Bildbearbeitung So schön macht das Pixel-Skalpell

Wangenknochen hoch, Augen weit, Brüste größer - natürliche Schönheit ist nicht schön genug. Ohne massive Eingriffe in digitale Bilder wären selbst Top-Models nicht gut genug für die Zeitschriften-Cover. Im Web verraten Bildbearbeiter die Tricks der Branche.

Ein flinker Mauszeiger rast über ein fleckiges Gesicht. Klickklickklick und die Flecken sind weg. Der Mauszeiger erweckt fade Augen zum Leben, streichelt Lippen prall, hebt Wangenknochen, weitet Wimpern, zementiert Six-Packs, transplantiert Star-Frisuren und Schwimmer-Beine.

Klickklick, weg mit dem Fettpölsterchen, klackklack, endlich richtige Augenbrauen. Plötzlich das Auge, viel zu groß! Ein Zupfen und Klicken, und die Wimpern wachsen lang. Doch viel zu schlafzimmern ist er nun, der Blick. Ein Lächeln wider die Natur, dann der finale Rettungsklick: "Löschen!" Mein ganz persönliches Project Beauty: zum Scheitern verurteilt. Eigentlich ist das so einfach, aber nur, wenn man es kann. Ich werde auch mit Software-Hilfe einfach nicht schöner.

Inspiriert von Doc Baumanns Bildtrickser-Anleitung "So entstehen Photoshop-Schönheiten" machte ich mich daran, mich selbst im Grafikprogramm zu verschönern. Lernen vom Profi? In meinem Fall zwecklos. Was schon mit den virtuellen Schminkspiegeln im Netz dramatisch scheiterte, biege ich auch nicht mit Mausgewalt hin. Mein Gesicht ist ein Feld, das ich echten Photoshop-Helden überlassen muss. Denn über die digitalen Bildtricksereien aus dem Software-Baukasten die Nase zu rümpfen, ist gänzlich unangebracht: Das wirklich gut zu tun, ist eine Kunst.

Zum Glück lassen sich diese Profis gern über die Schulter schauen. Zeigen in Videos, mit Vorher-Nachher-Beispielen und aufwendigen Detailvergleichen, wie runzlige Stars per Weichzeichner, virtuellem Airbrush und reichlich digitaler Knochenarbeit auf Cover-Niveau getrimmt werden. Und selbst wenn sich Grafiker und Modells in Schweigen hüllen: Man kommt den gutgehüteten Geheimnissen der Pixeldoktoren sogar per Software auf die Spur.

Wie weit gehen digitale Schönheitsoperationen? Tauchen Sie mit SPIEGEL ONLINE ein in diese Welt der Lügen, Illusionen und vertuschten Augenränder:

Der lange Weg zur Seite eins

Es sind zwei Bilder , die das Mediendasein eines alternden Stars und die heilende Kraft der Fotobearbeitung auf den Punkt bringen: Popstar Madonna vor und nach der Schönheitsoperation im Photoshop. Die 51-Jährige gilt als Inbegriff der modernen Selbstvermarktung, ihr Körper als Projektionsfläche für Wünsche nach einem Dasein jenseits der ganz normalen Alterung.

Doch darüber wird der Grafiker, der aus dem Fotoshoot-Material ein Covergirl basteln musste, nur herzlich lachen können. Bestweekever.tv lästert: "Ein Leser hat uns diese 'Vorher-Nachher'-Bilder geschickt. Oder sollen wir sagen: Nachher-nachher?"

Auf dem Weg nach vorn: Spotlight statt Spot Light

Die Foto-Nachbearbeitung ist der letzte Schritt auf dem Weg zum Covergirl. Was bis dahin Stylisten, Fotografen und Mutter Natur nicht in den Griff bekommen haben, wird durch den Pixelwolf gedreht. Auf zahllosen Websites gibt's Vorher-Nachher-Stars, Vorher-Nachher-Normalos, Vorher-Nachher-Tierbilder. Ein paar Link-Empfehlungen: Photoshop-Magier Daniel Pacini  holt viel Glamour aus guten Fotos, verwandelt Angeberautos in Traumkarossen, puzzelt Tänzer in Colaflaschen und pimpt Einkaufswagen.

Greg Apodaca  spielt zwar in einer anderen Liga, zeigt aber eindrucksvoll, wie schnell ein Bierbauch weggepixelt ist. Hemmy.net  hat ein paar Veränderungen bei Stars und Modells ausgemacht. Auf Nason Art gibt's gleich 50 Vorher-Nachher-Bilder auf vier Seiten (1 , , , 4)  verteilt. Bei vielen Models reichten Detailänderungen, um das Erscheinungsbild komplett zu ändern. Aber es geht auch weniger subtil - in der Kunst des Extreme Retouching ...

Extreme Retouching: Neue Haut

Dass Schönheit keine technischen Grenzen kennt, zeigen Hobbygrafiker in Photoshop-Duellen auf YouTube: In der Disziplin "Extreme Retouching" nehmen sie sich ausgesprochen hässliche oder unglückliche Porträts vor, schauen, wie weit man mit digitaler Nachbearbeitung gehen kann.

Die Antwort: sehr weit.

Andere Beispiele: YouTube-Nutzer lllForBiddeNlll sucht sich ein Zufallsbild im Internet und hübscht es reichlich auf . Auch der PhotoshopSurgeon sucht sich Herausforderungen , eine nicht mehr ganz realistische, dafür umso eindrucksvollere Verwandlung bringt GeninHogalvao  zustande, und YoussefS ist ganz ehrlich mit seinem Photoshop-Projekt "Die perfekte Lüge" .

Im Durchschnitt richtig schön

Ganz automatisch und fast ohne Zaubermaus berechnet die "Durchschnittsgesicht" -Software der University of Aberdeen aus mehreren Porträtfotos ein durchschnittliches Gesicht. Auch mit eigenen Bildern kann man da zeigen, wie schön "ganz normal" ist. Trostpflaster für alle Normalos: Der Durchschnitt ist ja nie normal, sondern etwas jenseits des Normalen.

Die Lügen der Schönheitsindustrie aufgedeckt

Der Medienkünstler Evan Roth ist ein Nerd, der mit Nerd-Mitteln aufdeckt, wie die Medienindustrie arbeitet. Sein Detouch-Programm  analysiert Vorher-Nachher-Bilder, zeigt mit verschiedenen Berechnungsmethoden, wo Bilder digital verändert wurden. Die Bilder bezieht das Programm von diversen Vorher-Nachher-Websites, es ist also auch ein gutes Link-Verzeichnis.

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.