ARD/ZDF-Internetstudie Mit 66 Jahren fängt das Surfen an

Seit das Gros der Bevölkerung unter 50 Jahren online ist, sind Steigerungsraten in der Internet-Nutzung fast nur noch von Senioren zu erwarten. Die enttäuschen die Erwartungen nicht - und holen kräftig auf. ARD und ZDF entdecken darin "eine große Chance".

Die Zahlen differieren und schwanken kräftig, ihr Trend aber ist eindeutig: Egal, wer da forscht, findet seit Jahren einen kräftigen Zuwachs in der Internet-Nutzung durch Senioren. Das liegt zum Teil an den Erhebungsmethoden, zum Teil daran, dass der Begriff nicht eindeutig ist: Für Werber sind die web-affinen Älteren bis 70 Jahre so genannte Silver Surfer oder Best-Ager, erst danach zählen sie als Senior - und gelten damit als für den hippen Werbemarkt verloren. Manche Untersuchung hält 50-Jährige für Senioren, manch andere erst Menschen ab dem Rentenalter. Manche Statistiken zählen gern jeden, der schon einmal einen Rechner gesehen hat, als vernetzt, andere setzen regelmäßigere Nutzung voraus.

Alle aber sehen die Silver Surfer im Aufwind. So weiß das Marktforschungsunternehmen Nielsen Netratings, dass im Zeitraum zwischen Anfang 2006 und Mitte 2007 schon vier von fünf Netzneulingen über 50 Jahre alt waren. Kein Wunder, die anderen sind ja schon online: In jüngereren Zielgruppen werden Onliner-Quoten von rund 90 Prozent erreicht. Trotzdem waren einer Umfrage vom Ende letzten Jahres zufolge 2007 erstmals mehr Menschen über 60 Jahre im Internet unterwegs (5,1 Millionen) als Jugendliche unter 20 (4,9 Millionen). Auch das ist kein Wunder - es gibt hierzulande mehr Rentner als Jugendliche.

Kein Wunder ist auch, dass sich die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF für solche Zahlen interessieren: Auch ihr Durchschnittszuschauer in der Welt des Fernsehens ist über 60 Jahre alt. Seit geraumer Zeit suchen die ÖRs ihr Publikum verstärkt auch online.

Jetzt legten ARD und ZDF ihre aktuelle, seit 1997 jährlich durchgeführte Studie zur Internet-Nutzung vor. Ihr Befund: Die Alten kommen - und alle gehen immer öfter online, um dort Videos zu sehen. Helmut Reitze, Intendant des Hessischen Rundfunks und Vorsitzender der ARD/ZDF-Medienkommission, entdeckt darin "eine große Chance für die Mediatheken des öffentlich-rechtlichen Rundfunks", wie es in einer ARD-Presseerklärung heißt. Reitze wörtlich: "Neben unseren linearen Programmen in Radio und Fernsehen spielen Audios und Videos auf Abruf im Internet eine immer größere Rolle. Wir verfügen über hochwertige Inhalte, die wir unserem Publikum auch in Zukunft zeitunabhängig und mit einer Fülle von Zusatzinformationen bereitstellen können."

Was zwar den statistischen Anstieg der Internetnutzung durch Ältere in keiner Weise erklärt, aber der öffentlich-rechtlichen Sache dient: In zwei Tagen beraten die Ministerpräsidenten unter anderem darüber, was ARD und ZDF künftig online erlaubt werden soll. Dabei geht es nicht zuletzt um die umstrittenen Mediatheken. Dass die Sender bei der Veröffentlichung ihrer aktuellen Studie zum einen ihre Kernzielgruppe, zum anderen ihr derzeitiges Lieblingsprojekt so einmal mehr in die Diskussion bringen, ist kaum zufällig, letztlich aber legitim: Für seine Anliegen zu Trommeln gehört zum Geschäft.

Internet-Nutzung: da steigt noch was

Die Zahlen sind trotzdem beeindruckend, der Markt ist offenbar noch nicht gesättigt: Fast jeder Dritte (29,2 Prozent) der 60- bis 79-Jährigen ist demnach online. Im Jahr zuvor waren es in dieser Altersgruppe erst 25,1 Prozent. Das Gros der Internet-Nutzung entfällt dabei aber nach wie vor auf die untere Hälfte des erfassten Alterssegments. Schon im letzten Jahr beobachtete die Onliner-Studie über 64 Prozent der 50- bis 59 -Jährigen beim Surfen - nach oben fällt die Quote dann deutlich.

Doch auch insgesamt stieg die Internet-Verbreitung in Deutschland weiter an. 42,7 Millionen Bundesbürger ab 14 Jahren (65,8 Prozent) nutzen das Netz - fast zwei Millionen mehr als im vergangenen Jahr.

Beflügelt wird die rasante Entwicklung von der steigenden Nachfrage nach multimedialen Anwendungen im Internet: 55 Prozent (2007: 45 Prozent) aller Onliner rufen der Studie zufolge Videos ab und schauen live oder zeitversetzt Fernsehsendungen im Internet.

Die Studie verweist hier auf Videoportale und Mediatheken, wobei deren Nutzung allerdings noch immer marginal sein dürfte: In Deutschland fehlt es im Gegensatz zu den USA nach wie vor an attraktiven, legalen und kostenlosen Möglichkeiten. Illegale oder zumindest unlizenzierte gibt es dagegen zuhauf: Größter Popularität erfreuen sich bei jüngeren Zielgruppen Film- und TV-Streaming-Angebote.

Während Video gewinnt, verliert Audio im Web an Wichtigkeit: Audiofiles wie Musikdateien, Podcasts und Radiosendungen im Netz werden von 35 Prozent (2007: 37 Prozent) genutzt. Das steigende Interesse an Videos im Netz reflektiert auch die Verbindungstechnik der Anwender: Mittlerweile verfügen 70 Prozent der Online-Nutzer über einen DSL/Breitband-Anschluss (2007: 59 Prozent). Bei der repräsentativen Studie wurden im April und im Mai dieses Jahres insgesamt 1802 Bundesbürger befragt.

pat/AP

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