Bequemer klauen Was hat Sharman mit KaZaA vor?

Ein Unternehmen, das etwas auf sich hält, ist stets um die Verbesserung seiner Produkte bemüht. So auch KaZaA, was die leidtragende Musikindustrie jedoch nicht freut. Dabei mehren sich die Zeichen, dass die P2P-Börse vor dem Schritt in die Kommerzialität steht - oder vor dem Showdown.

KaZaA ist fraglos zurzeit die populärste P2P-Börse im Internet. Die Herzen der "Gemeinde" hängen am "Esel", dem eDonkey, die Hoffnungen mögen auf WinMX ruhen - aber die schieren Zahlen sprechen für den Software-Client des notorisch unpopulären Unternehmens Sharman. Seit bekannt ist, dass dieses einen Teil seines finanziellen Heils durch Bespitzelung der eigenen Nutzerschaft sucht, einen anderen dadurch, die Rechner der Nutzer für irgendwelche ungeklärten Dinge einzuspannen, ist Sharmans Stern nicht gesunken, sondern längst zum Schwarzen Loch kollabiert.

Doch Sharman ficht der Unmut der User nicht an.

Am FastTrack-Netzwerk, das die Firma vom wunderschönen Vanuatu aus betreibt, ist kaum ein Vorbeikommen. Wenn den Napster-Mannen danach war, jemanden zu beeindrucken, dann meldeten sie so rasch ansteigende wie schwer überprüfbare "Kundenzahlen" bis zu fast 70 Millionen Usern. FastTrack hat davon derzeit vielleicht 200 bis 250 Millionen, aber wirklich wissen kann das niemand.

Status Quo: KaZaA ist eine Macht in der Musikwelt

Nutzernamen im FastTrack-Netz sind Schall und Rauch, jeder kann sich beliebig viele nehmen. Was man unter dem Strich aber weiß, reicht, um den Verantwortlichen der Musikindustrie den kalten Angstschweiß auf die Stirn zu treiben: Die Nutzerzahl steigt und steigt unaufhörlich. Seit etwa vierzehn Tagen ist wieder eine Grenze gefallen, und zu fast jedem gegebenen Zeitpunkt tummeln sich satt über drei Millionen Nutzer im Netzwerk. KaZaA ist mächtig in einer Industrie, zu der das Unternehmen eigentlich gar nicht gehört: Bisher ist das aus Sicht der Branche eine rein destruktive Macht.

Da kommt Freude auf, und alle Sabotageversuche verpufften bisher fast wirkungslos. Auch und gerade die der Industrie, die mit ihren Stördateien und "Hackermethoden" rechtlich noch auf ähnlich wackeligem Grund operiert, wie Sharman mit der Börse.

Denn was in Sachen P2P verboten ist und was nicht, das hängt teils von der Geographie, teils von der Interpretation des jeweiligen Gesetzes ab. In Deutschland etwa ist das Anbieten von Dateien bei KaZaA (Upload) ein relativ klarer Verstoß gegen das Urheberrecht, der Download von Dateien aber möglicherweise nicht: Da streiten sich noch die Rechtsexperten.

Sprich: Juristisch ist Sharman zumindest schwer zu fassen - zumal Vanuatu bisher darauf verzichtet hat, Rechtshilfeabkommen mit anderen Staaten zu schließen. Im Klartext: Dort kann man nicht nur das Steuerzahlen einstellen, man kommt dafür noch nicht einmal hinter Gitter.

Gretchenfragen: Was will, was tut, was plant KaZaA?

Mit entsprechendem Misstrauen beobachtet nicht nur die Industrie KaZaA, sondern auch die eigene Nutzerschaft die Börse. Sharman, das weiß man seit Anfang dieses Jahres, legt seinen Usern Kuckuckseier auf die Rechner, über die nicht ganz geklärte Datenströme abgewickelt werden. Von Datenschnüffelei ist da die Rede, aber auch von einer Form von Distributed Computing a la SETI: Sharman, heißt es, erlaube zahlenden Kunden die Nutzung von Rechnerkapazitäten im P2P-Netzwerk. Angeblich ist das der Kern des Refinanzierungsplans. Paranoiker sehen, allen gegenteiligen Beteuerungen von Sharman zum Trotz, in ihren Rechnern schon kleine Waschmaschinen - für Gelder ungeklärter Herkunft.

