Netzwelt-Ticker iPhones und Umwelt, Bankenwarnung, Thunderbird-Ende
Greenpeace-Aktivisten als iPhones verkleidet (Mai 2012): Retina-Geräte sind schwer zu recylen
Foto: DPA/ Greenpeace/ George NikitinDer Computer- und Software-Hersteller Apple wird sich künftig mit keinem Produkt mehr um die "Epeat"-Umweltplakette bewerben - damit stehen für das Unternehmen aus Cupertino lukrative Aufträge aus dem US-Bildungssektor und von amerikanischen Behörden auf dem Spiel. Epeat, kurz für Electronic Product Environmental Assessment Tool, gilt in den USA neben dem Energy Star als wichtigstes Aushängeschild für eine nachhaltige, faire, umweltfreundliche Produktion von elektronischen Verbrauchsgütern.
Seit 2007 schreibt eine Anordnung des damaligen US-Präsidenten George W. Bush vor, dass zumindest 95 Prozent der elektronischen Geräte von US-Behörden dem Umweltstandard Epeat und 100 Prozent aller Computer und Monitore dem Standard Energy Star entsprechen müssen. US-Bildungseinrichtungen sind zwar freier in ihrer Entscheidung und müssen sich, zumindest nach bundesweiten Richtlinien, nicht an solchen Umweltstandards orientieren - haben sich aber oft einer entsprechenden Selbstverpflichtung verschrieben.
Epeat selbst kommentiert den Apple-Abgang lakonisch: "Wir bedauern, dass Apple nun keine Produkte mehr bei Epeat einreicht," heißt es auf der Website der Organisation, "wir hoffen, dass sie sich irgendwann in der Zukunft wieder anders entscheiden." Im "CIO Journal" des "Wall Street Journal" aber legt Epeat-Chef Robert Frisbee nach: Apple habe mitgeteilt, "dass deren Design-Ausrichtung nicht mehr mit den Epeat-Voraussetzungen übereinstimme. Sie waren wichtige Unterstützer, und wir sind enttäuscht, dass sie ihre Produkte nicht mehr an diesem Standard messen wollen."
Tatsächlich steht Apples neuste MacBook-Reihe in zentralen Punkten im Widerspruch zu den Anforderungen von Epeat in Sachen Reparierbarkeit und Nachhaltigkeit: Die neuen "Retina"-Geräte sind schwer zu reparieren und zu recyclen. Geht ein Bauteil kaputt, muss oft das ganze Gerät ausgetauscht werden, erklären etwa die Mac-Experten von "iFixit". Fraglich, ob Apple überhaupt eine Epeat-Auszeichnung dafür bekommen hätte.
Aber geht es Apple tatsächlich darum, potentiell schlechte Presse durch einen Epeat-Ausstieg vorwegzunehmen? Vielleicht ist das eine neue Machtprobe des Computerkonzerns, ein Versuch, einen eigenen De-facto-Standard zu schaffen. Das Thema Umwelt ist Apple zumindest offiziell wichtig, das zeigen schon das "Environment"-Portal und die -Kategorien auf jeder Mac-Produktseite (nur im US-Angebot). Um im amerikanischen Bildungsbereich erfolgreich zu sein, muss ein Elektronik-Hersteller entweder eine Umwelt-Auszeichnung tragen - oder selbst für die Umweltverträglichkeit bürgen. Vielleicht ist das Apples neuster Versuch, noch mehr Kontrolle über die Herstellung der eigenen Produkte an sich zu reißen - und trotzdem in den Genuss öffentlicher Aufträge zu kommen.
Enisa warnt die Banken
Die EU-Sicherheitsagentur Enisa warnt vor Sicherheitslücken beim Online-Banking: Die gezielten, automatisierten und professionellen Angriffe auf die Onlinekonten von Firmen und Hochvermögenden, die IT-Sicherheitsfirmen jüngst aufgedeckt haben (PDF-Datei, 1,2 MB), sollten von der Bankenbranche als Warnung aufgefasst werden.
