Kurssturz in der Coronakrise Bewährungsprobe für Bitcoin

Bitcoin wurde 2008 aus der Krise geboren. Angesichts überraschend starker Kursverluste muss die Digitalwährung derzeit aber selbst ihre Krisentauglichkeit beweisen. Gelingt das?
Von Friedemann Brenneis
Frau mit Schutzmaske im polnischen Krakau: Wie schlägt sich Bitcoin in der Krise?

Frau mit Schutzmaske im polnischen Krakau: Wie schlägt sich Bitcoin in der Krise?

Foto: NurPhoto/ Getty Images

Um erfolgreich zu sein, braucht man eine gute Story. Das wusste wohl auch Satoshi Nakamoto, als er im Oktober 2008 erstmals öffentlich in Erscheinung trat und Bitcoin präsentierte - sein Konzept eines alternativen Geldsystems, in dem Staaten und Banken künftig keine Rolle mehr spielen sollten. Jahrelang hatte er, dessen wahre Identität bis heute ungeklärt ist, zuvor im Stillen daran gearbeitet. Nun schien der perfekte Zeitpunkt gekommen, die Idee in die Praxis zu überführen. Was Satoshi Nakamoto dafür jedoch benötigte, waren vor allem zwei Dinge. Mitstreiter, die ihm helfen, das Projekt umzusetzen, und ein überzeugender Grund, warum sie das tun sollten. Beides lieferte ihm die Realität.

Nur wenige Wochen zuvor war die US-Großbank Lehman Brothers pleitegegangen. Die sich immer weiter verstärkende Finanzkrise zwang Regierungen auf der ganzen Welt dazu, angeschlagene Banken mit gigantischen Rettungspaketen freizukaufen: aus einer Notlage, die jene Häuser selbst verschuldet hatten und mit dem Geld von Steuerzahlern, die sich wunderten, wie der Staat so schnell viele Milliarden für die Rettung von Banken bereitstellen kann, während es anderswo seit Jahren an Geld fehlte, etwa im Schulwesen.

In diesem Umfeld aus wachsendem Unmut und der Skepsis der Menschen gegenüber einem Finanzsystem, von dem sie zwar abhängig sind, auf das sie selbst aber keinen Einfluss haben, fiel Satoshi Nakamotos Idee auf fruchtbaren Boden. War Kritik am Finanzsystem zuvor nur belächelten Außenseitern und vermeintlichen Spinnern vorbehalten, machten dessen offensichtliche Schwächen nun die Suche nach einer ernsthaften Alternative salonfähig.

Das Narrativ erschüttert

Mit Bitcoin versprach Satoshi Nakamoto genau diese Alternative. Ein Geldsystem, das nicht zentral von oben gesteuert wird, sondern von den Menschen, die es benutzen und die daher selbst darauf aufpassen, dass es gar nicht erst zu Schieflagen kommt. Das stabil ist, weil es auf Mathematik statt auf Politik beruht. Das autark funktioniert und daher Sicherheit bietet, wenn die nächste Krise kommt.

Dieses Versprechen eines besseren, krisenresistenten Geldes hat Bitcoin über die Jahre zu einem beispiellosen Projekt werden lassen. Zehntausende Rechner bilden mittlerweile ein globales Netzwerk. Millionen Menschen auf der ganzen Welt nutzen es, um täglich Bitcoin im Wert von Milliarden Euro zu verschicken. Bislang funktionierte Bitcoin damit wie geplant. Doch nun ist auf einmal die nächste Krise da. Sehr viel schneller als erwartet. Und sie erschüttert alles, auch Bitcoin und sein Narrativ.

Als Mitte März alle Märkte angesichts der Coronakrise massiv einbrachen, stürzte auch der Bitcoin-Kurs ab: Binnen einem Tag büßte Bitcoin mehr als 40 Prozent an Wert ein. Diese Reaktion schien selbst langjährige Bitcoiner zu überraschen , obwohl diese das permanente Auf und Ab der Kryptowährung eigentlich gewohnt sind. Schon mehrfach in seiner Geschichte hat Bitcoin enorme Wertzuwächse erfahren, um anschließend wieder 80 Prozent und mehr zu verlieren. Allerdings geschah das meist über einen sehr viel längeren Zeitraum und unabhängig von dem Geschehen auf anderen Märkten. Dieses Mal wurde der Bitcoin-Kurs einfach mit runtergerissen. 

