Sascha Lobo

#berlinattack 24 Stunden im deutschen Internet

Erbärmliche Reflexe, herzzerreißendes Mitgefühl, trotzige Selbstvergewisserung: Beobachtungen aus den sozialen Netzwerken nach dem Anschlag in Berlin.
Smartphone-Nutzer vor dem Brandenburger Tor

Smartphone-Nutzer vor dem Brandenburger Tor

Foto: CLEMENS BILAN/ AFP

Im Stahlgetwitter, 24 Stunden im deutschen Internet. Es ist immer zuerst Twitter, als dezentraler Privat-Nachrichtenticker und Privatnachrichten-Ticker, wo das Echo großer Geschehnisse auf die Öffentlichkeit kracht. Es reicht ein Stichwort und die Aufmerksamkeit des Publikums: Zwei Hashtags entstehen in Minuten, #breitscheidplatz und #berlinattack.

Die Erstreaktionen sind fast ein Grund zur Welthoffnung, weil sie so mitfühlend, so nah, so ehrlich schmerzerfüllt sind. Eine Viertelstunde lang. Dann wird die traurige Erschütterung auf Twitter ergänzt durch Wut auf die Mörder, und schon heißt die Crowd-Diagnose: Islamisten. Ein Weihnachtsmarkt als christliches Symbol, ein Lkw wie in Nizza, müssen Islamisten sein.

Auf Facebook meldet der "Safety Check" am Montagabend einen "Vorfall auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin", in einer unklaren Lage zunächst schon mit "Anschlag in Berlin" betitelt. Mit der Funktion für Katastrophenfälle kann man sich gegenseitig versichern, nicht betroffen zu sein. Das ist wie vieles bei Facebook zugleich hilfreich und eklig; hilfreich, weil es tatsächlich Sorgen lindern kann. Eklig, weil es eine Umkehr der Kommunikationslast bedeutet: Nicht die Betroffenen melden sich, sondern die Nicht-Betroffenen, also fast alle, das ergibt natürlich viel mehr Aufmerksamkeitsgetöse. Auf diese Weise kann man sich gerade durch seine Nicht-Betroffenheit irgendwie doch mitbetroffen fühlen.

Jemand schreibt verklausulierte Sätze, die im Klartext bedeuten: "Hoffentlich war es kein Flüchtling." Die Reaktionen lassen erkennen, dass er nicht allein ist mit dieser Hoffnung. Auch darin liegt eine merkwürdige Vorschnelle und ein wenig Egoismus: Hoffentlich erleidet mein Weltbild keinen Schaden. Und Hilflosigkeit, also das Gefühl, das Trauer und Wut verbindet. Solche Geschehnisse sind in sozialen Medien für alle politischen Lager Gelegenheiten, sich zu positionieren und sich zu vergewissern. Dafür braucht man keine Fakten, es reichen Symbole.

Gibt es eigentlich ein wehleidigeres Gequieke als die hilfsironische Formel "Danke, Merkel!", mit der Rechte und Rechtsextreme Angela Merkel die Schuld an wirklich allem zuschieben?

Das Timing ist die Botschaft

Ähnlich erbärmlich ist der Reflex, einem möglichen islamistischen Anschlag sofort rechtsextreme Anschläge gegenüberzustellen oder ihn durch amerikanische Invasionen oder irgendwas mit Israel zu relativieren. Rechtsextreme Gewalt ist ein riesiges Problem in Deutschland. Aber in sozialen Medien ist das Timing die Botschaft.

Auf subtilere Weise bekloppt: irgendeine quatschige Statistik nennen. Dass es viel wahrscheinlicher sei, beim Verzehr einer Essiggurke zu sterben als bei einem terroristischen Anschlag. Ja, danke, das wird den Angehörigen allergrößten Trost spenden. Solche quatschigen Statistikvergleiche taugen als pseudorationales Argument gegen die Emotionalität bei Anschlägen so viel wie das Foto eines Wagenhebers beim Reifenwechsel.

Seehofer merkelt mit und fordert via CSU-Twitter-Account, die Flüchtlingspolitik zu überdenken, noch bevor irgendetwas oder irgendjemand klar ist. Seehofer ist offenbar auch ein Gefühlsmedium, 2016 war "postfaktisch" Unwort des Jahres, 2017 wird es "präfaktisch", und manchmal ist beides bloß ein anderes Wort für populistische Bauchmeinung. Der Herausgeber der "Welt" tanzt auf Twitter leichtfüßig nicht den Mussolini, sondern den Gauland : "Warum wird ein Pakistani am 16. Februar 2016 in Deutschland als Flüchtling aufgenommen? Werden Muslime dort verfolgt?"

"War ja klar, die Muslime sind schuld!"

Eine merkwürdige Entwicklung: Bei nicht wenigen Äußerungen ist kaum zu erkennen, ob sie ironisch gemeint sind: "War ja klar, die Muslime sind schuld!" Sarkasmus oder Vorurteil? Solche Sätze sind sowohl auf rechten Seiten wie auch von Muslimen zu lesen. Wieder ein Hinweis darauf, dass in sozialen Medien der Kontext, das Timing, der Absender so essenziell sind.

Marcus Pretzell, AfD-Funktionär und Lebensgefährte von Frauke Petry, verfolgt eine neue, erkennbar von Trump inspirierte Twitter-Strategie: In emotionalen Situationen sollen "sorgfältig geplante Provokationen" der AfD andere Parteien und Medien zu heftigen Reaktionen verleiten. Das würde von der eigenen Klientel als Stigmatisierung gesehen, die wiederum das Profil der AfD schärfe. Das Papier hinter dieser Strategie  wurde am Montag, den 19. Dezember, verabschiedet. Die Erstanwendung erfolgt noch am Abend: "Es sind Merkels Tote!" Sie funktioniert glänzend.