Die Enisa empfiehlt den Banken, sicherheitshalber davon auszugehen, dass alle Nutzer-PC mit Banking-Malware infiziert seien. Sie sollen Hardware zum Onlinebanking besser absichern und sich zusammentun, um die Kontroll-Server der Malware auszuschalten. Klar, dass die Enisa diese Kooperationen einfädeln könnte, auch hinsichtlich der Zusammenarbeit mit nationalen Internet-Feuerwehren (CERTs) und Behörden.
Mozilla setzt Thunderbird vor die Tür
Das kostenlose, quelloffene E-Mail-Programm Thunderbird wird künftig nicht mehr von der Mozilla Foundation weiterentwickelt. In einem Blog-Eintrag erklärt die Mozilla-Vorsitzende Mitchell Baker, dass die Verbesserung des leistungsfähigen, aber stets etwas vernachlässigten Programms nicht mehr ins Aufgabenprofil der Open-Source-Organisation passe. Die Thunderbird-Entwicklung sei im Grunde ein Reinfall gewesen: zu wenig Entwickler, ein Scheitern beim Einbau moderner Kommunikationsmittel, und tolle Fortschritte habe es nur bei den Übersetzungen gegeben.
Klar ist: Mozilla braucht alle freie Entwickler-Energie, um sich im Bereich der Browser und Online-Betriebssysteme zu rüsten. Dort tobt gerade ein heftiger Konkurrenzkampf. Vor allem Googles Chrome-Browser gewinnt im Eiltempo Marktanteile.
Mozilla werde zwar weiterhin Sicherheits-Updates und Hilfestellungen für die Entwickler anbieten, sich aber nicht mehr an der Fortentwicklung Thunderbirds beteiligen. Sprich: Wer neue Funktionen für sein Lieblings-Mail-Programm will, muss sie selbst programmieren - oder darauf hoffen, dass jemand, der des Programmierens mächtig ist, sich an die Umsetzung macht.
Das ist nicht unrealistisch: So ist zum Beispiel "Postbox Inc." genau so ein Versuch, aus dem nicht-kommerziellen Thunderbird ein modernes, funktionsreiches, kommerzielles E-Mail-Programm zu machen. Zumindest den Postbox-Entwicklern, allesamt auch Thunderbird-Entwickler der ersten Stunde, kommt die Mozilla-Ankündigung deswegen gerade recht. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE erklärt Postbox-Chef Sherman Dickman, dass man längst unabhängig geworden sei von den immer rarer werdenden Thunderbird-Neuerungen: "Die Features, die Postbox intuitiv und einzigartig machen, wurden vom Team selbst entwickelt." Auf seiner Facebook-Site macht er nun Werbung für Wechsler, quasi: Postbox ist das Thunderbird, das es jetzt niemals geben wird. Nur, dass es ein kostenpflichtiges Produkt ist.
Klar ist: Postbox-Entwicklungen werden wohl kaum den Weg zurück finden in den nun von Mozilla freigestellten Thunderbird.
Was am Montag sonst noch in der Netzwelt wichtig war:
- US-Mobilfunkanbieter werden mit staatlichen Anfragen nach Offenlegung von Verbindungsinformationen und Hilfestellungen für Lauschangriffe geradezu überrannt, schreibt die "New York Times": 1,3 Millionen Anfragen im letzten Jahr zu Textnachrichten, Ortungsdaten und anderen Informationen.
- Google hat eine Aktion für die Gleichberechtigung alternativer Liebesformen und Sexualitäten gestartet: "Legalize Love" soll in Ländern, in denen Menschen mit einer bestimmten sexuellen Ausrichtung oder Identität staatlich diskriminiert werden, für mehr Gleichberechtigung sorgen, etwa bei der Eheschließung. Den Anfang macht Google in Polen und Singapur. "Das ist ganz offensichtlich eine sehr ambitionierte Aufgabe," sagte Google-Mitarbeiter Mark Palmer-Edgecumbe dem Blog "Dot429".
- Die USA wollen das Militärgefängnis "Guantanamo Bay" mit einer neuen Hochgeschwindigkeitsverbindung ans Internet anschließen. Für 40 Millionen Dollar sollen die 169 Insassen und bis zu 10.000 Angestellten, Mitarbeiter, Auftragnehmer besser surfen, kommunizieren und sich vernetzen können.
- Von Microsoft ist zu hören , dass Windows 8 wie erwartet im Oktober 2012 erscheint.