Ungenaue Algorithmen Google stufte Impfforscherin zur "Ehefrau" herab

Die Medizinerin Özlem Türeci ist maßgeblich für die Entwicklung eines möglichen Corona-Impfstoffs verantwortlich. Die Google-Suche machte aus der Topforscherin jedoch eine "Ehefrau von". Woran liegt das?
Özlem Türeci mit ihrem Ehepartner Uğur Şahin: "Diese Systeme sind nicht immer perfekt"

Özlem Türeci mit ihrem Ehepartner Uğur Şahin: "Diese Systeme sind nicht immer perfekt"

Foto: Stefan F. So¤mmer / imago images/Sämmer

Wenn die Welt derzeit auf Deutschland blickt, dann liegt das auch an einem Forscherpaar. Özlem Türeci und Uğur Şahin entwickeln mit ihrem Mainzer Unternehmen Biontech und dem Pharmakonzern Pfizer einen Impfstoff gegen das Coronavirus. Am Montag konnte das Ehepaar erste Erfolge berichten: Zwischenergebnisse aus einer wichtigen Studienphase zeigten, dass ihr Impfstoff einen 90-prozentigen Schutz vor Covid-19 biete, hieß es.

In den Medien wurde Biontech für die vielversprechenden Nachrichten gefeiert. Im Fokus stand dabei oft vor allem Uğur Şahin. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung " freute sich über den "Impfstoff-Erfinder", der Fernsehsender n-tv zeigte sich begeistert über den "bescheidenen Visionär", die "Bild"-Zeitung glaubte gar, den "Vater des deutschen Impfstoff-Wunders"  gefunden zu haben. Wer nach der "Mutter des Wunders" suchte, musste die Texte nach ihr durchforsten – oder ihren Namen auf Google eingeben.

Ehefrau durch Suchmaschine

Dort ergab sich jedoch ein ähnliches Bild. Im Info-Kasten, dem sogenannten "Knowledge Panel", den Google bei gewissen Suchanfragen automatisch generiert, wurde Türeci zuletzt als "Ehefrau von Uğur Şahin" geführt. Im Gegensatz zu ihrem Mann, der korrekt als "Vorstandsvorsitzender, BioNTech" bezeichnet wird.

Dabei ist Özlem Türeci eine anerkannte Krebsforscherin mit zwanzigjähriger Berufserfahrung. Die Tochter eines türkischen Arztes leitet die Abteilung für Klinische Entwicklung bei Biontech, ist Vorsitzende eines Forschungs-Spitzenclusters des Bundesministeriums für Bildung und Forschung sowie Präsidentin von CIMT, dem größten europäischen Verband für Krebsimmuntherapie.

In sozialen Netzwerken sorgte diese Diskrepanz für Kritik. Google-Sprecher Kay Oberbeck reagierte auf Twitter mit einer knappen Ankündigung: "Da sind wir dran, danke für den Hinweis." Am Dienstagnachmittag wurde die Verkürzung von Türeci zur Ehefrau in der zusammenfassenden Kurzbiografie von Google geändert.

Für den Konzern ist die Degradierung eine von vielen "Ungenauigkeiten", die innerhalb der Info-Kästen auftreten können. "So wie wir automatische Systeme haben, die Fakten für das Knowledge Panel sammeln, haben wir auch Systeme, die verhindern sollen, dass Ungenauigkeiten auftreten", schreibt eine Sprecherin. "Diese Systeme sind jedoch nicht immer perfekt."

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Diskrepanz auch in der Suchmaske

Auch bei einer Vorschau im Suchfeld wurde Türeci als "Ehefrau von Uğur Şahin" angezeigt. Bei Şahin wird dort sein Job als Biontech-Chef genannt. Seine Leistungen werden dabei völlig zu Recht hervorgehoben. Auch er ist ein Kind türkischer Einwanderer, lehrt seit fast 15 Jah­ren an der Uni­ver­si­tät Mainz und gilt als einer der renommiertesten Krebsforscher der Welt. Nur gilt das eben auch für seine Partnerin.

Tatsächlich ist Özlem Türeci nicht die einzige Frau, die von den Google-Algorithmen zuallererst über ihre Männer definiert wurde. Die ehemalige amerikanische Präsidentschaftskandidatin und Außenministerin Hillary Clinton bezeichnet die deutsche Google-Suche als "ehemalige US-amerikanische First Lady", ebenso wie die Frauenrechtlerin und Diplomatin Eleanor Roosevelt.

Wie sexistisch sind die Algorithmen?

Info-Kästen, wie sie Google zusammenträgt, sind keine redaktionellen Beiträge. Sie erscheinen automatisch, wenn Nutzer nach Personen, Orten, Organisationen oder Dingen suchen, die im firmeneigenen "Knowledge Graph" erfasst sind. So bezeichnet der Suchmaschinenkonzern sein versammeltes Wissen, eine Art Datenbank, in der Informationen miteinander verknüpft, katalogisiert und im richtigen Moment hervorgekramt werden.

Die daraus gebauten Knowledge Panels werden aus verschiedenen Quellen generiert. Das können laut Unternehmensangaben Datenpartner sein, etwa bei Musik- und Unternehmenszahlen, oder "offene Webquellen", also zum Beispiel Nachrichtenmedien oder Wikipedia. Trotzdem kann Google eingreifen, wenn die Algorithmen Fehler machen. Prominente oder andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens erhalten laut Firmenangaben  sogar "Möglichkeiten zur direkten Einflussnahme." Sie dürfen ihre Info-Kästen bei Bedarf selbst schreiben.

Hat nur die deutsche Google-Suche ein Problem?

Das erklärt jedoch nicht, warum die deutschen Algorithmen offenbar schlechter arbeiten als ihre internationalen Pendants. Wer nämlich in der amerikanischen Google-Suche etwas über Özlem Türeci herausfinden will, dem wird sie im Knowledge Panel als "Medical research scientist" vorgestellt, ebenso in der spanischen und französischen Google-Suche. Eine "Wife of" ist sie lediglich bei der Vorschau im Suchfeld.

Ein Grund für die internationalen Unterschiede könnte die übermäßige Berichterstattung in deutschen Medien sein. Wurde hierzulande über Türeci geschrieben, dann tauchte meist auch an prominenter Stelle ihr Ehemann auf. In der amerikanischen Presse wurde hingegen weniger über Biontech geschrieben, hier muss sich Google stärker auf Wikipedia und ähnliche Quellen verlassen. Dort taucht die Beziehung zu Uğur Şahin erst im allerletzten Satz auf. Mit anderen Worten: Die deutschen Knowledge Panels sind nur so sexistisch wie die Medien, aus denen sie gebaut werden.

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