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02. Oktober 2017, 19:13 Uhr

Attentat in Las Vegas

Die Fake-Flut

Findet irgendwo auf der Welt ein Anschlag statt, tauchen in den sozialen Netzen wenig später Falschmeldungen zum angeblichen Täter und vermeintlich Vermissten auf. Auch nach den Morden in Las Vegas kursieren Fake-Bilder.

Die Eilmeldungen zu den Schüssen in Las Vegas waren kaum rausgegangen, da ging es schon los mit den Falschmeldungen. Unter anderem über Twitter machten schnell Unwahrheiten die Runde - etwa, dass mehrere Täter an dem Attentat beteiligt waren. Oder, dass es sich bei dem Täter um einen bestimmten Islamisten gehandelt habe.

Ein Twitter-Nutzer verbreitete eine Fotomontage mit einem Bild, auf dem ein Mann mit Gewehr zu sehen ist. "Breaking News" steht dort drauf - der Schütze sei identifiziert worden. 32 Jahre sei er alt und zum Islam konvertiert.

Tatsächlich zeigt das Bild den Komiker Sam Hyde - viele machen sich einen Spaß daraus, nach Attentaten und Anschlägen Bilder von ihm als Täter zu verbreiten. "Fake News. Hör auf damit", schreibt ein Nutzer als Antwort unter den Tweet.

Nach Ereignissen wie diesen ist die Praxis, falsche Bilder zu teilen, durchaus verbreitet - sei es, um Verwirrung zu stiften oder Aufmerksamkeit zu erheischen. Neben Bildern von vermeintlichen Tätern werden auch Fotos von angeblichen Vermissten gepostet, oft handelt es sich dabei um Internet-Stars.

Oft erreichen die Nutzer damit ein breites Publikum: Im oben erwähnten Fall hat der Account bloß 17 Follower; der Tweet wurde allerdings mehrere Hundert Male geteilt und geliked.

Der vermeintlich Tote gab per Videobotschaft Entwarnung

Für Ärger sorgt in solchen Fällen immer wieder ein Twitter-Account mit dem Namen jack sins. Wer sich dahinter versteckt, weiß man nicht - dass es sich um einen Fake-Account handelt, sehr wohl. Das verrät schon das Profilbild. Das nämlich zeigt den YouTuber Review Brah, dessen YouTube-Kanal TheReportOfTheWeek mehr als 400.000 Abonnenten hat.

Sein Bild war schon nach dem Attentat von Manchester missbraucht worden, wurde zusammen mit anderen auf einer Übersicht angeblich vermisster Personen gezeigt. Das Gerücht, Review Brah sei bei dem Attentat umgekommen, hielt sich so hartnäckig, dass der vermeintlich Tote per Videobotschaft Entwarnung gab.

Einen ähnlichen Fake-Post hat nun wieder jack sins veröffentlicht. Zu dem Foto eines Mannes schreibt er, sein Vater werde nach den Schüssen von Las Vegas vermisst, man möge seinen Tweet doch bitte teilen und retweeten. Der Schmu flog allerdings schnell auf, weil jack sins nicht das Foto irgendeines Unbekannten, sondern den Pornodarsteller Johnny Sins zeigt, der wohl einigen Twitter-Nutzer bekannt ist (der Tweet wurde mittlerweile gelöscht).

Vom Magazin "Mashable" per Chat nach seinem Motiv für solche Fake-Posts befragt antwortete jack sins, er mache das wegen der Retweets und es tue ihm auch leid. Er würde es allerdings wieder tun.

Immer wieder kommt es aber auch zu ungewollten Fakes. So wie in dem Fall eines Tweets, in dem jemand die Nachrichtenmeldung zitierte: "Familie des Attentäters musste aus Libyen fliehen, weil er 'Regimegegner' war". Dieser Tweet wurde nun im Zusammenhang mit Las Vegas falsch retweetet, worauf der ursprüngliche Urheber eindringlich hinwies. Denn sein Ursprungs-Tweet stammte aus dem Mai, bezog sich damals auf einen ganz anderen Fall.

Gerade in den ersten unübersichtlichen Stunden nach einem Ereignis kann es schwierig sein, wahre von falschen Informationen zu unterscheiden. Nutzer sollten die Nachricht stets auf Plausibilität prüfen und kurz prüfen: Wo kommt die Nachricht her? Ist die Quelle vertrauenswürdig? Was ist das für ein Bild? Wie Sie Fake News erkennen, lesen Sie hier ausführlich:

Besondere Vorsicht ist geboten, bevor man als Nutzer ein Bild, einen Tweet oder ein Posting teilt und dadurch weiterverbreitet. Wie gefährlich in der aufgeheizten Stimmung nach einem Anschlag die Verbreitung eines falschen Fotos sein kann, lässt sich kaum unterschätzen.

Nicht zuletzt zeigen solche Vorfälle auf schrecklich eindrucksvolle Weise, wie schnell und wirksam jedes Bild im Netz missbraucht werden kann. Und trotz aller Bemühungen: Oft sind Fake News kaum noch einzufangen. Nicht selten nämlich wird eine falsche Information tausendfach geteilt; die Richtigstellung erreicht aber erfahrungsgemäß nur noch einen Bruchteil der Leute - wenn überhaupt.

Sind auch Ihnen in den sozialen Netzwerken beliebte Artikel begegnet, bei denen es sich um Falschmeldungen, bewusste Panikmache, Übertreibungen oder verdrehte Fakten handeln könnte? Geben Sie uns per E-Mail gern einen Hinweis: antifakenews@spiegel.de

mak/juh

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