Bizarres Gezerre Website offline, Domain futsch

Tausende Kunden des deutschen Internetproviders Strato sind unverhofft unter die Räder der Netzbürokratie geraten. Erste Seiten sind bereits offline. Strato beklagt die "Cowboy-Manier" seines Ex-Partners in den USA, der die Domains nicht rausrücken will.



Es war einmal eine einfache Frau, die schon viel vom Internet gehört hatte. Sie hieß Lieschen Müller und träumte bereits lange von einem eigenen Plätzchen im Netz.

Weil sie aber nur wenig Geld hatte, ging sie zu einem Händler, der Leuten wie Lieschen Müller einfache und günstige Internethäuschen baute. Der Vermieter hieß Strato. Für ein paar Taler im Monat bekam sie ein Zuhause mit der Adresse lieschen-mueller.org.

Sie schaffte es auch, ein paar Bilder in ihr Häuschen zu hängen, es zu tapezieren und außen rosa anzumalen. Lieschen-mueller.org wurde zu einem trauten Heim - das Glück schien perfekt.

Doch dann, im Januar 2004, kam ein seltsamer elektronischer Brief aus dem fernen Amerika. Alles war auf Englisch, Lieschen Müller verstand kaum ein Wort. Das ganze sah aus wie Reklame. Sie bekam zumindest soviel mit, dass ein Geschäft mit dem Namen "Network" Solutions" von ihr 35 Dollar kassieren wollte für die Miete ihres Hauses. Dabei hatte Müller ja bereits einen Obolus an Strato entrichtet.

Einige Tage später brachte der elektronische Briefträger einen zweiten Brief. Diesmal nicht aus dem fernen Amerika, sondern von ihrem deutschen Vermieter Strato. Sie brauche sich keine Sorgen machen wegen der seltsamen Post von "Network Solutions", es sei alles in Ordnung mit ihrem Haus. Frau Müller solle keinesfalls die 35 Dollar bezahlen, denn sie habe ja bereits bezahlt. Lieschen Müller war beruhigt.

Bis zum ersten Tag im Monat Februar. Denn von diesem Tag an war ihr schönes kleines Internet-Haus plötzlich unerreichbar. Die schöne Tapete, die viele Arbeit nach Feierabend - alles futsch.

Ihr Vermieter Strato sagte ihr, sie solle jetzt besser doch die 35 Dollar bezahlen. In einem neuen elektronischen Brief aus Amerika stand dann aber, dass sie 150 Dollar bezahlen müsse, wenn sie ihr Haus je wieder betreten wolle. Andernfalls werde ihr Internet-Heim zwangsversteigert. Lieschen Müller war ganz verzweifelt und wusste weder ein noch aus.



Die Geschichte von Lieschen Müller und ihren eigenen vier Online-Wänden ist kein Märchen. Nicht nur, weil ihr das obligatorische Happy End fehlt. Sie ist wahr und hat sich hundertfach, ja vielleicht sogar tausendfach so abgespielt. Wie viele Kunden des Internetproviders Strato tatsächlich schon ihre Internetdomain verloren haben, will das Unternehmen bis Ende der Woche ermitteln.

Betroffen sind mehr als 200.000 Strato-Domains der Endungen com, net und org. Diese so genannten cno-Adressen konnte der deutsche Provider anfangs ausschließlich über einen Dienstleister in den USA anmelden - die bereits genannte Network Solutions Inc. (NSI). NSI führt eine Art Internet-Telefonbuch für die cno-Adressen. In dieser Datenbank steht zum Beispiel, dass lieschen-mueller.org der Frau Lieschen Müller aus Deutschland gehört und auf welchem Server die rosafarbenen Seiten mit den vielen Familienfotos liegen.

Von Cowbows und Domain-Geiseln

Neuerdings dürfen auch Europäer ein cno-Verzeichnis führen. Um ein bisschen Geld zu sparen, kündigte Strato zum 2. Januar alle Verträge mit NSI und wollte die 200.000 Adressen künftig von einem anderen Dienstleister verwalten lassen. Doch Strato hatte sich die Sache wohl etwas zu einfach gemacht.

