Betrugsfall OneCoin Wohin ist die »Krypto-Queen« geflohen?

Mit OneCoin versprach Ruja Ignatova Anlegern schnellen Reichtum. 2017 ist sie verschwunden. Ein neues Buch zeichnet den Betrug akribisch nach und liefert Thesen zum Aufenthaltsort der Deutschen.
Gesuchte »Krypto-Queen« Ruja Ignatova (Bild von 2015)

Gesuchte »Krypto-Queen« Ruja Ignatova (Bild von 2015)

Foto: OneCoin Official / flickr.com

Sie tauchte auf wie aus dem Nichts und baute in nur drei Jahren eine Geldmaschine auf, die Milliarden einspielte: Die Geschichte von Ruja Ignatova hätte die einer gelungenen Migrantinnenbiografie bleiben können. Mit zehn Jahren kam sie mit ihren Eltern und ihrem sechs Jahre jüngeren Bruder Konstantin aus ihrem Geburtsland Bulgarien ins kleine Schwarzwaldstädtchen Schramberg, wo sie bald auffiel: durch gute Leistungen in der Schule, ihr Faible für teure Designermode und High Heels sowie eine gewisse Überheblichkeit. Zum Jurastudium wechselte sie nach Konstanz, wo sie promovierte und ihren späteren Ehemann kennenlernte. Später heuerte sie bei der bulgarischen Dependance der Unternehmensberatung McKinsey an.

Doch Ruja Ignatova wollte schon immer mehr, viel mehr, so beschreibt es der britische Journalist und Autor Jamie Bartlett in seinem Buch »The missing Cryptoqueen«, das diese Woche auf Englisch erscheint und die wilde Geschichte der von ihr erfundenen und weltweit vermarkteten Digitalwährung OneCoin erzählt.

Bartlett und die Produzentin Georgia Catt hatten den schier unglaublichen Krypto-Krimi bereits in ihrem gleichnamigen BBC-Podcast aufgearbeitet, der millionenfach heruntergeladen und gehört wurde. Catt war auf dieselbe Weise auf das Thema aufmerksam geworden wie viele spätere Opfer: Bei einem privaten Dinner mit Freunden hatte ein Gast von den angeblich unglaublichen Verdienstmöglichkeiten vorgeschwärmt. Sie wurde erst neugierig, dann misstrauisch. Die Produzentin wandte sich an Bartlett, der viel zu Digitalthemen publiziert und sich mit diversen Büchern dazu bereits einen Namen gemacht hatte. Mit seinem neuen Werk setzt er auf den gemeinsamen Podcast auf und liefert eine detailreichere und aktualisierte Darstellung der Saga nach, die mittlerweile Strafverfolger und Gerichte vieler Staaten beschäftigt – in Deutschland laufen Verfahren bei den Staatsanwaltschaften Bielefeld und Darmstadt.

OneCoin wurde zu einer Art Sekte

Eine der faszinierenden Fragen der OneCoin-Geschichte ist, wie die Gaga-Währung jemals so begehrenswert werden konnte, dass mehr als eine Million Menschen von Neuseeland bis Uganda Teil der »One-Familie« werden wollten und teils einen Großteil der eigenen Ersparnisse investierten.

»Dr. Ruja« spielte mit ihren Werbeauftritten dabei eine große Rolle, wie Bartlett schreibt. Mit ihrem flamboyanten Luxusleben lebte sie vielen offenbar einen Traum vor: Partys mit Hunderten Gästen und Privat-Gigs von Popstars wie Tom Jones gehörten ebenso dazu wie eine Luxusjacht und ein Penthouse mit Pool in London, neben diversen weiteren Immobilien. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere trat sie in der Wembley-Arena in London zu »This girl is on fire« auf die Bühne, ihre Anhängerinnen und Anhänger feierten sie wie einen Popstar, es gab Feuerwerksfontänen. Neben einer Reihe von Bodyguards beschäftigte sie da schon eigene Visagisten, spätestens ab Mitte 2015 habe sie auch mit diversen Schönheitseingriffen begonnen, heißt es im Buch. Offenbar entwickelte sich OneCoin für viele Anleger zu einer Art Sekte, mit der gebürtigen Bulgarin, die zwischenzeitlich die deutsche Staatsangehörigkeit erlangt hatte, als ihrem Guru, der ein besseres, glücklicheres Leben verhieß. Ihre gutgläubigen Anhänger grüßten sie mit einem eigenen Handzeichen, bei dem Zeigefinger und Daumen den Buchstaben O formten.

