Bezahl-Inhalte im Web "New York Times" gewinnt 120.000 Online-Abonnenten

Kann man für Online-Inhalte Geld verlangen? Anscheinend ist das so: In nur 52 Tagen gewann die Onlineausgabe der "New York Times" 120.000 zahlende Abonnenten. Nebenbei stieg auch die Zahl der Print-Abos. Die gebeutelte Branche vernimmt es mit Staunen - und Hoffnung.


Weniger als zwei Monate, nachdem die "New York Times" damit begann, ausgewählte, exklusive Teile ihres Online-Angebotes als "TimesSelect" gegen Zahlung anzubieten, meldete die Zeitung am Mittwoch erste Erfolgszahlen. Demnach abonnierten stolze 135.000 Leser den Online-Service, der für monatlich 7,95 Dollar, respektive 49,95 Dollar im Jahr angeboten wird. 15.000 dieser Leser sind allerdings "Übernahmen" aus einem früheren Pay-Angebot, was die Zahl der echten Online-Neukunden auf immer noch stolze 120.000 senkt.

Prominenz und exklusive Inhalte gegen Zahlung: Das Rezept geht auf

Prominenz und exklusive Inhalte gegen Zahlung: Das Rezept geht auf

Das ist in mehr als einer Hinsicht ein wichtiges Signal, und nicht nur für die "Times".

Denn Erfolg hatten die New Yorker auch mit einer anderen Strategie: Der Payservice ist kostenlos für Abonnenten der Printausgabe. Über die aber erwirtschaftet die "New York Times" das Gros ihrer Umsätze. Der kostenlose Zugang zu den Online-Payangeboten erwies sich nun als attraktives Incentive, die Zeitung gleich mit zu abonnieren: Weitere 135.000 neue Leser für die gedruckte Ausgabe soll die "Times" so in den letzten sieben Wochen gewonnen haben.

Davon träumen Verleger in aller Welt, denn die Zeitungskrise mit schwindenden Werbeumsätzen und bröckelnden Auflagen ist wahrhaft global. Zugleich boomt zwar der Online-Sektor, kann aber durch Online-Werbung nicht ausgleichen, was die Zeitungen an Print-Werbung verlieren. Seit Jahren suchen Verleger darum nach Strategien, wie man Leser dazu bewegen könnte, für Online-Angebote zu bezahlen.

Das Rezept der "New York Times": Mit sehr meinungsfreudigen Inhalten. Während Nachrichten und ausgewählte Artikel aus der Zeitung nach wie vor über die frei zugänglichen Teile des Web-Angebotes verbreitet werden, glänzt "TimesSelect" vor allem mit kommentierenden und analysierenden Formaten. Darüber hinaus bietet "TimesSelect" Zugang zu den Archiven der Zeitung, Vorab-Veröffentlichungen aus der Sonntagsausgabe, multimediale Specials und regelmäßige Interaktiva wie Chats und Nachfragerunden mit den prominenten Kolumnisten.

Und das mit Erfolg: Knapp mehr als 90 Prozent aller Leser, die sich für ein kostenloses 14-tägiges Probeabo registrierten, blieben dabei.

Abzuwarten bleibt, ob dieses Rezept auch für andere nutzbar ist, oder ob der Erfolg der "Times" einen weiteren Schritt hin zu einer fortlaufenden Konzentration des Marktes auf wenige, meinungsbildende Marken markiert. Die "New York Times" jedenfalls hofft, mittelfristig deutlich sechsstellige Leserzahlen im kostenpflichtigen Angebot halten zu können, wie Online-Vize Martin Nisenholtz der Publishing-Webseite "Editor & Publisher" verriet. Die langfristige Perspektive aber dürfte Verleger alter Schule eher ängstigen: Millionen zahlender Online-Leser wünscht sich Niesenholtz nicht aus Gier, sondern weil er davon ausgeht, dass sich "Zeitung" vom Print ins Onlinemedium verlagern wird.

Frank Patalong



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