcher Form auch immer, könnte Apples hochprofitables App-Geschäft ins Wanken bringen, das dem Konzern bei vergleichsweise geringem Eigenaufwand pro Jahr geschätzt eine zweistellige Milliardensumme  in die Kasse spült. Es geht in Oakland also um die »Fortnite«-Millionen (auf iOS soll Epic Games mit dem Spiel binnen zwei Jahren gut 700 Millionen Dollar verdient haben), aber genauso um Apples lukrative Machtposition im Smartphone-Business, die derzeit auch Firmen wie Spotify unter Beschuss nehmen.

»Fortnite«, das Epic Games auf Spielkonsolen wie der Playstation 4 und der Xbox One noch viel mehr Geld eingebracht hat als auf iOS-Geräten , war im August aus Apples App Store geflogen. Epic Games hatte damals eine Digitalwährungs-Kauffunktion innerhalb des Spiels freigeschaltet, die Apples Ökosystem umschiffte. Das Ganze war ein wohlkalkulierter Verstoß gegen Apples Vorgaben, mit dem sich die Firma geschickt in die Rolle des Geschädigten brachte, aus der heraus sie nun auch vor Gericht auftreten wird.

Verglichen mit Google, das unter Android den Play Store betreibt, bietet der App Store noch mehr Angriffsfläche. Denn wer eine iOS-App zur Installation anbieten und darüber In-App-Käufe abwickeln will, kommt am Apple-Marktplatz und der »Apple tax« nicht vorbei. Auf Android-Geräten dagegen lassen sich Apps auch jenseits des Play Store anbieten (was Epic Games nicht davon abhielt, neben Apple auch Google zu verklagen ).

»Fortnite«-Spielstationen auf einer Messe: Das Spiel zählt zu den populärsten Online-Games überhaupt

»Fortnite«-Spielstationen auf einer Messe: Das Spiel zählt zu den populärsten Online-Games überhaupt

Foto: JEON HEON-KYUN/EPA-EFE/Shutterstock

Wir, der ach so spieler- und entwicklerfreundliche Underdog, nach dessen Ansicht niemand zu viel zahlen müssen sollte, gegen das Riesenunternehmen, das der Welt seine unfairen, eigennützigen Spielregeln aufzwingt, so inszeniert das zuletzt mit rund 29 Milliarden Dollar bewertete Epic Games den Konflikt.

Apple dagegen, mittlerweile mehr als zwei Billionen Dollar wert, wird betonen, dass seine Rolle als Hüter des App Store und der In-App-Käufe wichtig ist, um die Nutzer vor Betrugsversuchen, aber auch Schadsoftware zu bewahren. Vorwürfe, es missbrauche eine Monopolstellung, wird Apple damit kontern, dass es neben iOS auch noch Android gibt und dass »Fortnite« auch auf anderen Plattformen spielbar ist. Zudem kann das Unternehmen darauf verweisen, dass Epic Games auch an Sony, Nintendo und Microsoft 30-Prozent-Gebühren abdrückt – ohne öffentliches Gezanke. (Epic Games selbst verlangt von PC-Spiele-Entwicklern in seinem Store übrigens zwölf Prozent Gebühr.)

Der Prozess, der gegen 19 Uhr deutscher Zeit startet, dürfte bis zum Monatsende dauern, Richterin Yvonne Gonzalez Rogers wird dabei auch auf die Firmenchefs Tim Sweeney und Tim Cook treffen. Auch Vertreter von Microsoft, Nvidia und der Tinder-Mutterfirma Match Group sind als Zeugen geladen, was die Dimension des Streits unterstreicht. Wer auch immer sich durchsetzt: Die unterlegene Seite dürfte die Entscheidung anfechten, schließlich geht es um etwas Grundsätzliches. Und vor allem um sehr viel Geld.

Fremdlinks: Drei Tipps aus anderen Medien

  • »Handy weg – was nun?«  (vier Leseminuten)
    Wussten Sie, dass Sie Ihre Kontaktdaten auf dem Sperrbildschirm eintragen können? Und kennen Sie eigentlich Ihre IMEI? Helge Hoffmeister hat bei Süddeutsche.de Tipps gesammelt, die helfen, wenn man sein Handy verloren hat. Mancher Handgriff, der in so einer Situation einen Vorteil bringt, ist aber schon vor dem Verlieren nötig.

  • »OMR #378 mit Thomas Panke (Held der Steine)«  (Podcast, 66 Minuten)
    Thomas »Held der Steine«  Panke ist sowohl Webstar als auch Einzelhändler. Auf Twitch spielt er Videospiele, auf YouTube setzt er sich kritisch-unterhaltsam mit Bausteinsets auseinander – und in seinem Laden in Frankfurt am Main verkauft er ebensolche. Im Interview mit Philipp Westermeyer von Online Marketing Rockstars (OMR) spricht Panke über sein kompliziertes Verhältnis zu Lego und darüber, wie er online und offline sein Geld verdient.

  • »›Deepfake‹ that supposedly fooled European politicians was just a look-alike, say pranksters«  (Englisch, fünf Leseminuten)
    Vergangene Woche ging es in unserem Newsletter um Abgeordnete, die per Videochat mit jemandem sprachen, den sie für den Nawalny-Mitarbeiter Leonid Wolkow hielten. Klar war im Nachhinein nur: Die Person in den Calls war nicht der echte Wolkow. Jetzt hat »The Verge« das weltweit beachtete Mysterium aufgeklärt – und mein Kollege Patrick Beuth hat mit seiner Einschätzung, dass die Theorie von einem aufwendigen Echtzeit-Deepfake wahrscheinlich nicht stimmt, recht behalten.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche

Markus Böhm

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