Bizarre britische Sportarten Immer drauf auf den Käse!

Keine Region der Erde hat so viele schräge Sportarten hervorgebracht wie die britischen Inseln. Europas Insulaner verfügen über eine unerschöpfliche Phantasie beim Erfinden seltsamer Wettkämpfe - vom Käserennen übers Sumpftauchen bis zum Frettchen-Hoseln. Aber staunen Sie selbst!
Cooper's Hill Cheese-Rolling: Noch Sport oder schon freiwillige Körperverletzung?

Cooper's Hill Cheese-Rolling: Noch Sport oder schon freiwillige Körperverletzung?

Foto: A2800 epa Steve Woods/ dpa

Fußball und Formel 1, Boxen und Skispringen - im Fernsehen ist Sport ein Angebot für die breite Masse, ein ziemliches Einerlei. Liebhaber von Nischensportarten schauen in der Regel in die Röhre. Allein bei Sport-Kleinstsendern kommen auch die Fans von Snooker (tatsächlich ein Top-Sport-Event!), Kickern, Flugzeug-Wettfliegen, Kartrennen, Knobeln (kein Witz: Eurosport, donnerstags, 22 Uhr) oder Indoor Lawn Bowling (bizarr, aber faszinierend) zu ihrem Recht.

Unter Nerds und Humorbegabten erfreuen sich die seltsamen Sportsender, die mangels Lizenzen so erfolgreich die meisten Großereignisse umschiffen müssen, deshalb wachsender Beliebtheit. Bei Ehefrauen hingegen nicht, denn es ist schon ein Problem zu erklären, warum man wegen der Scottish Open im Indoor-Rasen-Kegeln nicht vor zwei Uhr nachts ins Bett kommen konnte.

Wie gut, dass es das Web gibt und dort fast alles on demand und jederzeit. Schnell entdeckt man dann auch, dass Sportarten wie Curling, Kitesurfen oder das grandiose irische Hurling, bei dem so ziemlich alles erlaubt zu sein scheint außer dem Beißen des Gegners, zwar schon ziemlich exotisch anmuten, letztlich aber noch gar keine richtigen Nischenwettbewerbe sind. Was noch auffällt: Die schönsten und schrägsten Sportarten und Wettbewerbe wurden und werden in der angelsächsisch geprägten Welt erfunden.

Die folgenden Videos vermitteln einen schönen Eindruck von der augenscheinlich unermesslichen Kreativität gemeiner Briten, Schotten, Iren und Waliser, sich bizarre Dinge auszudenken und diese dann mit großem Ernst, völliger Schmerzfreiheit und absoluter Begeisterung tatsächlich durchzuziehen. So spaßig das alles ist, fühlen wir verantwortungsvollen Teutonen uns reflexhaft verpflichtet, mahnend anzumerken: Bitte nicht nachmachen!

Und jetzt geht's los:

Shrovetide-Festival - Bolzen für die ganz großen Massen

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Beginnen wir mit den großen Wettbewerben: England gilt als Wiege des Fußballs, und kein Kick-Event der Insel brüstet sich einer weiter zurückreichenden Tradition als das Shrovetide-Festival. Was man im Video oben sieht, sind keine Bilder aus einem Bürgerkrieg, sondern vom jährlich am Karnevalsdienstag und Aschermittwoch veranstalteten Ur-Fußball.

Das Spiel wird dort angeblich seit rund tausend Jahren ausgetragen, dokumentiert ist der vergebliche Versuch eines Verbotes aus dem Jahr 1349. Die Regeln sind einfach: Es spielen die (in den vergangenen Jahren stets um Gäste und Touristen verstärkten) Teams der Unter- gegen die Oberstädter. Das Spielfeld hat knapp fünf Kilometer Länge und umfasst Stadt-, Wiesen- und Waldteile und natürlich den Fluss.

Dem kommt eine nette kleine Funktion zu: Weil die aus Steinpyramiden bestehenden Tore längs zum Wasser stehen, kann man Tore nur aus dem Wasser heraus erzielen. Die zählen erst dann als Punkte, wenn der Ball die Steine dreimal berührt hat. Das ist wegen der oft mehreren Hundert Torwarte, die im Weg stehen, nicht ganz einfach.

Ansonsten erinnern die Regeln an verschärftes Bolzen: Friedhöfe und heilige Stätten sind Tabu, den Gegner zu töten ist verboten, Ball verstecken gilt nicht, und ab 22 Uhr ist Schluss mit Lustig. Klar, sonst bleibt ja keine Zeit mehr für den Pub.