Network Solutions betrachtete die Kündigung als weitgehend gegenstandslos. Schließlich sah NSI nicht Strato als seinen Vertragspartner, sondern jeden einzelnen deutschen Domain-Inhaber. Nach der Kündigung durch Strato müssten dann halt die deutschen Domain-Besitzer selbst zahlen, sagte man sich bei NSI und verschickte 35-Dollar-Rechnungen, sobald die jährliche Domain-Erneuerung ("Renewal") anstand. Diese Kosten hatte bislang Strato getragen.

Strato-Aufsichtsrat Rochus Wegener wirft NSI inzwischen "Cowbow-Methoden" vor. NSI versuche, die Strato-Kunden mit unlauteren Mitteln in "Domain-Geiselhaft" zu nehmen, um dadurch teure und unnötige Vertragsbeziehungen zu erpressen. Tatsächlich ist eine einfache Website bei NSI wesentlich teurer als bei Strato.

Der deutsche Provider empfahl seinen Kunden zunächst per Mail, die Rechnungen aus den USA zu ignorieren. Viele folgten dem Rat - möglicherweise ein großer Fehler, der manchen seine lieb gewonnene Internetadresse kosten könnte.

Her mit den Passwörtern!

Inzwischen ist man bei Strato nur noch mit Schadensbegrenzung beschäftigt. Kunden sollten alle von NSI erhaltenen E-Mails an Strato weiterleiten und sämtliche Passwörter rausrücken, mit denen man Zugriff auf die Kundendaten bei NSI hat. "Wenn der Kunde nicht mitwirkt, kann ich wenig machen", gesteht Aufsichtsrat Wegener im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der so schön eingefädelte Registrar-Wechsel ist gründlich in die Hose gegangen.

NSI verlangt von deutschen Domain-Inhabern inzwischen ein unterschriebenes Fax nebst Kopie von Pass oder Ausweis, wenn diese ihre Domain nicht weiter bei NSI führen wollen und stattdessen Strato damit beauftragen. Für Strato ist dies nur eine "weitere Hürde", die NSI aufstellt, um Kunden den Wechsel zu erschweren

Strato sieht den Schuldigen für das Schlamassel allein in NSI. "Wir wollen eine Sammelklage in den USA einleiten", verspricht Wegener. Das Wirtschaftsministerium sei eingeschaltet und habe Beschwerde bei der zuständigen US-Behörde Federal Trade Commission (FTC) eingelegt. Außerdem habe man in Deutschland eine einstweilige Verfügung erwirkt, die es NSI verbiete, mit den Strato-Kunden überhaupt zu kommunizieren. Diese Verfügung werde in etwa drei bis vier Wochen auch in Amerika greifen, eine entsprechende Klage läuft nach Angaben von Wegener.

In Benutzerforen wird der bizarre transatlantische Streit freilich differenzierter gesehen als bei Strato selbst. "Auch wenn es merkwürdig klingt: NSI ist im Recht", schreibt einer der Strato-Kunden. Schließlich müsse sich NSI als Domainverwalter absichern, dass keine Domains geklaut würden, ansonsten drohten Schadensersatzforderungen. "Und die können in den USA sehr hoch sein."

"NSI ist im Recht"

Die aufgebrachten Kunden werfen Strato planloses Handeln vor. Anders wäre es vielleicht gelaufen, wenn Strato schon vor Vertragskündigung mit NSI die Domains übertragen hätte, meint ein Forumsteilnehmer. "Solche Aktionen hätte sich Strato vorher genau überlegen müssen." Ein anderer Kunde schreibt: "Die Aktion ist wieder mal schlecht geplant und vor allem hat man mal wieder vergessen, sich vorher zu überlegen was man tut, wenn etwas nicht so läuft, wie man es sich vorgestellt hatte."

Seinen Ruf hat Strato mit der jüngsten Aktion wohl ein weiteres Mal ramponiert. In den letzten Jahren waren immer wieder Server des Providers ausgefallen, Websites blieben stunden- oder gar tagelang offline. Im Einzelfall gingen sogar Webinhalte von Kunden unwiederbringlich verloren.

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