Am Horizont das größte Problem politischer Kommunikation im Wahljahr 2017: Die rechte und rechtsextreme Gegenöffentlichkeit hat Empörungsjudo gelernt und verwandelt Kraft und Lautstärke des Gegners in eigene politische Energie.

Fotostrecke

Anschlag in Berlin: So reagiert Deutschland

Foto: Britta Pedersen/ dpa

Eine deutschsprachige Facebook-Seite, die vorgibt, gegen Muslimfeindlichkeit zu kämpfen, raunt schon mal vorsorglich Verschwörungstheorien in die Welt - zur Erklärung bisher ungeschehener Dinge: "…Es ist höchst unwahrscheinlich, dass wir je die ganze Wahrheit erfahren werden, denn der mutmaßliche Täter wird, wie in den meisten Fällen dieser Art, für immer zum Schweigen gebracht." Predictive Fake News, fast ein eigenes literarisches Genre. Um so wirksamer und wohltuender ist da die große Zahl der Muslime, die sich gegen Terrorismus aussprechen.

Ein Mann, der als Herkunft "Freiburg" angegeben hat, schreibt in zwölf Zeilen auf Facebook: "Passt mal auf, ihr Radikal-Spinner: Das hier ist Berlin. WIR sind Berlin." Dann ein paar witzig formulierte Gemeinplätze über Berlin sowie der Abschluss: "Angst vor euch?! Dream on, Pussies! Ihr könnt uns mal!" Es wird einige Zehntausende Male geteilt und geliket. Vermutlich, weil man sich nicht nur in Freiburg Berlin so herrlich-herzlich trotzig-rotzig vorstellt. Die im Posting vorgeturnte Haltung sagt mehr über die Gründe, warum Freiburger nach Berlin ziehen als über Berlin, aber es ist eine schöne, warmherzige Geste. Denn sie verbindet zwei Botschaften: Berlin ist, wer nach Berlin zieht. Und: Wir haben keine Angst.

Keine Angst! Sagen viele, aber es hört sich in der Masse an wie ein tausendstimmiger Chor der Waldpfeifer. Was wäre schlechter: Keine Angst vorzutäuschen, obwohl man Angst hat - oder zuzugeben, dass man vielleicht ein wenig doch auch getroffen sein könnte?

Steilvorlage für Rechtsextreme

Aus der einfachen Steilvorlage für Rechtsextreme - die bürgerkriegsähnliche Zustände geradezu herbeisehnen - macht Innenminister Klaus Bouillon eine doppelte: Zuerst spricht er von einem "Kriegszustand", dann rudert er zurück. Das Wort "Krieg" werde er nicht mehr benutzen. Sein Sinneswandel wirkt dabei nicht als sinnvolle Korrektur einer Überzogenheit in der Hitze des Moments, sondern wie auf Druck zustande gekommen. Die gesamte Aktion befeuert den Eindruck, dass man irgendwas "nicht mehr sagen darf". Bouillon (CDU) hätte sich auch gleich "Danke, Merkel!" auf den Oberarm tätowieren lassen können.

Die Polizei, das ist durchaus überraschend, gehört zu denjenigen Institutionen des Landes, die soziale Medien und vor allem Twitter am sinnvollsten und cleversten verwenden. Das war schon beim Amokanschlag in München so, beim Anschlag in Berlin ist es wieder so. Abends twittert die Berliner Polizei , dass die Öffentlichkeitsarbeit jetzt zentral von der Bundesanwaltschaft gesteuert werde und deshalb vorerst keine weiteren Tweets kommen. Finden alle schade; hier kollidieren amtliche Zuständigkeiten mit dem öffentlichen Wunsch nach verlässlicher Information.

Am Abend des 20. Dezember, 24 Stunden nach dem Anschlag, weiß die Öffentlichkeit noch nichts über Hintergründe oder Motive. Aber die ohnehin nächstliegende Vermutung hat sich längst festgetreten, auf allen Seiten, auch dank des Zusammenspiels sozialer und redaktioneller Medien. Vielleicht ist in allen Reaktionen viel, viel mehr Weltbewältigung im Spiel, als irgendjemand sich eingestehen mag.

Das Brandenburger Tor wird angestrahlt, mit der Berliner Flagge, in Rot-Weiß-Rot. Der Bär in der Mitte ist nicht gleich zu erkennen, jemand fragt: Wieso denn die polnische Fahne jetzt? Wegen des Fahrers oder was?

Am Abend eine Wendung, was den ex-verdächtigen Pakistaner angeht: "Wir haben den falschen Mann", wird die Berliner Polizei zitiert. Man kann diese Neuigkeit auf unterschiedliche Weise verbreiten. In einem "Bild"-Bericht wird im Verlauf des Textes erklärt, dass der zunächst festgenommene Mann unschuldig ist. Die Schlagzeile im Vorschaukasten auf Twitter und Facebook lautet aber: "Verdächtiger nach Weihnachtsmarkt-Anschlag freigelassen". Hat das schon Fake-News-Qualität?

Der Titel der "Bild"-Zeitung des nächsten Tages wird getwittert. In riesigen Lettern steht dort "ANGST!". Man kann es als Aufforderung lesen.

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