Sumpffußball - nichts geht über ein schönes Matschbad

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Der Vorteil daran, in einer Gegend zu leben, in der es

  • fast ständig regnet und es
  • noch viel Moorboden gibt

ist, dass man durch die Verbindung dieser natürlichen Ressourcen mit Elementen traditioneller Leibesübungen schöne neue Trendsportarten kreieren kann. Der wahrscheinlich in Nordengland erfundene, vor allem aber in Finnland professionalisierte Sumpffußball ist also für nördliche Breiten in etwa das, was Strandfußball für Brasilien ist: Eine attraktive lokale Variante eines Traditionsspiels mit besten Chancen auf zunehmende Popularität.

Klingt unglaublich? Ist es nicht: Seit 1998 in Finnland eine erste geregelte Meisterschaft ausgespielt wurde, findet der Sport überall in Nord- und Westeuropa, wo die natürlichen Gegebenheiten vorhanden sind, immer mehr begeisterte Anhänger. Derzeit sind rund 460 Vereine in Skandinavien, Island und auf den britischen Inseln aktiv. Neben der Weltmeisterschaft gibt es auch einen europäischen Wettbewerb, in Großbritannien bilden sich gerade die Strukturen eines regulären Verbands  heraus.

Die Meisterschaften sind übrigens noch offene Wettbewerbe, wer 150 Pfund zahlt, könnte im Juni 2011 als Team bei der Weltmeisterschaft in Edinburgh teilnehmen. Ohne Training läuft da allerdings nichts: Am Start dürften wieder Spitzenteams wie Unathletico Mudrid, Cowdungbeath, Sporting Abeergut und die Swamp Bog Millionaires sein. Man merkt: Fast so wichtig wie Können ist hier ein cooler Name.

Eton Wall Game - voll gegen die Wand

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Wer glaubt, solche Dinge seien irgendwie prollig, ist auf dem Holzweg. Fußball gilt durchaus als Gentlemen's Sport, und in seiner ebenfalls schon jahrhundertealten Variante des Wall Games braucht man sogar einen elitären Hintergrund: Teilnehmen können nur die Schüler des ehrwürdigen Eton College.

Die Spielregeln sind eine Mischung aus Fußball und Rugby, was wohl etwas mit den Eigenarten des Platzes zu tun hat: Der ist zwar 110 Meter lang, aber nur 5 Meter breit und verläuft entlang einer Mauer. Wie gesagt, man muss das Beste machen aus dem, was man zur Verfügung hat.

Wasserfußball - Mach mich nass, Baby!

Bourton-on-the-Water ist ein charmantes 4000-Einwohner-Kaff in Gloucestershire und gilt als Venedig Südenglands, weil da das Wasser nicht nur von oben kommt, sondern allüberall durchs Städtchen grachtet. Bereits seit dem Mittelalter dokumentieren die Bewohner, dass man Fußball auch spielen kann, wenn man aus gegebenen Gründen ständig nasse Füße bekommt. Wenn schon, denn schon: Gespielt wird hier nur im Wasser. "Aus" ist, wenn der Ball an Land springt. Nie war die Bezeichnung für das, was dann folgt, berechtigter als hier: "Einwurf". Vielleicht könnte man auch "Reinwurf" sagen.

Cotswold Olimpick Games - Schienbeintreten für Fortgeschrittene

Genug Fußball, hier soll es ja nicht um Breitensport gehen. Gar nicht mal so klein ist in Großbritannien die Nische der Cotswold Olimpick Games, wie sie heute heißen. Die teils bizarren Wettbewerbe werden wahrscheinlich seit 1612 veranstaltet - einschließlich des immer wieder beliebten Schienbeintretens (siehe oben).

Anders als beim Kricket, der vielleicht rätselhaftesten Sportart der Welt, bei der man vorher noch nicht einmal weiß, wie lang das Spiel dauern wird, zeigen die Briten hier, dass sie auch einfache Regeln zu schätzen wissen: Wer umfällt, verliert.

World Conker Championships - immer voll draufhauen!

Seit 1965 finden die jährlichen Weltmeisterschaften der Conker-Könner  im englischen Ashton statt. Es gibt Einzelwettbewerbe und Teamwettkämpfe, inzwischen messen sich Spieler aus allen möglichen Nationen miteinander, in denen es Kastanien gibt.

Denn ohne Kastanien geht gar nichts: Das Spielgerät ist eine an einer Schnur befestigte Kastanie. Die Regeln: Man haut mit seiner Kastanie die Kastanie des Gegners, bis eine der Kastanien platzt. Das kann man sich doch gut merken, oder?

Bei den Meisterschaften kommen Hunderte Spieler zusammen, Tausende von Zuschauern vor Ort verfolgen die Wettkämpfe - und natürlich berichtet regelmäßig das Fernsehen.

Cooper's Hill Cheese-Rolling - alles Käse!

