Ausgleich Kasparow gibt auf

Die so druckvoll vorgetragene Attacke Garry Kasparows tropfte am stoisch mauernden Schachcomputer Junior ab. Die Analysen verschoben sich Stück für Stück zugunsten des Rechners. Dann ein spektakulärer Fehler Kasparows, und binnen weniger Züge war seine Lage aussichtslos: Das Match ist bei 1.5 zu 1.5 wieder völlig offen.


Unter Druck: Garry Kasparow
REUTERS

Unter Druck: Garry Kasparow

So kann sich das Bild verändern: Zwei Stunden lang dominierte Kasparow das Spiel, drängte und drückte, spielte gewagt auf Gewinn. Zeitweilig sah Junior einfach nur schlecht aus, doch im Mittenspiel begann sich das Blatt zu wenden. Kasparows Wucht lief aus: Stoisch verteidigte Junior seine Position - und mit einem Mal sah man auch von ihm auch gewagtere Varianten.

In der Mitte der 20er-Züge erschien das Bild weitgehend ausgeglichen, und Junior stellte sich zunehmend offensiver auf. Kasparow fehlte nun zunehmend die Zeit, seine Züge gründlich zu überdenken, immer schneller wurden die Züge. Würde es erneut zum Remis kommen?

Der 32. Zug markierte einen weiteren Wendepunkt, der Kasparow mit einem Mal in die Densive zwang: Der als impulsiv bekannte Großmeister ließ einige Flüche hören, als er eine Offensiv-Möglichkeit Juniors schlicht übersah. Der Rechner hingegen nicht: Erstmals schaffte der es, den weißen König direkt zu bedrohen. Kasparow hatte einen Zug übersehen, der zum Schachmatt geführt hätte.

Nun versuchte Kasparow, ein Endspiel zu erreichen, das vielleicht doch noch zum Remis hätte führen können. Doch zum ersten Mal standen alle Wetten gegen ihn: "Es wäre ein Wunder", kommentierte Mig Greengard, einer der Kommentatoren, "wenn er dieses Spiel noch retten könnte!"

Doch Kasparow schaffte kein Wunder: Vier Züge weiter war für ihn mit nur 2 Minuten Restzeit auf dem Konto nicht nur die Uhr abgelaufen, sondern die Lage auch aussichtslos: Kasparow gab auf!

Damit ist das Match wieder völlig offen, und die Voraussetzungen für einen Erfolg von Deep Junior stehen weit besser, als noch vor wenigen Stunden gedacht: Stärker spielt Junior auf Weiß, und Weiß ist seine Farbe in zwei der drei noch verbleibenden Partien. Kasparow, der mit dem Schaukampf gegen den Computer selbst unter Beweis stellen wollte, dass der menschliche Geist der Maschine noch immer überlegen ist, steht nun gehörig unter Druck.

Weiter geht's am Sonntag, wieder ab 21.30 Uhr MEZ: Das Match von New York, das so einseitig begann, wird zusehends zum Krimi.

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