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02. Juli 2010, 12:43 Uhr

Bezahl-Internet

Die "Times" traut sich (noch nicht so richtig)

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Fünf Wochen, nachdem die renommierte "Times" begonnen hat, Zugang zum Web-Angebot nur noch nach Registrierung zu gewähren, folgt nun der zweite Schritt: Ab sofort muss bezahlt werden. Entgegen bisheriger Ankündigungen gibt es aber vorerst satten Rabatt: 30 Tage zum Preis von einem.

Auf diesen Tag hat die Medienbranche weltweit mit Spannung gewartet: Rund einen Monat, nachdem die "Times" auf ein für die Leser zunächst kostenloses Registrierungsmodell umgestellt hat, wurde sie am Freitag, dem 2. Juli 2010, zu einer kostenpflichtigen Seite. Ohne Zahlung läuft nichts mehr, wenn man von wenigen Probier-Häppchen absieht, die die Website aus werblichen Gründen noch anbietet. Spätestens, wenn man auf einen der auf der Webseite des alten Angebotes noch immer sichtbaren Artikel klickt, wird man auf die neue Plus-Webseite umgeleitet und zur Kasse gebeten. So hatte Rupert Murdoch das vor rund einem Jahr schon angekündigt, so passiert es nun.

Allerdings mit angezogener Handbremse. Zwar heißt es nun auf der neuen "Times+"-Webseite, der Vollzugang koste ein Pfund am Tag oder zwei Pfund pro Woche. Vorerst aber kostet er ein Pfund im Monat - die "Times" macht damit ohne Ankündigung ein weiteres Schnupperangebot. 30 Tage zum Preis von einem, sozusagen.

Das kann man als Versuch deuten, den registrierungs- und eventuell zahlungswilligen Teil der Leserschaft mit einem niederschwelligen Angebot sanft ans Bezahlen zu gewöhnen. Man könnte es aber auch als Reaktion auf den Schock über die schon jetzt sichtbare Schmelze der Leserzahlen sehen: Die Web-Statistiker von Alexa konstatieren der "Times" einen Rückgang der Leserschaft um 31 Prozent in den letzten vier Wochen (siehe Grafik in der linken Spalte). Ein Drittel der bisherigen Leserschaft war also noch nicht einmal bereit zu einer kostenlosen Registrierung.

Möglicherweise aber sieht es sogar noch schlimmer aus: Laut Hitwise, einem anderen renommierten Web-Traffic-Beobachtungsunternehmen, ist die Reichweite der Times Online innerhalb des britischen Marktes in nur einem Monat als Registrierungsseite um 60 Prozent gefallen. Das aber, glaubt Robin Goad, Marktforscher bei Hitwise, sei wohl sogar ein weniger erheblicher Rückgang, als viele Marktbeobachter erwartet hatten - also fast eine positive Nachricht.

Auf Murdochs Experiment schaut die ganze Branche

Die neuen Webseiten, behauptet auch News-International-Managerin Rebekah Brooks derweil, seien von der Leserschaft sehr gut angenommen worden. Im Forum des "Guardian" spottet derweil ein Leser, dass der Erklärungsartikel zum Bezahlmodell der "Times" nur noch abgerufen werden könne, wenn man vorher bezahle. So etwas bezeichne man im Web wohl als "epic fail" - als lustiges, kapitales Versagen.

Journalisten der britischen Leitmedien halten sich derweil mit Kommentaren und Prognosen noch vornehm zurück. Kein Wunder: Kaum jemand erwartet zwar, dass Murdochs rigoroser Schritt, seine Zeitungen im Web kostenpflichtig zu machen (andere Titel sollen bald folgen), ein Erfolg wird. Im Grunde aber hoffen alle darauf, dass sich der Schritt nicht als Fehler erweist.

Fehler produziert das Anmelde- und Zahlungssystem derweil auch auf anderer Ebene: Am Freitagmorgen schickte die Webseite Kunden, die bezahlt hatten, mitunter in stundenlange Warteschleifen, bis der Zugang tatsächlich freigeschaltet wurde. Das seien wohl "Teething Problems" kommentierte Roy Greenslade im "Guardian": Im Deutschen würde man da von "Kinderkrankheiten" sprechen, aber das im Englischen gebrauchte Bild trifft es weit besser - bekanntlich schmerzt es kräftig, wenn man Zähne bekommt.

Wie groß der Schmerz am Ende ausfällt, ist genau die Frage, auf deren Antwort die Medienbranche weltweit wartet. An Rupert Murdochs Experiment am lebenden Zeitungsobjekt mag sich entscheiden, ob es international wirklich zu einem Trend zum Bezahlzugang im Web kommt. Wenn nicht, müssten andere Lösungen her: Werbung allein, das hat sich in den letzten zwei Jahren erwiesen, reicht nicht mehr aus, die aufwendigen Angebote zu refinanzieren, die Leser im Web erwarten.

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