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08. Juni 2011, 16:32 Uhr

Automatische Bilderkennung

Facebooks Gesichtskontrolle empört Datenschützer

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Facebook hat eine neue Funktion freigeschaltet - und kassiert dafür wütende Proteste. Seit dieser Woche bietet das Netzwerk einen Service an, der Nutzern beim Markieren von Personen auf Fotos helfen soll. Was in den USA längst Alltag ist, sorgt hier für Kritik bei Datenschützern.

Hamburg/Berlin - Der Facebook-Vorgänger, den Mark Zuckerberg einst zusammengebastelt hatte, war ein Verzeichnis von Porträtfotos. Die Nutzer bekamen jeweils zwei davon angezeigt und sollten abstimmen, wenn sie attraktiver finden - Facemash hieß der Service, eine Harvard-Version von "Am I Hot or Not?". Die Bilder hatte er sich von den Websites der Wohnheime zusammengesucht - ohne vorher zu fragen. Dafür gab es einigen Ärger.

Acht Jahre später, Facebook ist mittlerweile das größte soziale Netzwerk der Welt, gibt es wieder Kritik. Diesmal sorgt eine eigentlich praktische Funktion in Deutschland und Europa für Ärger, die automatisch Personen auf Bildern erkennen und Profilen zuordnen soll.

Und so funktioniert die Gesichtserkennung: Lädt man ein neues Foto hoch, wird es mit den eigenen Facebook-Freunden abgeglichen. Glaubt das Programm, ein Gesicht zu erkennen, schlägt es vor, diese Person auf dem Bild zu markieren. Wer diese Markierung sehen darf, lässt sich in den Privatsphäre-Einstellungen festlegen - und wer nicht markiert werden will, kann die Markierung mit einem Klick entfernen.

Facebook erläutert, mit Hilfe der sogenannten Tags solle man sich in größeren Bildersammlungen besser zurechtfinden - oder auch sich selbst auf Bildern von Freunden entdecken. Nutzer hätten sich immer wieder beschwert, dass sie diese Namens-Markierungen bei jedem Bild neu eintragen müssten. Jetzt kann die Software bereits beim Hochladen eines Fotos automatisch bereits bekannte Personen erkennen und dem Nutzer entsprechende Namens-Tags vorschlagen.

In den USA ist diese Funktion seit Dezember aktiviert, nun wurde sie in den "meisten" Ländern freigeschaltet, auch in Deutschland. Allerdings ohne den Facebook-Mitgliedern vorher Bescheid zu sagen - und die Gesichtserkennung ist natürlich standardmäßig eingeschaltet. Am Dienstag vermeldete nur ein dürres Update im offiziellen Blog den Massenscan, eine deutsche Übersetzung der knappen Zeilen folgte erst am Mittwoch.

Da hatten etliche Facebook-Nutzer längst reagiert, schimpften auf die Informationspolitik des Unternehmens und erklärten, wie man es verhindern kann, für eine Markierung auf einem Foto vorgeschlagen zu werden. "Wieder einmal scheint es, dass Facebook die Online-Privatsphäre seiner Nutzer heimlich untergraben hat", schrieb Analyst Graham Cluley im Unternehmensblog der Sicherheitsfirma Sophos am Mittwoch. Marc Rotenberg, Präsident der gemeinnützigen Interessengruppe Electronic Privacy, kritisierte, dass Facebook-Mitglieder nicht die Möglichkeit hätten, selbst zu entscheiden, ob sie den neuen Service nutzen wollten oder nicht.

Der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar sagte am Mittwoch auf Anfrage, dass er auf datenschutzfreundliche Voreinstellungen gehofft hatte. "So, wie das System geregelt ist, ist das für den Nutzer intransparent", sagte Caspar. "Mit dieser Technik wird eine neue Ebene betreten - wo endet das? Werden demnächst auch Freunde von Freunden miteinbezogen? Da gibt es keine verlässlichen Regelungen."

Automatische Gesichtserkennung ist inzwischen technisch einfach, wegen möglicher Folgen für Datenschutz und Persönlichkeitsrechte aber umstritten. Datenschützer warnen immer wieder vor Programmen, die auch Unbekannte identifizieren können. Der Internetkonzern Google hat eine automatische Gesichtserkennungs-Technologie für Android-Handys entwickelt, hält sie aber wegen Datenschutz-Bedenken zurück - mit Google Goggles lassen sich nur Gegenstände und Bauwerke automatisch erkennen.

Die Google-Bildbearbeitungssoftware Picasa erkennt hingegen Gesichter. Auch Apple bietet in dem Programm iPhoto eine solche Funktion an. Bei iPhoto können Nutzer allerdings vorab entscheiden, ob sie diesen Service nutzen wollen oder nicht. Beide Dienste erlauben es auch, Fotos im Netz zu veröffentlichen - bei Apple funktioniert das allerdings nur, wenn man zahlender Kunde des Online-Datendienstes Mobile Me ist.

Facebook hat sich mittlerweile entschuldigt: "Wir hätten es den Menschen deutlicher machen sollen, dass ihnen die Funktion jetzt zur Verfügung steht", teilte das Unternehmen am Mittwoch mit.

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