Ebenfalls aus den Cotswolds, der Hügellandschaft im Süden Englands, kommt die - schöne? - Tradition des Käserollens. In der Nähe von Gloucester gibt es einen Cooper's Hill genannten Steilhang, der wohl schon vor über 200 Jahren die Steilvorlage für eine weitere, britisch-beknackte Idee lieferte: Alljährlich rasen da teils mit über 100 km/h die Käseräder hinab. Was für das unten stehende Publikum schon nicht ganz ungefährlich ist, aber nichts im Vergleich zu dem, was die Wettbewerbsteilnehmer durchmachen, die versuchen, die Dinger zu fangen.

Trotzdem finden sich jedes Jahr mehr Teilnehmer. Weil 2010 nicht genügend Rettungssanitäter für die Volksmassen aufzutreiben waren, wurde das Rennen  offiziell abgesagt. Nur rund 500 Eifrige rannten daraufhin ohne Notarzt-Puffer heimlich den Hang hinab. Verletzt wurde zum Glück keiner. 2011 soll das immer weiter anschwellende Festival wieder stattfinden - und dann schwillt wohl auch wieder so mancher Knöchel.

Schlammschnorcheln - wir nähern uns dem Tiefpunkt

Llanwrtyd Wells in Wales ist die Geburtsstadt einer weiteren feinen Sportart, die sich ab 1976 vor dem Licht der Welt versteckte. Anders kann man das ja kaum beschreiben: Da steigen Menschen in einen 55 Meter langen Moor-Graben, um nur unter Verwendung von Taucherflossen so schnell wie möglich ins Ziel zu kommen. Traditionelle Schwimmbewegungen sind verboten, denn es geht ja ums Schnorcheln - auch wenn man in der nur entfernt an Wasser erinnernden Brühe garantiert nichts zu sehen bekommt (ist mitunter vielleicht besser so).

Dafür ist die Brühe schön kalt und stinkt, was jedes Jahr mehr Menschen zu den Meisterschaften bringt. Das nicht zu unterschätzende sportliche Element der Rennen führte in den vergangenen Jahren zu einem Aufbrechen der Wettbewerbe in Laien- und Profifelder - der aktuelle Weltrekord liegt bei 1 Minute 30 Sekunden.

Schnorcheln für Profis - ist ja kein Spaß hier!

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Und wie alle schönen Dinge, die als Spaß beginnen, zieht auch bei den Schlammtauchern langsam der Ernst ein. Fast preußisch gut organisiert sind inzwischen die Meisterschaften in Nord- und Südirland, denn natürlich verbreitet sich dieser schöne Sport langsam.

2008 und 2009 stellten die Iren mit Conor Murphy den Weltmeister - der Mann ist normalerweise Triathlet. Um den prestigeträchtigen Titel kämpfen die Sumpftaucher seit 1994, mussten 1995 allerdings einmal aussetzen: wegen Dürre.

Frettchen-Hoseln - nichts für schwache Gemüter

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Zu den aussterbenden britischen Traditionssportarten gehört das Ferret Legging, das einst vor allem in Yorkshire sehr populär gewesen sein soll. Einzelne Wettbewerbe gibt es noch (siehe Video), in den USA sogar so etwas wie eine Meisterschaft.

Die Regeln sind schnell erklärt: Man steckt sich ein hellwaches Frettchen in die Hose und versucht, es dort drin zu behalten. Wer das am längsten erträgt, hat sozusagen gewonnen (kann man natürlich auch anders sehen).

Ihre Wurzeln hat diese charmante Sportart angeblich in der Wilderei. Frettchen lassen sich zur Jagd abrichten. In den angeblich guten alten Zeiten, als Wenige alle und der Rest so gut wie keine Rechte hatte, sollen arme Bauern und später wildernde Bergarbeiter sich ihre Frettchen in die Hose gesteckt haben, wenn der grimme Landlord vorbeiritt. Vielleicht stimmt das, vielleicht ist die Legende aber auch nur Teil des Spaßes. Die Frage, ob die Frettchen das alles ebenfalls amüsant finden oder nicht, trägt übrigens zum Aussterben der Traditionssportart bei.

Blick über den Teich - ducken, da fliegt ein Amboss!

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Viele ihrer seltsamen Wettbewerbe haben auswandernde Briten, Iren, Schotten und Waliser mitgenommen, als sie in die Welt hinauszogen. Aber augenscheinlich nicht nur das: Auch Amerikaner, Australier und Neuseeländer wetteifern nach wie vor mit Europas Insulanern um die Erfinderkrone für beknackte Nischenwettbewerbe. Was auf genetische Prädispositionen hindeutet, zumindest aber auf tief hinabreichende kulturelle Wurzeln.

Exzentrik ist dabei wohl ein Schlüsselwort: Hierzulande eher verpönt, ist sie in angelsächsisch geprägten Ländern eher eine Tugend. In den USA nimmt sie zuweilen martialische Züge an, wie der oben gezeigte Wettbewerb im Amboss-in-die-Luft-Sprengen zeigt. Auch das sollte man übrigens nicht nachmachen.

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