Doch zum Glück gibt es ja die liebe Gemeinschaft der Hacker dieser Welt, die die vermeintlichen Datendiebe, Musik-, Programm- und Filmhehler dreist um die Früchte ihrer Arbeit bringen: Mit "KaZaA Lite" kursiert ein Stück Software, das einfach nur den KaZaA-Client um seine Schnüffel- und Zusatzprogramme kastriert. Kein Mensch weiß, wie viele der jederzeit drei Millionen Nutzer im fastTrack-Netzwerk inzwischen in Wahrheit "Lite"-Nutzer sind. In Deutschland darf man davon ausgehen, dass es die Mehrheit ist: Hier zu Lande ist Sharman so zu sagen nur noch Gast im ehemals eigenen Netzwerk. Der Service ist mittlerweile aber auch klasse: die gehackte Version KaZaA Lite 2.0 folgte der Veröffentlichung des "offiziellen" Software-Clienten im Abstand von noch nicht einmal zwölf Stunden.

Das wäre - aus Perspektive des P2P-Betreibers - durchaus nicht unproblematisch, wenn es Sharman wirklich auf Werbung und Distributed Computing ankäme. Wenn Sharman allerdings nur darauf abzielte, eine möglichst große, "kritische" (Verhandlungs-) Masse zu gewinnen, könnten den Betreibern die Lite-Nutzer völlig egal sein.

Dick heißt mächtig: Auch wer P2P nicht will, kommt nicht mehr dran vorbei

Sharman spekuliert - ganz wie weiland Napster - darauf, durch das bloße Gewicht des FastTrack-Netzwerkes im Verbund mit geldwerten Dienstleistungen, die Sharman der Industrie offerieren will, einen Status der Kommerzialität und der Legalität zu erreichen. Mit großem Presse-Tamtam verweist das sonst sehr leise Unternehmen Sharmann dann darauf, dass justamente der Telekommunikationsdienstleister Tiscali KaZaA per offiziellen Deal zum verhandlungsfähigen Geschäftspartner adelte. Und das im hellen Sonnenlicht.

Im Dezember darf Sharman erstmals im vollen Rampenlicht der Öffentlichkeit die Hosen herablassen, was das Netzwerk eigentlich vorhat: Dann stehen Sharman-Anwälte erstmals in den USA Anwälten der Musikindustrie gegenüber. Offenbar hat Sharman beschlossen, bis zu diesem Zeitpunkt die eigene Position im Hinblick auf eine eventuelle außergerichtliche Einigung weiter zu verbessern. Durch subtile Veränderungen der Software bindet Sharman die Nutzer des FastTrack-Netzes in einer Art "Treue-Belohnungssystem" noch stärker ein und forciert zugleich das Tauschaufkommen.

Programmversion 2.0 ist in vielerlei Hinsicht anders: Der Client kann mehr als je zuvor, diszipliniert und bindet die Nutzer, erhöht die Datentauschraten - und bereitet den Schritt zum Kommerz-KaZaA vor. Der wird entweder ein gewinnbringender Daten-Parasit - oder die Tauschbörsen der Industrie ersetzen. Weiter...

KaZaA 2.0: Das bedeuten die Änderungen

Damit - mitgefangen, mitgehangen - teilt Sharman auch das Risiko stärker auf unter den Nutzern: Bisher gab es neben äußerst aktiven Dateianbietern, die seit einiger Zeit akut Abmahnungs-gefährdet sind, immer auch eine schweigsame Mehrheit der Nur-Downloader. Die dürfen sich künftig auf Frust gefasst machen.