Dabei vertrieben Ignatova und ihre Partner gar nicht die Digitalwährung selbst, sondern nur angebliche Schulungsmaterialien, die sie zum Teil einfach aus anderen Quellen zusammenkopierten. Starterpakete kosteten um hundert Euro, die teuersten bis zu 118.000 Euro. Sie trugen klangvolle Namen wie »Executive Trader« und enthielten Token, die später irgendwann in OneCoins umgewandelt werden sollten. Das Wort »später« sei bei OneCoin ohnehin zentral gewesen, so Bartlett, das Vertrösten gehörte zum Geschäftsmodell. Immer wieder wurde ein sogenanntes Coin-Offering angekündigt, immer wieder versprochen, dass OneCoins eines Tages auch auf großen Kryptobörsen gehandelt würden. Wer nicht nur Schulungspakete kaufte, sondern selbst neue Käufer warb, erhielt dafür direkte und indirekte Provisionszahlungen. Viele Einsteiger überredeten daher Freunde, Familie und Bekannte, viele im guten Glauben, ihnen alle finanzielle Unabhängigkeit und eine bessere Zukunft zu verschaffen.

Neben dem Vertriebskonzept sei es vor allem die Idee einer neuen Digitalwährung gewesen, die OneCoin zu einem der wohl größten Finanzbetrugsskandale der Geschichte werden ließ, der Bartletts Schadensbilanz zufolge in einer Liga mit dem um den Wall-Street-Betrüger Bernie Madoff spielt. Immer wieder erzählten Ruja und ihre OneCoiner in Werbeveranstaltungen die Geschichten von frühen Bitcoin-Investoren, die mit minimalen Einsätzen unfassbar reich geworden seien. Wer das verpasst habe, bekomme mit OneCoin eine neue Chance, lautete Rujas zentrales Versprechen – denn der OneCoin sei wie Bitcoin, nur besser, ja sogar ein »Bitcoin-Killer«. Ignatova setzte Bartlett zufolge auf den »Fomo«-Effekt, also auf die »fear of missing out«, die Angst, auch die nächste große Chance zu verpassen.

Bartletts Buch ist die bisher detaillierteste und aufschlussreichste Darstellung des fulminanten Aufstiegs von Ruja Ignatova zur gefeierten »Krypto-Queen« – vor allem aber die ihres Falls. Es zeigt auch, wie sehr die Protagonistin unter Stress gestanden haben muss. Und dass es deutliche Warnzeichen gab, frühere Betrugsvorwürfe inklusive. Auf dem Höhepunkt ihrer kurzen OneCoin-Karriere stand sie in Deutschland vor Gericht. Zusammen mit ihrem Vater hatte sie 2010 in Waltenhofen im Allgäu ein Gusswerk übernommen und später quasi über Nacht wieder verkauft – zuvor waren aber wichtige Produktionsanlagen weggeschafft worden. Unter anderem wegen Insolvenzverschleppung und Betrugs verurteilte das Amtsgericht Augsburg Ruja Ignatova im Oktober 2016 zu einer Strafe von 14 Monaten auf Bewährung.

Damals stotterte die Betrugsmaschine rund um den OneCoin bereits. Dass sie nicht viel eher krachend in sich zusammenfiel, lag auch daran, dass viele nicht genau genug hinschauten. Die Macher eines Blogs namens BehindMLM waren eine Ausnahme. Der Gründer, der sich »Oz« nennt, und die Mitglieder seiner Community erkannten das System früh als »Scam« und warnten unermüdlich davor, mit einer Flut von immer neuen Beiträgen und eigener Recherchen. Es spricht für den Autor Bartlett, dass er die Leistung dieser Bürgerjournalisten ausdrücklich würdigt, sie zu Wort kommen lässt und ihnen sein Buch sogar widmet.

Kreuzt Ignatova auf einer Jacht durchs Mittelmeer?

