Avatar ade Wer weint schon um Robert T-Online?

Nie wieder soll Deutschlands wohl quälendste Werbung Augen, Ohren und Hirnzellen der Konsumenten malträtieren. Robert werde bald gelöscht, steckten indiskrete T-Manager der "Wirtschaftswoche". Jetzt dementiert der rosa Riese. Zeit für einen Nachruf, vielleicht klappt's dann doch noch.

Von


Robert T-Online, wie man ihn kennt und fürchtet

Robert T-Online, wie man ihn kennt und fürchtet

Man möchte mit Howie "Dann geh doch!" rufen, oder "Dampf ab!", "Schieß in den Wind!" oder "Na endlich!", aber das wäre taktlos und auch wenig objektiv. Aber an Robert scheiden sich die Geister, wie an sonst kaum einer Werbung: Während TV-Deutschland beispielsweise alle Ferrero-Werbung in brüderlicher Einigkeit und aus tiefstem Herzen hasst, soll Robert sogar Fans haben. All denen sei angeraten, an diesem Punkt nicht weiterzulesen: Es gibt so viele schöne Orte im Web, die man stattdessen besuchen kann.

Alle anderen bleiben offenbar, um das lang ersehnte Ableben Robert T-Onlines gebührend zu feiern. Das wäre zwar verständlich, aber trotz der Ankündigungen durch Manager der rosa T-Firmen wahrscheinlich verfrüht. Denn nun dementiert der Mutterkonzern und teilt uns mit: alles Unsinn.

Das Dementi an sich ist ja eine Art Reflex übergangener Chefs, wie wir alle wissen: Wenn da einer vorprescht und die Katze aus dem Sack oder den Robert hinein lässt, dann muss das natürlich dementiert werden. Dabei wäre das vielleicht noch nicht einmal nötig.

Denn als werbeerfahrene Menschen des TV-Zeitalters wissen wir doch auch, dass spätestens in zwei, drei Jahren sowieso das Revival droht, irgendein DJ Mirfällsonstnixein einen Sommerhit auf ihn stampfen wird (Kernzeile: "Ro-Ro-Rooohobäääährt!", und alle zwischen Ibiza und Bulgarien wedeln mit den Armen), Robert T-Online also letztlich doch noch das wird, als was man ihn seit drei Jahren verkaufte: Kult.

"Ro-Ro-Rooohobäääährt!"
T-Online

"Ro-Ro-Rooohobäääährt!"

Erst seit Beginn des Jahrtausends zappelt, stottert, ruckelt und nervt der bunte Robert werbend über die Ma-Ma-Mattscheibe. Wer jetzt das Gefühl hat, das könne nicht stimmen und Robert penetriere unseren häuslichen Frieden mindestens seit Äonen, der hat begriffen, was einen Redakteur dazu treibt, solche Nachrufe zu schreiben.

Roberts Geschichte

"Geboren" wurde Robert in der Werbeagentur Citigate SEA anlässlich des Börsenganges von T-Online im Frühjahr 2000. Über die Geschichte seiner Herkunft gehen die Meinungen allerdings etwas auseinander: Sowohl Citigate als auch T-Online verwahren sich beispielsweise gegen die seltsame Theorie, Robert sei ein möglicherweise unehelicher, höchstwahrscheinlich aber irgendwie unauthorisierter Sohn oder Klon von Max Headroom.

Diese Avatar-Figur aus einer amerikanischen Science-Fiction-Serie sieht dem Robert zwar frappant ähnlich, zuckt, ruckelt, stottert genau wie er und griff sich auch schon 1987 ganz Robert-typisch an die Krawatte,

Nicht verwandt: Robert sieht Max Headroom nur zufällig frappant ähnlich

Nicht verwandt: Robert sieht Max Headroom nur zufällig frappant ähnlich

doch all das ist Zufall. Robert war und ist ganz und gar originell und original, was schon allein die Tatsache beweist, dass Max Headroom öfter eine Sonnenbrille trägt als Robert. Außerdem ist Robert viel bunter und hat was mit Telefonen zu tun.

Mit Telefonen?

Aber ja, und genau das soll nun angeblich zu seiner überfälligen Exekution führen.

Denn Robert erweichte nicht nur das Hirn aller Zuschauer, die es nicht rechtzeitig zum Kühlschrank schafften, er weichte auch an den Rändern auf. Neben T-Online nahm auch T-Com, eine weitere der Töchter der T-elekom, Robert in die Pflicht, um für deren T-DSL-Anschlüsse zu werben.

Eigentlich klar, denn ohne Kabel keine Daten: Das Internet ist zwar irgendwie im Computer, wie wir dank der Boris-Becker-Kampagne für AOL wissen, aber andererseits auch irgendwie nicht. Es muss erst durch den Stecker und das Leitungsnetz - außer, es funkt - und erst dann ist man drin.