Denn mit der Programmversion 2.0 führt KaZaA die Vorfahrtregelung für Fleissige ein: Wer viel anbietet oder viele Dateien sichtet und bewertet - derzeit das einzige Gegenmittel gegen die Sabotagedateien der Industrie - kommt in den Genuss schnellerer Downloads und verkürzter Wartezeiten in Warteschlangen. Nutzer, die nur downloaden, ohne selbst Dateien anzubieten, dürfen dagegen künftig Spinnweben kultivieren und sich in (kostspieliger) Geduld üben. Das gilt auch - typisch FastTrack-Netzwerk - für alle Nutzer der alten Programmversionen: Die werden durch Warte-Frust zum Upgrade getrieben.

Ein kluger Zug.

In dem Augenblick, in dem die Industrie damit beginnt, besonders fleißige Dateianbieter abzumahnen, hilft KaZaA diesen dadurch, dass es sie in der Masse verschwinden lässt, indem es alle zum aktiven Tausch motiviert. Als Gegenstück zu diesem kleinen Peitschchen darf der Zucker natürlich nicht fehlen: In der neuen Version sammelt KaZaA auch Playlists - und damit gesamte Alben - ein. Des weiteren im Angebot: Integrierte Virensuche, die Möglichkeit, mit "Skins" das Software-Interface selbst zu gestalten, unlimitierte Bitraten für DSL-Sauger und einiges mehr: Bequemer klauen mit KaZaA - und KaZaA Lite, versteht sich.

Das nächste Kuckucksei: Ein Abo?

Doch was vielen Kommentatoren eine Art Fehdehandschuh für die Industrie zu sein schien, könnte sich als genau das Gegenteil entpuppen: Deaktiviert schlummern in der KaZaA-Programmversion 2.0 die Funktionalitäten für einen ganz anderen KaZaA - einen "kommerziellen".

Der, sagt Sharman, werde sich durch erweiterte Features auszeichnen und dadurch, dass er werbefrei sein werde - das wars. Das kann man glauben, wenn man will, doch auch das Gerücht eines kommenden Abo-KaZaAs kursiert.

Das würde Sinn machen: Die kommerziellen Tauschbörsen der Musikindustrie fressen Geld und bringen wenig, ihr Image ist äußerst bescheiden, ihr Appeal kaum messbar. Zwar wagen erste Unternehmen, endlich bezahlbare Angebote zu machen, die nicht deutlich teurer sind, als der CD-Kauf im Laden. Doch davon, das Label "Attraktiv" tragen zu dürfen, sind selbst Dienste wie das deutsche Popfile noch meilenweit erntfernt.

P2P bietet mehr Musik, ist besser und billiger: Illegal? Scheißegal, denken sich täglich Millionen Nutzer.

KaZaA könnte der Industrie da durchaus Angebote machen, die man kaum ablehnen kann.

Das eigentümliche Netzwerk, das zwar keinen direkten Einfluss auf getauschte Daten nimmt, aber offenbar das "Supernode"-Routing innerhalb des Netzwerkes kontrolliert, das es erst möglich macht, dass sich die User gegenseitig finden, wäre wie dafür gemacht. Dass es zur Not nur wenig mehr als ein paar Knopfdrücke braucht, um das Protokoll des FastTrack-Netzwerkes zu verändern, hat Sharman im Frühjahr bewiesen: Da stürzte die bis dahin populärste P2P-Börse Morpheus über Nacht ins Vergessen, als Sharman ihr den Hahn abdrehte.

Als derzeit einzige P2P-Börse hätte KaZaA/Grokster wohl die Möglichkeit, das gesamte Geschäftsmodell über Nacht zu ändern und die Nutzer erst einmal mitzunehmen. Die müssten dann im Endeffekt über Abstinenz oder Opt-Out den Dienst bewusst verlassen - was Klassen besser ist, als erst um ein Abo werben zu müssen.

Das wäre ziemlich genau der feuchte Musikindustrie-Traum, den Bertelsmann einst mit Napster träumte, nur viel größer. Wie einst bei Napster stehen auch hinter Sharman nicht etwa cyberbewegte Musikfreaks, sondern eine Investment-Firma, die anonymen - Vanuatu sei Dank - Investoren Beteiligungen anbietet. Die wollen irgendwann nicht nur ihr Geld zurück, sondern auch kräftig Gewinne machen: Was hat Sharman mit KaZaA vor?

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