Bitcoin-Kurs im März 2020, dokumentiert bei CoinMarketCap.com: Auch für langjährige Bitcoiner überraschend

Bitcoin-Kurs im März 2020, dokumentiert bei CoinMarketCap.com: Auch für langjährige Bitcoiner überraschend

Foto: CoinMarketCap.com

"Notfalls geht man eben zum Pfandhaus"

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank, überrascht diese Entwicklung nicht: "Wenn es zu schweren Krisen kommt, dann kann sich dem erfahrungsgemäß keine Anlageklasse entziehen." Rechnungen und Mitarbeiter müssten weiter bezahlt werden. Liquidität sei da das Gebot der Stunde und auf der Suche danach würden nun einmal alle Reserven aktiviert, die man habe: Gold, Aktien und eben auch Bitcoin. Selbst Staatsanleihen bester Qualität, sonst eigentlich ein sicherer Anlagehafen, seien in den letzten Wochen verkauft worden. "Notfalls geht man eben zum Pfandhaus."

Der Kursrutsch von Bitcoin hat also nichts mit Bitcoin selbst zu tun. Technisch funktioniert das digitale Geld reibungslos. Seit Satoshi Nakamoto das Protokoll vor mehr als elf Jahren gestartet hat, wird alle zehn Minuten im Bitcoin-Netzwerk verlässlich ein neuer Block mit Transaktionen erstellt und an das dezentral organisierte Kassenbuch, die Blockchain, angehängt. Ganz ohne den Einfluss von Staaten und Banken.

Dennoch offenbart die Coronakrise eine unbequeme Wahrheit, die man in der Bitcoin-Community sonst gern verdrängt. Angesichts von Rettungspaketen, die allein in den USA jetzt schon im Billionenbereich liegen, ist Bitcoin mit einer Marktkapitalisierung von derzeit gut 100 Milliarden Dollar noch immer ein kleines, geradezu unbedeutendes Projekt. Rein rechnerisch würde allein die Cash-Reserve des Google-Mutterunternehmens Alphabet ausreichen, Bitcoin einmal komplett zu kaufen.

Aus Überzeugung dabei

Doch ist das ein Gedankenspiel, das einen wichtigen Aspekt außer Acht lässt. Es mag zwar theoretisch denkbar sein, sämtliche Bitcoins zu kaufen. In der Praxis ist das jedoch faktisch unmöglich. Die meisten stehen nämlich gar nicht zum Verkauf, sondern befinden sich im Besitz von Menschen, die diese Bitcoins aus Prinzip und Überzeugung halten. Die sich zumindest etwas absichern wollen, anstatt voll und ganz auf ein Finanzsystem zu vertrauen, das von einer Krise in die nächste zu rutschen scheint. Auch wenn das System sie zumindest dieses Mal nicht selbst verursacht hat.

Eine Analyse der Transaktionsdaten in der Blockchain stützt diese These. Sie zeigt, dass beim Kurscrash Mitte März vor allem diejenigen Bitcoins verkauft wurden, die erst innerhalb des vergangenen Jahres gekauft wurden . Oder anders gesagt: Je länger sich jemand mit Bitcoin beschäftigt, desto größer scheint das Vertrauen in das digitale Geld. Selbst in turbulenten Zeiten wie diesen.

Wobei Zeit in dieser Hinsicht der entscheidende Faktor ist. Gerade weil das Bitcoin-Projekt derzeit noch viel zu klein ist, um in irgendeiner Weise systemrelevante Bedeutung zu haben, hat es noch die Freiheit, sich ohne Druck weiterzuentwickeln, zu wachsen und zu reifen. Das muss es allerdings auch, soll es tatsächlich einmal zu einer echten Alternative werden.

Ob es das schafft, werden wohl erst die nächsten Jahre zeigen. Auf seine wirkliche Reifeprüfung muss Bitcoin also noch warten. Doch wusste ja auch Satoshi Nakamoto schon, wie wichtig Geduld ist.