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25. Juni 2013, 11:01 Uhr

Autorip-Programm

Amazon verschenkt jetzt MP3s

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Amazon startet einen Frontalangriff auf Apple. Ab heute liefert der Internethändler mit vielen CDs, Kassetten und Platten die MP3s gleich mit. Das sogenannte Autorip-Programm ermöglicht sofortige digitale Bedürfnisbefriedigung. Ein Wendepunkt im Musikgeschäft.

Hamburg - Die Geschichte der digitalen Musik ist die Geschichte eines Kampfes. Er begann mit der Erfindung von Napster - und erreicht seinen vorläufigen Endpunkt mit dem Dienst, den Amazon am Dienstag (25. Juni) in Deutschland einführt. Für 500.000 CDs, Kassetten und Vinylplatten gilt ab sofort: Wer das Produkt erwirbt, bekommt die digitalen Versionen der darauf enthaltenen Inhalte kostenlos dazu. In MP3-Form, in hoher Qualität (256 KB/s), ohne Kopierschutz. Wer seit 1999 bei Amazon Musik gekauft hat, die zum Katalog des sogenannten Autorip-Programms gehört, bekommt dafür rückwirkend MP3s in seinen Amazon-Cloudspeicher geladen. Wer also schon länger Amazon-Kunde ist, wird womöglich Geschenke vorfinden, wenn er sich das nächste Mal in seinen Account einloggt.

Viele Jahre lang haben die großen Plattenfirmen gegen genau diese Art von Digitalisierung gekämpft. Sie haben sich Kopierschutzmechanismen ausgedacht, die dafür sorgen sollten, dass man eine CD eben nicht einfach rippen und in eine MP3-Datei umwandeln kann. Sony verteilte zu diesem Zweck zeitweilig sogar heimlich Software, sogenannte Rootkits, was von IT-Sicherheitsexperten als gefährlicher, ja feindseliger Akt interpretiert wurde. Manche Käufer stellten fest, dass neu gekaufte CDs in manchen Playern nicht liefen, weil der Kopierschutz das verhinderte. Dann ließ iTunes es standardmäßig zu, dass man eine CD rippt und in seine Bibliothek integriert, aber zunächst auch wieder nur in kopiergeschützer Form. Und jetzt: MP3s gibt es gratis dazu.

"Born to Die" und "Born to Run"

Man könnte auch sagen: Die Tech-Riesen, allen voran Apple und Amazon, haben den Machtkampf mit der Musikbranche gewonnen. Der für das Autorip-Programm bei Amazon verantwortliche Manager Steve Boom sagt auf Nachfrage: "Ich weiß nicht, ob wir das vor fünf Jahren hätten machen können". Man habe die Branche aber nicht zwingen müssen, jetzt mitzumachen, versichert Boom: "Die Labels mögen das Programm, weil zum ersten Mal seit langer Zeit jemand den tatsächlichen Besitz von Musik wertvoller macht." Künstler wiederum schätzten das Programm, weil es mehr Käufer dazu verleite, ganze Alben zu erwerben statt einzelner Songs.

Für all jene, die Musik noch auf Datenträgern kaufen, ist das Angebot verlockend: Die Musik ist sofort da, auch wenn das Album auf dem Postweg noch ein paar Tage braucht. Und sie ist sofort auf allen Geräten, vom Smartphone über den Rechner bis zum Tablet, verfügbar. "Wir nehmen den Kunden das lästige Rippen der CD ab", sagt Boom. Gerade in Deutschland ist dieser Markt nach wie vor hochrelevant: Hierzulande wird dem Bundesverband Musikindustrie zufolge immer noch 80 Prozent des Umsatzes mit Musik auf Datenträgern erzielt.

Früher hätten Musikmanager diese Art von Vereinfachung für eine Wertminderung, ja für irrsinnig gehalten: Schließlich waren es in ihrer Wahrnehmung vor allem die via Napster, Morpheus, Kazaa und Co. verteilten MP3-Dateien, die ihrer Branche Umsatzeinbußen bescherten. Einige der Labels bestanden offenbar auch darauf, den Amazon-MP3s digitale Wasserzeichen hinzuzufügen - so dass sie in einer Tauschbörse wiederzuerkennen und womöglich zur Quelle rückverfolgbar sind.

500.000 CDs - aber das sind eben bei Weitem nicht alle

Das zweite, wohl gewichtigere Zugeständnis an die Branche ist der Umfang des Katalogs: 500.000 CDs, Platten und Kassetten sind eine Menge, aber weit weniger als das Weltgedächtnis aller Tonträger. Amazon selbst bietet nach eigenen Angaben über fünf Millionen CDs und Schallplatten sowie über 27 Millionen MP3-Songs an. Das Autorip-Angebot umfasst also nur einen Bruchteil des Gesamtkatalogs.

Unter den Autorip-Angeboten sind allerdings durchaus aktuelle Titel - das neue Black-Sabbath-Album ebenso wie das von Daft Punk, das La-Brassa-Banda-Album ebenso wie "Delta Machine" von Depeche Mode. Unter den älteren Autorip-Alben ist beispielsweise "Blood Sugar Sex Magik" von den Red Hot Chili Peppers, "21" von Adele und "Born to Die" von Lana del Rey. Der Katalog reicht aber weiter zurück, etwa bis "Born to Run" von Bruce Springsteen und "Blonde on Blonde" von Bob Dylan.

Alle großen Labels und Hunderte Indie-Labels seien an Bord, sagt Boom - aber eben nicht mit allem, was sie anzubieten haben.

Dennoch ist Amazons neues Angebot ein Frontalangriff auf Apple: Ein Autorip-Käufer bekommt für sein Geld - in Abhängigkeit vom Albumpreis, versteht sich - tendenziell mehr als ein iTunes-Kunde. Das Ziel ist klar: Es geht nicht nur darum, Käufer für Musik und Hörbücher zu werben, sondern auch darum, Kunden aus Apples Datenwolke in die Amazon-Cloud zu locken. "Es ist ein toller Weg für uns, Kunden zum Wechsel zu bewegen", sagt Boon freimütig. Ob Apple sich zu dem Programm in irgendeiner Weise geäußert habe? "Naja", sagt Boom, "sie verkaufen keine Platten, also können sie wenig machen."

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