Hickhack einer Familie in formaler Trennung

Gefunkt hat es anscheinend auch bei den gelegentlichen Familientreffen der Werbefachleute der völlig autonomen, voneinander weitestgehend entfremdeten T-elekom-T-öchter. Die stritten sich um Strategien und Markenkerne und wer für was stehe und wie und womit man dafür werben solle. Nicht mehr mit Robert T-Online, berichtete die "Wirtschaftswoche", denn der ist den T-Marken dermaßen gemein, dass man fast den Eindruck haben könnte, die hätten etwas miteinander zu tun. Und das geht natürlich nicht.

Also werde die Trennung vollzogen, Robert der Strom abgedreht. "Der wird hier keine Rolle mehr spielen", knurrte ein Sprecher der T-Com gegenüber der "Wirtschaftswoche", als sei das ein Racheakt, und "hochrangige Manager" von T-Online bestätigten, dass sie mit dem schrillen Robert künftig auch nichts mehr am Hut haben wollten. Alles gar nicht wahr, heißt es dagegen aus dem Mutterhaus Telekom, das das besser weiß als die Töchter, "grundsätzlich" halte man an Robert fest.

Dreifaltig-, nicht Einigkeit

Ausgedient: Für welche T-Firma stand Robert T-Online noch?
PR

Ausgedient: Für welche T-Firma stand Robert T-Online noch?

Dabei haben die Robert-müden Töchter gute Argumente, denn T-Online sah durch den gleichzeitigen Werbeeinsatz für T-Com seinen Markenkern gefährdet.

Das muss man erklären: Wenn Robert für DSL-Anschlüsse (T-Com) warb, hätte ja jemand glauben können, die bekäme man bei T-Online. Da bekommt man aber nur Online-Stunden über T-DSL, während man das T-DSL selbst bei T-Com kaufen müsste, wenn T-Online nicht so nett wäre, das mit der Schwester abzuklären. Prinzipiell aber könnte man sich durchaus bei T-Com einen DSL-Anschluss kaufen, der dann gar kein T-Online-Anschluss wäre. Nur für Flatrates verweist T-Com dann wieder an die T-Schwester, weil die ja nun mal damit handelt. Da hat das eine mit dem anderen aber auch gar nichts tun.

Verständlich also, dass beide Töchter mit der Aufweichung ihres Robert nicht so glücklich waren - vor allem auch, weil der ja immer mehr zum Synonym für die T-elekom wurde, die Konzernmutter, obwohl die mit ihm ja nun schon gar nichts zu

tun hat. Da verliert man schon mal den Überblick, obwohl es doch so leicht wäre, sich Klarheit zu verschaffen: Einfach "www.robert-t-online.de" eingegeben und losgesurft - und schon weiß man, zu wem der wirklich gehört (und auch die Töchter).

Und wer weint? Wo seid Ihr, Fans?

Sorry: gehörte, denn er ist so gut wie tot, und das ist - frei nach Wowereit - auch gut so, meinen alle, aber wirklich alle Beteiligten (außer vielleicht die Telekom, bis sie nicht mehr beleidigt ist). Der Kerl hat zwar einen "deutlich zweistelligen" Millionenbetrag gekostet, uns aber auch unendlich viel Nerven.

Auch bei der verzweifelten Suche nach Robert-Fans im Internet - man ist ja immer um Ausgleich bemüht - wurde der findige Redakteur nur einmal fündig: Da wollte ein "SpookyMulder" seinen Freunden in den USA einmal Werbefilme von "diesem Supertyp" zeigen und suchte in einem Forum nach entsprechenden Filmchen. Doch niemand im Forum kannte eine Downloadadresse, nur die Screensaver der Telekom.

Die ließ sie längst verschwinden, und so wurde Spooky enttäuscht. Oder etwa nicht?

Aktuelle Startseite des Satiremagazins "Titanic": Schlechte Werbung schreit nach Häme

Aktuelle Startseite des Satiremagazins "Titanic": Schlechte Werbung schreit nach Häme

Eine Nachfrage im Forum enttarnte das Fan-Begehren als blanke Ironie: "Wenn ich könnte", schrieb Spooky, "würde ich jedesmal meinen Fernseher aus dem Fenster schmeißen." Das mit dem Herumzeigen in den USA, fand daraufhin "Wolfgang", sei sowieso eine Schnapsidee: "Das unterstützt nur gewisse Vorurteile und bringt noch mehr Investoren in USA dazu, ihre Telekom- bzw. T-Online- Aktien möglichst schleunigst auf den Markt zu werfen..."

Wer, fragt man sich ob solcher Gefühlskälte, weint um Robert? Wir auch nicht: Ruhe Robert und lass uns in Frieden.

P.S. Inzwischen kommt Klarheit in die Geschichte: Ein Sprecher der T-Com bestätigte in Berlin, dass man Robert nicht weiter nutzen wolle, was bei T-Online in Darmstadt aber niemand kommentieren wollte. In Berlin (T-Com) wußte man allerdings, dass man Robert in Darmstadt (T-Online) weiter nutzen werde. Ob man das auch schon in Bonn (Telekom) weiß, ist nicht ganz klar.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.