Für alle, die den Podcast kennen und die OneCoin-Story verfolgt haben, sind die letzten Buchpassagen wohl die spannendsten. Dort geht es um die Frage, was geschah, nachdem Ruja Ignatova in den frühen Morgenstunden des 25. Oktober 2017 mit einem Ryanair-Flug von Sofia nach Athen gereist war. Auch Bartlett kann keine letztgültigen Antworten liefern, aber dafür etwas, was er nach jahrelangen Recherchen, zahlreichen Informantengesprächen und Hinweisen selbst als »best guess« bezeichnet. Demnach wäre die mittlerweile 42-Jährige nicht tot, wie viele vermuten.

Nachdem sie am Athener Flughafen von russischsprachigen Personen in Empfang genommen wurde, habe sie sich wohl für einige Tage in Thessaloniki aufgehalten, wo sie Anteile an einer Tabakfabrik hielt. Danach sei sie unerkannt über Land wieder zurück nach Bulgarien gereist – wo sie unter anderem in Sozopol an der Schwarzmeerküste über Immobilien verfügte und wo ihre Luxusjacht »Davina« im Hafen lag. Nach einer von den deutschen Behörden veranlassten Durchsuchung unter anderem im OneCoin-Hauptquartier in Sofia habe sie Bulgarien erneut verlassen und sei nach Dubai geflohen. Für das Emirat besaß sie eine Aufenthaltsgenehmigung und dort ein weiteres Penthouse, zudem pflegte sie Beziehungen zu einflussreichen Familien, mit denen sie einträgliche Geschäfte machte.

Der Autor berichtet, Ruja habe sich in Dubai relativ offen bewegt und sei mehrfach erkannt worden. Er beschreibt auch ein Anwesen, in das sie sich geflüchtet haben könnte. Den letzten Beweis, dass sie sich im Jahr nach ihrem Verschwinden tatsächlich an dort aufhielt, liefert Bartlett jedoch nicht.

Dafür beschreibt er eine weitere Spur, die auf mehrere anonyme Hinweise zurückgeht. Demnach lebt die OneCoin-Erfinderin seit mindestens 2019 nicht an einem festen Ort, sondern auf einer Jacht, die durchs Mittelmeer kreuzt. Das würde mehrere »Ruja-Sichtungen« in mondänen Küstenorten von Anrainerstaaten erklären, etwa im Sommer 2019 nahe Saint-Tropez in Südfrankreich.

Eine der meistgesuchten Personen Europas

OneCoin-Büro in Sofia (2019)

OneCoin-Büro in Sofia (2019)

Foto: Cylonphoto / Zoonar / IMAGO

Auch nach der Lektüre bleiben also Fragezeichen, sie lohnt aber dennoch. Bartlett liefert eine aufklärerische Recherche, die über den Fall OneCoin hinaus relevant ist. Auch in der aktuellen Kryptokrise fallen noch jeden Tag weitere Gutgläubige auf neue Betrügereien herein, von professionellen Love-Scams bis hin zu neuen »Exit-Scams« im OneCoin-Stil, etwa in der NFT-Szene. Selbst unter dem verbrannten Namen OneCoin versuchen manche, weiter Geschäfte zu machen.

Der Redaktionsschluss des Buches war Anfang des Jahres, neuere Entwicklungen konnte der Autor daher nicht berücksichtigen. Im Mai entschieden sich die Behörden für eine Öffentlichkeitsfahndung nach der »Krypto-Queen«. Bei Europol findet sich ihr Steckbrief seither unter den meistgesuchten Personen Europas, das Fahndungsplakat auf Bahnhöfen und öffentlichen Plätzen. Das BKA warnt mögliche Hinweisgeberinnen zur Vorsicht, sie selbst oder ihre Begleiter könnten bewaffnet sein.

Die Fahndung verändere die Dinge von Grund auf, sagte Bartlett dem SPIEGEL, schon weil sie die fortlaufenden Versuche störe, mit OneCoin weiterhin Menschen zu prellen. Zudem erschwere sie es Ignatova weiter, sich zu bewegen, zumindest innerhalb Europas. »Früher oder später wird das Gesetz sie einholen«, so Bartlett.